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Bernd Ternes
Demission ist möglich. Europas Verantwortung für ein Unterlassen von Macht und Durchsetzung
Kurze kommunikationstheoretische Bemerkungen zur zukünftigen Geschichtsphilosophie des europäischen Okzidents

Daß spätestens mit dem Bosnien-Krieg innerhalb des gegenwartdiagnostischen politischen und feuilletonistischen Diskurses Europa ein Machtvakuum, gar ein Machtloch attestiert wird, das schnellstens auf- und auszufüllen sei, ist mittlerweile so normal hegemonial geworden, daß die erste Reaktion ein Kopfschütteln sein muß, so man die ganz anderes lautende Titelzeile liest. Ist nicht die Zeit wirklich vorbei, in der alleine die USA für alle „Frieden-durch-Krieg“-Aktionen den Kopf und den Dollar hingehalten haben? Muß nicht Europa nach dem Ende des kalten Krieges und dem Beginn der wohl auf Dauer gestellten unübersichtlichen „Vulkanzeit“ (Matthias Beltz) eine Bewegung in der zweiten Reihe vollführen und das wiederholen, was in der ersten Reihe die USA in den Augen konservativer Theoretiker der Politik als Handlungsmaxime ausgegeben haben: nämlich einer Politik des Kairos zu folgen und all vorhandene Machtvakua eiskalt auszunutzen, um den immer umstrittenen Platz des Imperiums zu besetzen? Das heißt, auf Europa umgebrochen: den begehrten Platz einer hegemonialen Macht für die Zukunft auf Dauer zu sichern? Und heißt das nicht: mehr Verantwortung übernehmen, mehr Interventionen durchführen, mehr Schuld auf sich laden? Mehr Militäreinsätze, mehr Militärausgaben, mehr Bilateralitäten in Rechnung stellen? Kurz: Mehr politisch-militärisches Handeln wagen, und sei es nur, um auf Dauer den ökonomischen Handel grundlegend zu sichern? Ist nicht Mission, Remission Europas auf der politischen Weltbühne nicht nur possible, sondern gar zwingend notwendig?

Im folgenden wird das Gegenteil behauptet: Demission ist möglich, ja: notwendiger denn je. Europas Verantwortung kann nur historisch parametrisiert werden, d.h.: mit der kontrafaktischen Einstellung, daß aus der Geschichte gelernt werden könnte. Und das heißt, utopisch-realistischerweise: Geschichte unterlassen. Macht man dies, dann bleibt, so die These, nur eine wirkliche Form von Verantwortung Europas der Weltengemeinschaften gegenüber übrig: Europa als Modell, es nicht zu tun. Eine Art Bartlebyisierung Europas: Ich möchte bitte nicht! – Und dafür kann man vielleicht einige Gründe finden, auf Umwegen. Indes: Die Mission der Demission, das Plädoyerhalten für ein Unterlassen der Wiederholung der bürgerlichen Revolution mit anderen, also gegenwärtigen Mitteln anders denn mit politisch-ökonomischen Druck durchzusetzen, bleibt die wahre Utopie – also evakuierbar in den für viele zerrütteten Container namens Geschichtsphilosophie.

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In Wolfgang Kaempfers stupender Studie „Der stehende Sturm“ aus dem Jahre 2005 wird die Ausführung bestimmter Entwicklungsstadien des europäischen Kapitalismus und Abstraktivismus immer wieder rückgebunden an eine überlebensgroße Einsicht: daß die Ideen, Phantasien, Visionen, Entwürfe und Utopien des 17. und 18. Jahrhunderts tatsächlich ihre Einlösung, ihre Realisierung fanden – nämlich im 19. und im 20. Jahrhundert. Kaum ein Bereich gesellschaftlicher Wirklichkeit und des Daseins blieb von der Ideenverwirklichung verschont, kaum eine soziale Gruppe untangiert, kaum eine Vorstellung ungenutzt, um in einem forcierenden, weitgehend risikobewußten, also die Folgen nicht reflektierenden Bewußtsein die philosophische Figur namens Renaissance, Neuzeit resp. den Imperativ „il faut être absolutement moderne“ einzulösen. Die Einlösung bestand operativ in einer Auflösung der Tradition als Orientierung; die Dinge sollten ihr Gedächtnis verlieren, um den Weg frei zu machen für das ewige Spiel namens Auflösung/Rekombination (vulgo: Mehrwert-Heckung).

Die später zur perfectibilité abgemilderte perfection, zu der das menschliche Wesen der Aufklärung, der Vernunft und der Sprache im Aufgang der erleuchteten Zeit befähigt sein, zumindest erzogen werden sollte, zog sich umso gewalttätiger und rücksichtsloser in die Bewegungen der Freiheit, der Selbstbewegung des Geistes und des Geldes hinein, je stärker der Verdacht sich immer wieder Ausdruck verschaffte, daß man mit der ganzen neuen Zeit und dem ganzen neuen Menschen doch noch einer göttlich-religiösen Elternschaft subordiniert sei, die zwar stark unter den Druck eines Liberalismus geriet und den Kindern mehr zu gewähren hatte – aber eben doch noch die alleinige Verantwortung und die alleinige Schwere des Entscheidens inne hielt. Gewiß ist Nietzsche hier die zentrale Verkörperung dieser in sich gegenstrebigen Fügung und Gefügtheit, die im 20. Jahrhundert massiv zur kultur- und mentalitätsphilosophischen Grundmetapher des modernen Lebens ausgerufen wurde: innere Zerrissenheit.

Allein: die Kultivierung der Ambivalenz als zentrale Modellierung des Welt- und Wirklichkeitsverhältnisses blieb mantischer, semantischer, kultureller Art. Sie ließ sich nicht implementieren in die ökonomisch-militärisch-politischen Großkämpfe der Imperialisierung der Erde, die Europa, mit den Portugiesen an der historischen Spitze beginnend, führte – führte mit einer Eindeutigkeit und einer rigorosen Vernichtungs-, da Ausbeutungsbereitschaft, daß der Gedanke nicht von der Hand zu weisen ist, die Selbstbeschreibungen der Aufklärung sind umso differenzierter und ambivalenter geworden, je eindeutiger und imperialistischer sich Europa der Weltnahme widmete. Ein Zusammenhang übrigens, der bis in die Gegenwart hinein in der sogenannten Kulturkompensationstheorie positiviert wird, wenn auch in umgekehrter Richtung. [Die Kulturkompensationstheorie sieht in der kulturellen Daseinsdimension den Bereich, in der ein moderner, durch die Weltkomplexität längst überforderter Mensch eine noch mögliche Ahnung von Harmonie, Kontemplation und Nachvollziehbarkeit erfahren kann – ästhetisch, versteht sich. Hier im Text wird dagegen vertreten, daß moderne Kultur(produktion) eher den Sinn hatte, qua Zelebrierung der Zerrissenheit und Ambivalenz von den eindeutigen, meist mörderischen und sehr trivialen Handlungen des Handels abzulenken.]

Einzig die – wohl nur historisch-materialistisch treffend rekonstruierbare – deutsche Romantik unternahm den Versuch, das Geschäft des Geschäfts, der Staatenbildung und der Reichtumsabgrenzung kulturell zu denken: durch Überspitzung und Transgression des Kulturbegriffs sollte die Stiftung von Identität, Nation und Übersichtlichkeit sowie auch die Weltnahme in Gänze als kulturelles Tun, als mentalistisches Projekt entworfen werden – was zum größten Teil in eine furchtbare politische Romantik mündete, die ihre verherrende Fruchtbarkeit erst richtig im 20. Jahrhundert zeigen sollte; was aber auch zu romantischen Denkfiguren führte, die es für das 21. Jahrhundert fruchtbar zu machen gilt (Stichwort: Romantisierung der Technologie).

Kurzum: Europas letzten vier Jahrhunderte waren gekennzeichnet durch eine weltgeschichtlich singulär doppelwertige, wenn nicht gar paradoxe Beziehung zum Visionären, Phantasmatischen, Utopischen: Europa nahm einerseits seine (nicht unbedingt europäischen) Träume ernst dadurch, daß alles versucht und unternommen wurde, sie zu realisieren (also ein von Aberglauben, Tradition, von Natur und Unmündigkeit befreites Leben); und sie nahm die Träume als Träume nicht ernst, weil sie diese verwirklichte, weil sie das Phantasmatische, das Idealistische der Visionen nicht als eigene resp. so wirkliche Daseinsdimension achtete – sondern bloß als vorübergehende, als primäre, uneigentliche, exposéhafte Trägerschaften einer Entwicklung, deren Telos eindeutig auf Realisierung, auf Wirkung, auf Wirklichkeit jenseits der Imagination orientiert zu sein hatte. [Kann man in der europäischen Geistesgeschichte eine Aufrechterhaltung der Wahrnehmung für die Paradoxie des Träume-ernst-Nehmens feststellen, so ist diese für die USA nicht mehr gegeben. Bill Clintons bei einem Besuch in Berlin Ende der 90er Jahre geäußerte Auskunft, die USA seien deswegen die führende Nation, die innovativste und freieste Gesellschaft, die flexibelste Kultur, weil sie wie keine andere Gesellschaft ihren Träumen folge, ihre Träume ernstnehme, hat schon jegliche Ambivalenz getilgt.]

Man kann diesen Aufbruch zur Verstofflichung von Vorstellungen, zur Technisierung und Visualisierung von Imagination, diese Mobilisierung der Wirklicheit des „Kopfes“ hin zu Realitäten der Konstruktion im physikalischen Raum an verschiedenen, historisch unterschiedlichsten Markierungen der Geistes- und Gesellschaftsgeschichte festmachen – etwa an Francis Bacons Programm einer Neugründung der empirischen Wissenschaften zu Beginn des 17. Jahrhunderts; an Immanuel Kants paradigmatischer Drehung des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Geist und Welt („daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten“; Kritik der reinen Vernunft) gegen Ende des 18. Jahrhunderts; oder an Napoleons zäsurbehauptenden Ausspruch, mit ihm höre die Zeit des Romans auf und die Zeit der Wirklichkeit beginne.

Man kann aber auch – kommunikationstheoretisch motiviert – etwas „tiefer“ gehen und danach fragen, warum es überhaupt dazu gekommen ist, daß in Europa eine Matrix sich aufbauen konnte, die in einen Zeit-Realisierungs-Sog kam, in ein „Auftrag-Verpflichtungs-Programm“, in ein Missionieren. [Siehe hierzu die glänzende Studie von Heinrich Popitz, Wege der Kreativität, 2. erw. Aufl., Stuttgart 2002.] Was war es, das Europa dazu verpflichtete, im Gedanken des Fortschreitens, des Fortschritts, des Historisierens und des Historischen die Welt des Außen und des Innen zu bündeln in einer Welt des Zukünftigen?

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Gewiß ohne Anspruch auf irgend auch nur einigermaßen ausreichende Erklärung und unter Absehung spezifischer Koinzidenz – etwa: ‚strukturelle Affinität’ wissenschaftlicher Logik, merkantiler Logistik und technischer Mechanik – kann man sagen: Es war das alphabetische Bewußtsein inklusive Buchdruck, die ein historisches Bewußtsein, also ein Bewußtsein vom Vorrang des Textes und vom Nachrang des Kontextes, kreierten. Vilém Flusser hat diese These in seinem Buch „Kommunikologie“ in klarer Formulierung dahingehend zu Papier gebracht, daß es nur in Europa und nur mit dieser extensiven Zeiträumlichkeit gelang, einen vor-alphabetischen Code (die „Volksebene“), einen linearen Code („Nation- und Bürgerlichkeitsebene“) und einen universalen Code (‚Logik’, Latein, Geld) so zu vermischen, daß sich letzterer Code – dieser trug die okzidentale Geschichte, so Flusser – über die beiden anderen hegemonial legen konnte und sie damit infizierte mit einem historischen Bewußtsein. Flusser hebt praxeologisch den Umstand hervor, „daß seit der Erfindung des Buchdrucks, und noch deutlicher seit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht, Menschen eine Schriftsprache erlernen mußten, um sprechen zu können; daß sie eigentlich nicht mehr sprachen, sondern unsichtbare Texte vorlasen. Das veränderte ihre Programme grundlegend: sie wurden linear und alphabetisch programmiert, und das heißt, sie gewannen ein ‚historisches Bewußtsein’. Das war das Ende der ‚oralen’ – mythischen, magischen, rituellen – Existenz und der Beginn des ‚fortschrittlichen’, modernen Daseins. Die revolutionäre Bedeutung der gedruckten Bücher ist also nicht in erster Linie in der Entstehung der Nation, des Nationalismus, der modernen Kriege usw. zu suchen, sondern weit grundlegender in der Programmierung der westlichen Gesellschaft für Geschichte, für Fortschritt, kurz für jenes Bewußtsein, das bislang immer nur Vorrecht einer alphabetisierten Elite gewesen ist“ [Flusser, Kommunikologie, FFM 1998, p55f.].

Dieses historische Bewußtsein war gleichsam eingespannt in wechselseitige, quasi-interaktive Kommunikationsverläufe, die reziprok zwischen den drei Ebenen – universale, nationale, Volksebene – vermittelten: revolutionär, politisch, technisch, kriegerisch. Es ruhte letztlich auf einer Kommunikationsstruktur, wie sie – so Flusser – für das Mittelalter typisch war: es standen sich hier nur die universale und die Volksebene gegenüber, mit durchaus asymmetrisch reziproken Verläufen. Flusser macht nun für die gegenwärtige Kommunikationsepoche ein Feld auf, das er „Situation ‚Technobilder’“ nennt und das sich dadurch auszeichnet, daß nun Massenebene und universale Ebene miteinander in codifizierter Beziehung stehen – doch nicht mehr reziprok, sondern einseitig, und zwar in Richtung Masse gehend. Gerade in dem Augenblick, so der Autor, „da das Alphabet zu einem universalen Code zu werden scheint, bricht eine Revolution aus, welche ganz anders strukturierte Codes zu Trägern der Informationen machen wird. Nicht immer ist man sich der Dramatik des Umstandes bewußt, daß das Alphabet eben im Augenblick seines totalen Triumphes abgesetzt wird“ (p59). Auf den Punkt bringt es dann die folgende Sentenz: „Die gegenwärtige Kommunikationsrevolution ist im Grunde nichts anderes als die Rückkehr zu einer ursprünglichen Situation, welche durch den Buchdruck und die allgemeine Alphabetisierung durchbrochen und unterbrochen wurde. Wir sind dabei, zu einem Normalzustand zurückzukehren, welcher nur 400 Jahre lang durch den Ausnahmezustand, genannt ’Neuzeit’, unterbrochen war“ (p53).

Was ist nun mit diesen Zitaten und Anschnitten gemeint?

Gemeint ist, damit fürs erste eine Brücke zu schlagen, hin zu Walter Benjamin. Benjamin schrieb in den Marginalien zu seinem „Begriff der Geschichte“ sinngemäß, daß man Marx mit seinem Satz, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte, vielleicht nicht mehr folgen könne – denn es könnte sich herausstellen, daß die Revolutionen nichts anderes sind als der Griff der im Zug reisenden Menschengattung nach der Notbremse. Der Griff nach der Notbremse, so Dietmar Kamper, ist kein Machtmittel, sondern reiner Ausdruck der Ohnmacht und des Scheiterns. Ohnmacht und Scheitern politisch einzugestehen ist gegenwärtig die größte, schwierigste und mutigste Aufgabe, die politische Körperschaften des Westens zu bewältigen hätten – gerade im Rahmen eines ‚Ereigniskorridors’, der durch das undurchsichtige und bewußt undurchsichtig gemachte Amalgam aus Terrorismus, Islamismus und weltgesellschaftlichem Werte-Streit viele Denker dazu animiert, in einer Art wiederholender Farce die Überlegenheit des Okzidents mit allen Mitteln nicht nur zu verteidigen, sondern auch wieder zu exportieren. Das Bewußtsein des Scheiterns, des Gescheitertseins ist aus nachvollziehbaren Gründen nicht in den USA zu suchen, die in ungebrochener Manier weiter festhalten an dem „Auftrag“ und gerade durch diese Ungebrochenheit und Forciertheit andere Gesellschaften in die Lage versetzen, am alten Spiel des imperialen, kolonisierenden Weltverhältnisses teilzunehmen/ teilnehmen zu müssen (China und, nach einem Relaunche, Rußland; doch auch die stete Zunahme der Atommächte gibt kunde von diesem Zwang, sich im alten Spiel von Unter- und Überlegenheit zu wähnen). [Um Mißverständnissen vorzubeugen: Europa ist nicht der gute, USA nicht der schlechte gambler – auch wenn ich Baudrillards These teile, daß die USA die erste modern primitive Gesellschaft sei, die aus der Explosionszeit namens Aufklärung entlassen wurde. Gewiß ist die Tradition reichhaltig, aus einer politischen Unterlegenheit resp. ob mangelnder Gelegenheiten für politisch-militärische Interventionen moralische oder gar historische Überlegenheit zu schlagen – bis hin zum Kollaps einer solchen doppelbödigen Argumentation, die Krieg als Verhindern einer „humanitären Katastrophe“ legitimiert. Europa denkt und handelt gleichsam wie jedes kapitalistische System von der Freigabe von und der Erlaubnis zu ungerechtem Handeln aus, quasi eines der zentralen Urakte der kapitalistischen Moderne und zugleich Motiv für Hobbes, diesem Monstrum ein anderes entgegenzusetzen. Europa will also gleichsam wie alle anderen Mitspieler Aufträge bekommen – wie sollte es auch anders sein. Der Unterschied Europas zu anderen besteht schlicht darin, daß Europa die Entkopplung von Auftrag und Vertrag durchexerzierte. Dazu Dietmar Kamper, sinngemäß: Europa ist ausgeschert aus der Völkergemeinschaft der rituell und mythisch „geregelten“ Zeit und hat mit seiner „mathesis universalis“ ein neues Maß zu setzen versucht: das homogenisierte Kontinuum der Menschenmacht, das für immer und ewig gelten soll, keine Abbrüche und Unterbrechungen der Zeit mehr tolerieren darf und Rücksichten auf die Hinfälligkeit sterblicher Körper verweigern muß.]

Europa, diese einstmals kleinasiatische Prinzessin, könnte im Gegensatz zur Aufrecherhaltung des alten Spiels ein neues vorschlagen: das der historischen Pause, um dem historischen Bewußtsein eine wirklich andere, grundierende Entwicklungslinie zu ermöglichen. Auch hierfür helfen wieder Flussers kommunikationstheoretische Überlegungen, diesmal in Gestalt eines Gedankenspiels: „Was wäre geschehen, wenn allgemeine Schulpflicht, Tagespresse, politische Pamphlete usw. die Volksebene in Asien, Afrika und Lateinamerika alphabetisiert hätten, bevor Transistorradios, Lautsprecher und Fernsehapparate die Alphabetisierung überhaupt in Frage stellen? Hätte sich auch dort, wie in Europa und Nordamerika, ein allgemeines verkitschtes Geschichtsbewußtsein entwickelt, oder wäre es dort besser gelungen, die Volkskulturen umzukodieren? Das also ist die Situation, in der die gegenwärtige Kommunikationsrevolution ausbrach: Im Okzident eine soeben universal gewordene Alphabetisierung, im Rest der Welt eine noch magisch kodierte Volksebene, deren Feedback zu einer mit sich selbst beschäftigten alphabetisierten Ebene stark problematische Züge aufweist. Die Massenmedien zerstören keine ’Volkskulturen’. Sie stoßen auf verkitschte Dekadenz im Westen und auf eine bereits bedrohte Folklore beim Rest der Menschheit. Die ’vorgeschichtliche Bewußtseinsebene’ wäre auch ohne sie zum Absterben verurteilt. Ebenfalls zerstören sie keine ‚lineare historische’ Kultur, keine literarische Kultur im bürgerlichen Sinn, sondern sie stoßen nur auf deren inflationierte Reste“ [Flusser, a.a.O., p62f.].

Europas Verantwortung, hier gewendet auf die Kommunikationsmachtverhältnisse in der Welt, bestünde also darin, mit Macht zu warnen vor dem Anschluß an eine telekommunikativ sich durchgesetzt habende Aufrechterhaltung eines Universalen, das nur aus Verlegenheit noch so tut, als handele es sich um ein historisches, beauftragtes Bewußtsein. Europas Verantwortung nach innen bestünde in ähnlicher Weise darin, das bürgerliche Zeitalter als gescheitertes zu kommunizieren – und nicht nur vermittelt und pervers zu praktizieren, wie etwa in Gestalt der Abschaffung der Universitäten als der Betriebsort einer Synthesis durch Bildung.

Europa, besser: Intellektuelle Europas hätten ihre verbleibende Kraft einzusetzen für die Sichtbarmachung eines anderen Weges denn den der burschikosen Fortsetzung der modernen Mobilmachung mit postmodernen Mitteln, wie in den USA und neusten auch in China zu besichtigen ist. Das Verfolgen einer anderen Auffassung der zukünftigen Geschichte nicht nur Europas, sondern der Welt hat, nochmals sei es gesagt, auf einer gegenwartspolitischen und policy-pragmatischen Ebene der Weltöffentlichkeit Konsequenzen, die zumeist mit Schwäche, falscher Rücksicht oder mit Unvermögen zur politisch-ideologischen Durchsetzungskraft verbunden werden. Aber das ist der Blick der Starken. – Es wäre gegenwärtig mehr als sinnreich, wenn sich Europa um eine weitgehende politische und kulturelle Kooperation mit den südamerikanischen Staaten bemühen würde; sich also alliierte mit den ehemaligen Opfer-Gesellschaften.

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Siegfried Giedion, Autor der 1948 publizierten großen Studie zur Technisierung der Wirklichkeit (’Mechanization Takes Command’), bündelte sein Erkenntnisinteresse in der Aussage, daß er wissen wollte, was geschah, als die industrielle Produktion von der inneren Sphäre des Menschen Besitz ergriff. Auch gegenwärtig ist davon auszugehen, daß der Graben zwischen technologischer Vermittlung von Gesellschaft und soziokultureller Verfaßtheit der Menschen Dimensionen annimmt, die auf eine langanhaltende sozial- und psychopolitische Krise technophiler Gesellschaften hinauslaufen. Wie kann man nun zu einer Positionsbestimmung kommen, die zu fragen erlaubt, wie eine hochtechnologische Produktion von Kultur als Kultur nun in den Besitz der Menschen kommen könnte? Kultur wäre zu denken als technologisch erstelltes Produkt, und nicht mehr nur als Interpretation und Beschreibung des Umgangs mit Produkten (zur Zeit vornehmlich der Informations- und Kommunikationsindustrie). Für die Bearbeitung des genannten Grabens und die Erarbeitung neuer soziokultureller Muster gesellschaftlicher Integration sind die Erkenntnissonden künstlerischer, d.h. technoästhetischer Poiesis besonders geeignet. Erlauben sie doch anzuschließen an die Arbeit der Romantik, die aufkommende artifizielle Gesellschaft des 18. Jahrhunderts in einen Naturdiskurs einzubetten. Heute ginge es jedoch nicht mehr um die Spaltung Vernunft/Natur, sondern um die dringende Neukonfiguration des Verhältnisses von Technik und Kultur/Kommunikation. Heute ginge es nicht mehr um die Integration der Techno-Kultur in die conditio humana, sondern um die Erarbeitung der Kulturisierungspotentiale von Technologie, nachdem die kulturelle Anthropogenese für die Selbstbestimmung der Menschen brüchig wird. Es geht, mit einem Wort, um die Aktualisierung der Romantik, und das heißt: um die Kultivierung von Technologie und Zivilisation als ein Cultural Engineering, und nicht um die Technologisierung der Kultur, wie sie durch die Globalisierung nochmals angeheizt und politisch forciert wurde.

Es geht um eine neue Experimentation von Kultur, nicht um die Fortsetzung der Experimentation von Natur, die jetzt praktisch angekommen ist bei der sogenannten „Natur des Menschen“. Europas Verantwortung ist die Propagierung von Demission in all die Öffentlichkeiten hinein, die nichts sehnlicher wünschen, als im Club der primären Industriemächte aufgenommen zu werden. Gewiß wäre diese Demission gleichsam kulturimperialistisch und mit guten Gründen bis ins Mark hinein dekonstruierbar – solange die kapitalistische Rahmung der Weltgesellschaft besteht, ist daran nichts Grundlegendes zu ändern. Und doch: Rücktritt, vollzogenes Zurücktreten ist die Voraussetzung dafür, besser sehen zu können.

© Europa Revue 2006

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