Bernd Ternes
Demission ist möglich. Europas Verantwortung für ein Unterlassen
von Macht und Durchsetzung
Kurze kommunikationstheoretische Bemerkungen
zur zukünftigen Geschichtsphilosophie des europäischen
Okzidents
Daß spätestens mit dem Bosnien-Krieg innerhalb des gegenwartdiagnostischen
politischen und feuilletonistischen Diskurses Europa ein Machtvakuum,
gar ein Machtloch attestiert wird, das schnellstens auf- und auszufüllen
sei, ist mittlerweile so normal hegemonial geworden, daß die
erste Reaktion ein Kopfschütteln sein muß, so man die
ganz anderes lautende Titelzeile liest. Ist nicht die Zeit wirklich
vorbei, in der alleine die USA für alle „Frieden-durch-Krieg“-Aktionen
den Kopf und den Dollar hingehalten haben? Muß nicht Europa
nach dem Ende des kalten Krieges und dem Beginn der wohl auf Dauer
gestellten unübersichtlichen „Vulkanzeit“ (Matthias
Beltz) eine Bewegung in der zweiten Reihe vollführen und das
wiederholen, was in der ersten Reihe die USA in den Augen konservativer
Theoretiker der Politik als Handlungsmaxime ausgegeben haben: nämlich
einer Politik des Kairos zu folgen und all vorhandene Machtvakua
eiskalt auszunutzen, um den immer umstrittenen Platz des Imperiums
zu besetzen? Das heißt, auf Europa umgebrochen: den begehrten
Platz einer hegemonialen Macht für die Zukunft auf Dauer zu
sichern? Und heißt das nicht: mehr Verantwortung übernehmen,
mehr Interventionen durchführen, mehr Schuld auf sich laden?
Mehr Militäreinsätze, mehr Militärausgaben, mehr
Bilateralitäten in Rechnung stellen? Kurz: Mehr politisch-militärisches
Handeln wagen, und sei es nur, um auf Dauer den ökonomischen
Handel grundlegend zu sichern? Ist nicht Mission, Remission Europas
auf der politischen Weltbühne nicht nur possible, sondern gar
zwingend notwendig?
Im folgenden wird das Gegenteil behauptet: Demission ist möglich,
ja: notwendiger denn je. Europas Verantwortung kann nur historisch
parametrisiert werden, d.h.: mit der kontrafaktischen Einstellung,
daß aus der Geschichte gelernt werden könnte. Und das
heißt, utopisch-realistischerweise: Geschichte unterlassen.
Macht man dies, dann bleibt, so die These, nur eine wirkliche Form
von Verantwortung Europas der Weltengemeinschaften gegenüber
übrig: Europa als Modell, es nicht zu tun. Eine Art Bartlebyisierung
Europas: Ich möchte bitte nicht! – Und dafür kann
man vielleicht einige Gründe finden, auf Umwegen. Indes: Die
Mission der Demission, das Plädoyerhalten für ein Unterlassen
der Wiederholung der bürgerlichen Revolution mit anderen, also
gegenwärtigen Mitteln anders denn mit politisch-ökonomischen
Druck durchzusetzen, bleibt die wahre Utopie – also evakuierbar
in den für viele zerrütteten Container namens Geschichtsphilosophie.
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In Wolfgang Kaempfers stupender Studie „Der stehende Sturm“
aus dem Jahre 2005 wird die Ausführung bestimmter Entwicklungsstadien
des europäischen Kapitalismus und Abstraktivismus immer wieder
rückgebunden an eine überlebensgroße Einsicht: daß
die Ideen, Phantasien, Visionen, Entwürfe und Utopien des 17.
und 18. Jahrhunderts tatsächlich ihre Einlösung, ihre
Realisierung fanden – nämlich im 19. und im 20. Jahrhundert.
Kaum ein Bereich gesellschaftlicher Wirklichkeit und des Daseins
blieb von der Ideenverwirklichung verschont, kaum eine soziale Gruppe
untangiert, kaum eine Vorstellung ungenutzt, um in einem forcierenden,
weitgehend risikobewußten, also die Folgen nicht reflektierenden
Bewußtsein die philosophische Figur namens Renaissance, Neuzeit
resp. den Imperativ „il faut être absolutement moderne“
einzulösen. Die Einlösung bestand operativ in einer Auflösung
der Tradition als Orientierung; die Dinge sollten ihr Gedächtnis
verlieren, um den Weg frei zu machen für das ewige Spiel namens
Auflösung/Rekombination (vulgo: Mehrwert-Heckung).
Die später zur perfectibilité abgemilderte
perfection, zu der das menschliche Wesen der Aufklärung,
der Vernunft und der Sprache im Aufgang der erleuchteten Zeit befähigt
sein, zumindest erzogen werden sollte, zog sich umso gewalttätiger
und rücksichtsloser in die Bewegungen der Freiheit, der Selbstbewegung
des Geistes und des Geldes hinein, je stärker der Verdacht
sich immer wieder Ausdruck verschaffte, daß man mit der ganzen
neuen Zeit und dem ganzen neuen Menschen doch noch einer göttlich-religiösen
Elternschaft subordiniert sei, die zwar stark unter den Druck eines
Liberalismus geriet und den Kindern mehr zu gewähren hatte
– aber eben doch noch die alleinige Verantwortung und die
alleinige Schwere des Entscheidens inne hielt. Gewiß ist Nietzsche
hier die zentrale Verkörperung dieser in sich gegenstrebigen
Fügung und Gefügtheit, die im 20. Jahrhundert massiv zur
kultur- und mentalitätsphilosophischen Grundmetapher des modernen
Lebens ausgerufen wurde: innere Zerrissenheit.
Allein: die Kultivierung der Ambivalenz als zentrale Modellierung
des Welt- und Wirklichkeitsverhältnisses blieb mantischer,
semantischer, kultureller Art. Sie ließ sich nicht implementieren
in die ökonomisch-militärisch-politischen Großkämpfe
der Imperialisierung der Erde, die Europa, mit den Portugiesen an
der historischen Spitze beginnend, führte – führte
mit einer Eindeutigkeit und einer rigorosen Vernichtungs-, da Ausbeutungsbereitschaft,
daß der Gedanke nicht von der Hand zu weisen ist, die Selbstbeschreibungen
der Aufklärung sind umso differenzierter und ambivalenter geworden,
je eindeutiger und imperialistischer sich Europa der Weltnahme widmete.
Ein Zusammenhang übrigens, der bis in die Gegenwart hinein
in der sogenannten Kulturkompensationstheorie positiviert wird,
wenn auch in umgekehrter Richtung. [Die Kulturkompensationstheorie
sieht in der kulturellen Daseinsdimension den Bereich, in der ein
moderner, durch die Weltkomplexität längst überforderter
Mensch eine noch mögliche Ahnung von Harmonie, Kontemplation
und Nachvollziehbarkeit erfahren kann – ästhetisch, versteht
sich. Hier im Text wird dagegen vertreten, daß moderne Kultur(produktion)
eher den Sinn hatte, qua Zelebrierung der Zerrissenheit und Ambivalenz
von den eindeutigen, meist mörderischen und sehr trivialen
Handlungen des Handels abzulenken.]
Einzig die – wohl nur historisch-materialistisch treffend
rekonstruierbare – deutsche Romantik unternahm den Versuch,
das Geschäft des Geschäfts, der Staatenbildung und der
Reichtumsabgrenzung kulturell zu denken: durch Überspitzung
und Transgression des Kulturbegriffs sollte die Stiftung von Identität,
Nation und Übersichtlichkeit sowie auch die Weltnahme in Gänze
als kulturelles Tun, als mentalistisches Projekt entworfen werden
– was zum größten Teil in eine furchtbare politische
Romantik mündete, die ihre verherrende Fruchtbarkeit erst richtig
im 20. Jahrhundert zeigen sollte; was aber auch zu romantischen
Denkfiguren führte, die es für das 21. Jahrhundert fruchtbar
zu machen gilt (Stichwort: Romantisierung der Technologie).
Kurzum: Europas letzten vier Jahrhunderte waren gekennzeichnet
durch eine weltgeschichtlich singulär doppelwertige, wenn nicht
gar paradoxe Beziehung zum Visionären, Phantasmatischen, Utopischen:
Europa nahm einerseits seine (nicht unbedingt europäischen)
Träume ernst dadurch, daß alles versucht und unternommen
wurde, sie zu realisieren (also ein von Aberglauben, Tradition,
von Natur und Unmündigkeit befreites Leben); und sie nahm die
Träume als Träume nicht ernst, weil sie diese verwirklichte,
weil sie das Phantasmatische, das Idealistische der Visionen nicht
als eigene resp. so wirkliche Daseinsdimension achtete – sondern
bloß als vorübergehende, als primäre, uneigentliche,
exposéhafte Trägerschaften einer Entwicklung, deren
Telos eindeutig auf Realisierung, auf Wirkung, auf Wirklichkeit
jenseits der Imagination orientiert zu sein hatte. [Kann man
in der europäischen Geistesgeschichte eine Aufrechterhaltung
der Wahrnehmung für die Paradoxie des Träume-ernst-Nehmens
feststellen, so ist diese für die USA nicht mehr gegeben. Bill
Clintons bei einem Besuch in Berlin Ende der 90er Jahre geäußerte
Auskunft, die USA seien deswegen die führende Nation, die innovativste
und freieste Gesellschaft, die flexibelste Kultur, weil sie wie
keine andere Gesellschaft ihren Träumen folge, ihre Träume
ernstnehme, hat schon jegliche Ambivalenz getilgt.]
Man kann diesen Aufbruch zur Verstofflichung von Vorstellungen,
zur Technisierung und Visualisierung von Imagination, diese Mobilisierung
der Wirklicheit des „Kopfes“ hin zu Realitäten
der Konstruktion im physikalischen Raum an verschiedenen, historisch
unterschiedlichsten Markierungen der Geistes- und Gesellschaftsgeschichte
festmachen – etwa an Francis Bacons Programm einer Neugründung
der empirischen Wissenschaften zu Beginn des 17. Jahrhunderts; an
Immanuel Kants paradigmatischer Drehung des Abhängigkeitsverhältnisses
zwischen Geist und Welt („daß wir annehmen, die Gegenstände
müssen sich nach unserem Erkenntnis richten“; Kritik
der reinen Vernunft) gegen Ende des 18. Jahrhunderts; oder an Napoleons
zäsurbehauptenden Ausspruch, mit ihm höre die Zeit des
Romans auf und die Zeit der Wirklichkeit beginne.
Man kann aber auch – kommunikationstheoretisch motiviert
– etwas „tiefer“ gehen und danach fragen, warum
es überhaupt dazu gekommen ist, daß in Europa eine Matrix
sich aufbauen konnte, die in einen Zeit-Realisierungs-Sog kam, in
ein „Auftrag-Verpflichtungs-Programm“, in ein Missionieren.
[Siehe hierzu die glänzende Studie von Heinrich Popitz,
Wege der Kreativität, 2. erw. Aufl., Stuttgart 2002.]
Was war es, das Europa dazu verpflichtete, im Gedanken des Fortschreitens,
des Fortschritts, des Historisierens und des Historischen die Welt
des Außen und des Innen zu bündeln in einer Welt des
Zukünftigen?
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Gewiß ohne Anspruch auf irgend auch nur einigermaßen
ausreichende Erklärung und unter Absehung spezifischer Koinzidenz
– etwa: ‚strukturelle Affinität’ wissenschaftlicher
Logik, merkantiler Logistik und technischer Mechanik – kann
man sagen: Es war das alphabetische Bewußtsein inklusive Buchdruck,
die ein historisches Bewußtsein, also ein Bewußtsein
vom Vorrang des Textes und vom Nachrang des Kontextes, kreierten.
Vilém Flusser hat diese These in seinem Buch „Kommunikologie“
in klarer Formulierung dahingehend zu Papier gebracht, daß
es nur in Europa und nur mit dieser extensiven Zeiträumlichkeit
gelang, einen vor-alphabetischen Code (die „Volksebene“),
einen linearen Code („Nation- und Bürgerlichkeitsebene“)
und einen universalen Code (‚Logik’, Latein, Geld) so
zu vermischen, daß sich letzterer Code – dieser trug
die okzidentale Geschichte, so Flusser – über die beiden
anderen hegemonial legen konnte und sie damit infizierte mit einem
historischen Bewußtsein. Flusser hebt praxeologisch den Umstand
hervor, „daß seit der Erfindung des Buchdrucks, und
noch deutlicher seit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht,
Menschen eine Schriftsprache erlernen mußten, um sprechen
zu können; daß sie eigentlich nicht mehr sprachen, sondern
unsichtbare Texte vorlasen. Das veränderte ihre Programme grundlegend:
sie wurden linear und alphabetisch programmiert, und das heißt,
sie gewannen ein ‚historisches Bewußtsein’. Das
war das Ende der ‚oralen’ – mythischen, magischen,
rituellen – Existenz und der Beginn des ‚fortschrittlichen’,
modernen Daseins. Die revolutionäre Bedeutung der gedruckten
Bücher ist also nicht in erster Linie in der Entstehung der
Nation, des Nationalismus, der modernen Kriege usw. zu suchen, sondern
weit grundlegender in der Programmierung der westlichen Gesellschaft
für Geschichte, für Fortschritt, kurz für jenes Bewußtsein,
das bislang immer nur Vorrecht einer alphabetisierten Elite gewesen
ist“ [Flusser, Kommunikologie, FFM 1998, p55f.].
Dieses historische Bewußtsein war gleichsam eingespannt in
wechselseitige, quasi-interaktive Kommunikationsverläufe, die
reziprok zwischen den drei Ebenen – universale, nationale,
Volksebene – vermittelten: revolutionär, politisch, technisch,
kriegerisch. Es ruhte letztlich auf einer Kommunikationsstruktur,
wie sie – so Flusser – für das Mittelalter typisch
war: es standen sich hier nur die universale und die Volksebene
gegenüber, mit durchaus asymmetrisch reziproken Verläufen.
Flusser macht nun für die gegenwärtige Kommunikationsepoche
ein Feld auf, das er „Situation ‚Technobilder’“
nennt und das sich dadurch auszeichnet, daß nun Massenebene
und universale Ebene miteinander in codifizierter Beziehung stehen
– doch nicht mehr reziprok, sondern einseitig, und zwar in
Richtung Masse gehend. Gerade in dem Augenblick, so der Autor, „da
das Alphabet zu einem universalen Code zu werden scheint, bricht
eine Revolution aus, welche ganz anders strukturierte Codes zu Trägern
der Informationen machen wird. Nicht immer ist man sich der Dramatik
des Umstandes bewußt, daß das Alphabet eben im Augenblick
seines totalen Triumphes abgesetzt wird“ (p59). Auf den Punkt
bringt es dann die folgende Sentenz: „Die gegenwärtige
Kommunikationsrevolution ist im Grunde nichts anderes als die Rückkehr
zu einer ursprünglichen Situation, welche durch den Buchdruck
und die allgemeine Alphabetisierung durchbrochen und unterbrochen
wurde. Wir sind dabei, zu einem Normalzustand zurückzukehren,
welcher nur 400 Jahre lang durch den Ausnahmezustand, genannt ’Neuzeit’,
unterbrochen war“ (p53).
Was ist nun mit diesen Zitaten und Anschnitten gemeint?
Gemeint ist, damit fürs erste eine Brücke zu schlagen,
hin zu Walter Benjamin. Benjamin schrieb in den Marginalien zu seinem
„Begriff der Geschichte“ sinngemäß, daß
man Marx mit seinem Satz, die Revolutionen sind die Lokomotiven
der Weltgeschichte, vielleicht nicht mehr folgen könne –
denn es könnte sich herausstellen, daß die Revolutionen
nichts anderes sind als der Griff der im Zug reisenden Menschengattung
nach der Notbremse. Der Griff nach der Notbremse, so Dietmar Kamper,
ist kein Machtmittel, sondern reiner Ausdruck der Ohnmacht und des
Scheiterns. Ohnmacht und Scheitern politisch einzugestehen ist gegenwärtig
die größte, schwierigste und mutigste Aufgabe, die politische
Körperschaften des Westens zu bewältigen hätten –
gerade im Rahmen eines ‚Ereigniskorridors’, der durch
das undurchsichtige und bewußt undurchsichtig gemachte Amalgam
aus Terrorismus, Islamismus und weltgesellschaftlichem Werte-Streit
viele Denker dazu animiert, in einer Art wiederholender Farce die
Überlegenheit des Okzidents mit allen Mitteln nicht nur zu
verteidigen, sondern auch wieder zu exportieren. Das Bewußtsein
des Scheiterns, des Gescheitertseins ist aus nachvollziehbaren Gründen
nicht in den USA zu suchen, die in ungebrochener Manier weiter festhalten
an dem „Auftrag“ und gerade durch diese Ungebrochenheit
und Forciertheit andere Gesellschaften in die Lage versetzen, am
alten Spiel des imperialen, kolonisierenden Weltverhältnisses
teilzunehmen/ teilnehmen zu müssen (China und, nach einem Relaunche,
Rußland; doch auch die stete Zunahme der Atommächte gibt
kunde von diesem Zwang, sich im alten Spiel von Unter- und Überlegenheit
zu wähnen). [Um Mißverständnissen vorzubeugen:
Europa ist nicht der gute, USA nicht der schlechte gambler –
auch wenn ich Baudrillards These teile, daß die USA die erste
modern primitive Gesellschaft sei, die aus der Explosionszeit namens
Aufklärung entlassen wurde. Gewiß ist die Tradition reichhaltig,
aus einer politischen Unterlegenheit resp. ob mangelnder Gelegenheiten
für politisch-militärische Interventionen moralische oder
gar historische Überlegenheit zu schlagen – bis hin zum
Kollaps einer solchen doppelbödigen Argumentation, die Krieg
als Verhindern einer „humanitären Katastrophe“
legitimiert. Europa denkt und handelt gleichsam wie jedes kapitalistische
System von der Freigabe von und der Erlaubnis zu ungerechtem Handeln
aus, quasi eines der zentralen Urakte der kapitalistischen Moderne
und zugleich Motiv für Hobbes, diesem Monstrum ein anderes
entgegenzusetzen. Europa will also gleichsam wie alle anderen Mitspieler
Aufträge bekommen – wie sollte es auch anders sein. Der
Unterschied Europas zu anderen besteht schlicht darin, daß
Europa die Entkopplung von Auftrag und Vertrag durchexerzierte.
Dazu Dietmar Kamper, sinngemäß: Europa ist ausgeschert
aus der Völkergemeinschaft der rituell und mythisch „geregelten“
Zeit und hat mit seiner „mathesis universalis“ ein neues
Maß zu setzen versucht: das homogenisierte Kontinuum der Menschenmacht,
das für immer und ewig gelten soll, keine Abbrüche und
Unterbrechungen der Zeit mehr tolerieren darf und Rücksichten
auf die Hinfälligkeit sterblicher Körper verweigern muß.]
Europa, diese einstmals kleinasiatische Prinzessin, könnte
im Gegensatz zur Aufrecherhaltung des alten Spiels ein neues vorschlagen:
das der historischen Pause, um dem historischen Bewußtsein
eine wirklich andere, grundierende Entwicklungslinie zu ermöglichen.
Auch hierfür helfen wieder Flussers kommunikationstheoretische
Überlegungen, diesmal in Gestalt eines Gedankenspiels: „Was
wäre geschehen, wenn allgemeine Schulpflicht, Tagespresse,
politische Pamphlete usw. die Volksebene in Asien, Afrika und Lateinamerika
alphabetisiert hätten, bevor Transistorradios, Lautsprecher
und Fernsehapparate die Alphabetisierung überhaupt in Frage
stellen? Hätte sich auch dort, wie in Europa und Nordamerika,
ein allgemeines verkitschtes Geschichtsbewußtsein entwickelt,
oder wäre es dort besser gelungen, die Volkskulturen umzukodieren?
Das also ist die Situation, in der die gegenwärtige Kommunikationsrevolution
ausbrach: Im Okzident eine soeben universal gewordene Alphabetisierung,
im Rest der Welt eine noch magisch kodierte Volksebene, deren Feedback
zu einer mit sich selbst beschäftigten alphabetisierten Ebene
stark problematische Züge aufweist. Die Massenmedien zerstören
keine ’Volkskulturen’. Sie stoßen auf verkitschte
Dekadenz im Westen und auf eine bereits bedrohte Folklore beim Rest
der Menschheit. Die ’vorgeschichtliche Bewußtseinsebene’
wäre auch ohne sie zum Absterben verurteilt. Ebenfalls zerstören
sie keine ‚lineare historische’ Kultur, keine literarische
Kultur im bürgerlichen Sinn, sondern sie stoßen nur auf
deren inflationierte Reste“ [Flusser, a.a.O., p62f.].
Europas Verantwortung, hier gewendet auf die Kommunikationsmachtverhältnisse
in der Welt, bestünde also darin, mit Macht zu warnen vor dem
Anschluß an eine telekommunikativ sich durchgesetzt habende
Aufrechterhaltung eines Universalen, das nur aus Verlegenheit noch
so tut, als handele es sich um ein historisches, beauftragtes Bewußtsein.
Europas Verantwortung nach innen bestünde in ähnlicher
Weise darin, das bürgerliche Zeitalter als gescheitertes zu
kommunizieren – und nicht nur vermittelt und pervers zu praktizieren,
wie etwa in Gestalt der Abschaffung der Universitäten als der
Betriebsort einer Synthesis durch Bildung.
Europa, besser: Intellektuelle Europas hätten ihre verbleibende
Kraft einzusetzen für die Sichtbarmachung eines anderen Weges
denn den der burschikosen Fortsetzung der modernen Mobilmachung
mit postmodernen Mitteln, wie in den USA und neusten auch in China
zu besichtigen ist. Das Verfolgen einer anderen Auffassung der zukünftigen
Geschichte nicht nur Europas, sondern der Welt hat, nochmals sei
es gesagt, auf einer gegenwartspolitischen und policy-pragmatischen
Ebene der Weltöffentlichkeit Konsequenzen, die zumeist mit
Schwäche, falscher Rücksicht oder mit Unvermögen
zur politisch-ideologischen Durchsetzungskraft verbunden werden.
Aber das ist der Blick der Starken. – Es wäre gegenwärtig
mehr als sinnreich, wenn sich Europa um eine weitgehende politische
und kulturelle Kooperation mit den südamerikanischen Staaten
bemühen würde; sich also alliierte mit den ehemaligen
Opfer-Gesellschaften.
3
Siegfried Giedion, Autor der 1948 publizierten großen Studie
zur Technisierung der Wirklichkeit (’Mechanization Takes Command’),
bündelte sein Erkenntnisinteresse in der Aussage, daß
er wissen wollte, was geschah, als die industrielle Produktion von
der inneren Sphäre des Menschen Besitz ergriff. Auch gegenwärtig
ist davon auszugehen, daß der Graben zwischen technologischer
Vermittlung von Gesellschaft und soziokultureller Verfaßtheit
der Menschen Dimensionen annimmt, die auf eine langanhaltende sozial-
und psychopolitische Krise technophiler Gesellschaften hinauslaufen.
Wie kann man nun zu einer Positionsbestimmung kommen, die zu fragen
erlaubt, wie eine hochtechnologische Produktion von Kultur als
Kultur nun in den Besitz der Menschen kommen könnte? Kultur
wäre zu denken als technologisch erstelltes Produkt, und nicht
mehr nur als Interpretation und Beschreibung des Umgangs mit Produkten
(zur Zeit vornehmlich der Informations- und Kommunikationsindustrie).
Für die Bearbeitung des genannten Grabens und die Erarbeitung
neuer soziokultureller Muster gesellschaftlicher Integration sind
die Erkenntnissonden künstlerischer, d.h. technoästhetischer
Poiesis besonders geeignet. Erlauben sie doch anzuschließen
an die Arbeit der Romantik, die aufkommende artifizielle Gesellschaft
des 18. Jahrhunderts in einen Naturdiskurs einzubetten. Heute ginge
es jedoch nicht mehr um die Spaltung Vernunft/Natur, sondern um
die dringende Neukonfiguration des Verhältnisses von Technik
und Kultur/Kommunikation. Heute ginge es nicht mehr um die Integration
der Techno-Kultur in die conditio humana, sondern um die Erarbeitung
der Kulturisierungspotentiale von Technologie, nachdem die kulturelle
Anthropogenese für die Selbstbestimmung der Menschen brüchig
wird. Es geht, mit einem Wort, um die Aktualisierung der Romantik,
und das heißt: um die Kultivierung von Technologie und Zivilisation
als ein Cultural Engineering, und nicht um die Technologisierung
der Kultur, wie sie durch die Globalisierung nochmals angeheizt
und politisch forciert wurde.
Es geht um eine neue Experimentation von Kultur, nicht um die Fortsetzung
der Experimentation von Natur, die jetzt praktisch angekommen ist
bei der sogenannten „Natur des Menschen“. Europas Verantwortung
ist die Propagierung von Demission in all die Öffentlichkeiten
hinein, die nichts sehnlicher wünschen, als im Club der primären
Industriemächte aufgenommen zu werden. Gewiß wäre
diese Demission gleichsam kulturimperialistisch und mit guten Gründen
bis ins Mark hinein dekonstruierbar – solange die kapitalistische
Rahmung der Weltgesellschaft besteht, ist daran nichts Grundlegendes
zu ändern. Und doch: Rücktritt, vollzogenes Zurücktreten
ist die Voraussetzung dafür, besser sehen zu können.
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