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Marica Bodrožić
Wunden haben keine Grenzen

„Aber ich habe diese Welt gemeint!“, sagte sie.
„Ich habe gemeint, glücklich in dieser Welt – glücklich mit lebenden Menschen.“
Virginia Woolf

In Zeiten des Wandels haben nicht nur die Grenzen Verschiebungen erfahren, wurden die Fahnen ausgetauscht, auch unsere menschlichen Namen sind Veränderungen unterworfen worden; neue Tonalitäten haben in sie Einzug gehalten; der Buchstabe, jeder für sich, hat neue Räume erobert und ist am unbekannten Ort angeklungen, manchmal als fremd.

Was in einem Hier vertraut klingt, erwirkt im Anderswo eine Lähmung der Zungen. Ich habe oft bemerkt, daß die Menschen Angst vor Buchstaben haben, die sie nicht so häufig aussprechen oder nicht gut genug kennen. Sie scheinen sie an ihre Furcht vor dem Unbekannten zu erinnern. Wörter wie „eigen“ und „fremd“ werden gesagt, schnell dahin und getrennt voneinander, als seien sie nicht eigentlich Wörtergeschwister, die zueinander gehören, ganz ähnlich wie man als Mensch zu sich selbst gehört. Unsere Identitäten sind dabei, Lieder zu werden, die lernen, durch Dissonanzen hindurchzugehen. Sie erhalten neue Körper. Die Kleider hat uns schmerzverzahnt bereits das letzte Säkulum geschneidert. Aus dem Unterwegssein als Mensch wurde ein Rausschmiß aus dem Menschsein; ein messergebeizter Fußtritt in die ausgelagerten Vororte des Herzens; heraus aus der Welt des inneren Menschen ging es, hinein in den blanken äußersten Haß.

Die neuen Grenzen tragen an ihrer Ursprungsstelle diese Hiebe noch in sich. Dennoch zog man weiterhin, im Rücken des Rückens von 1945, noch bis vor kurzem in Europa per Kopflineal neue Grenzen. Und schreckte nicht davor zurück, die Luft zu verschmähen, über den Städten einer Welt, die niemals die ihre sein wird, solange nicht, bis man sie ohne Urteil umarmt, so, wie sie gerade ist.
Der Kopf aber hält offenbar noch immer einiges aus; die Willkür hat großen Hunger; in den Brustkörben, eine Dunkelheit ohne Stunden. Der menschliche Verstand hat auch das Grausamste noch erklären können, sich auf Systeme stützend, die Geschichte der Niedertracht fütternd – wofür, noch und noch?; für die Selbstsucht, den Wahn, für eine Definition und den kurzfristigen Gewinn.
Geweint aber hat der Mensch seit jeher mit einem anderen Organ. Der Verstand machte diese Arbeit nicht für uns. Das Organ der Seele ist das unbetrügbare Auge, und dieses Auge hat doch auch, im Gleichmaß zum Schrecken, die wichtigen Fragen gestellt. „Wer steht auf der anderen Seite?“ Dieser Frage hat der in Triest lebende Schriftsteller Claudio Magris ein Büchlein gewidmet, in dem er über „Grenzbetrachtungen“ schreibt, die sich aus seinem eigenen Dasein, aus seinem Leben ergeben haben. Dieses Leben hat ihn in seinem Schreiben zu einem der nachdrücklichsten und sanftmütigsten Vermittler zwischen Menschen und Ländern gemacht.

Woher nehmen wir uns, noch immer, das Recht über so viele einzelne Menschenleben hinweg in einem Kollektivhabitus zu reden, ganz zu schweigen von den gehorteten Äxten, die als Urteile, Bewertungen, Inanspruchnahmen der Wahrheit in den Wörtern feilgeboten werden, ganz gleich, welche Wirkung sie auf einzelne Biographien haben. Die Grenze sei, heißt es bei Magris, etwas Zweifaches und Doppeldeutiges. Bisweilen sei sie eine Brücke, um dem anderen entgegenzugehen, bisweilen eine Schranke, um ihn zurückzustoßen. Oft entspringe sie dem Wahn, jemanden oder etwas auf die andere Seite verweisen zu wollen. „Ich glaube“, heißt es weiter, „daß die Literatur unter anderem auch eine Reise auf der Suche nach der Entzauberung dieses Mythos der anderen Seite ist, der Versuch zu verstehen, daß jeder bald hier und bald dort steht – daß Jedermann, wie in einem mittelalterlichen Mysterienspiel der Andere ist.“

Die Grenze ist eine Institution der Angst. Solange wir sie noch nicht erkannt haben, brauchen wir sie, um vorwärts zu schreiten. Und die Grenze ist ein Sich-Erhebenwollen über den Anderen; eine Barriere, die der Überheblichkeit entspringt. Zugleich ist sie eine Wunde, gezeichnet, vermerkt mit einer Bedeutung. Darin verwandt mit der Biographie eines Menschen.

Einst, an den Grenzen ehemaliger kommunistischer Länder oder noch heute, an Flughäfen von Staaten, in denen bis vor kurzem die Diktatur das Sesam-Öffne-Dich-Wort war, kamen und kommen ganze Kindheiten ins Zittern. Das Kindsein verlor sich damals auch in mir selbst, vor Angst und wegen der blankgewetzten und winterfesten Wörter der Zöllner. Sie zeigten ihre Macht, ihr Terrain war die Grenze, an der sie sich offenbar als jemanden erlebten und damit vielleicht in sich das terrain vague, die Leere überwanden. Pistolen und Gewehre; Waffen stützten ihre Rückgräte. Um sich selbst zur Stütze genommen haben zu können, hätten sie ihre eigene Angst eingestehen müssen, schwächer zu sein als an der Angel zappelnde Fische.

Ihre Unbeholfenheit hätten sie sich und uns Reisenden eingestehen müssen, ihre Unbeholfenheit und vielleicht auch ihre Albträume vor den vielen unbekannten Gesichtern, vor Menschen, die es jedes Mal auf sich nahmen, die Grenze zu passieren, vorbei an den Waffen und den dazugehörigen Grenzwachen. Stets aufs Neue, und die Einfachsten unter ihnen, gingen sie der Grenze entgegen, jeder Grenze, die sich ihnen in den Weg stellte, unter den straffähigen Augen der Zöllner erinnerten sie sich an ihre Dörfer, an ihre Herkunft, an ihre Namen. Dafür war die Grenze gut. Welche Kraft es sie aber gekostet haben muß, welchen Mut erfordert, sich selbst immer wieder mit ihrem eigenen Gesicht in Einklang zu bringen.

Wenn auch der Berufsstand des Zöllners etwas anderes von ihm erwartet, den Heimreisenden war er doch eine Art Helfer; trotz allem. Was ein Mensch wohl träumen mag, der sich jeden Tag eine staatlich verordnete Mütze auf den Kopf setzt, die sein Gesicht beschirmt und seine Stirn versteckt, als halte er sich unter ihr verborgen, stamme nicht wie die anderen vom Unsichtbaren ab, sei geradewegs bereits als Mützenträger fertig, geboren.

An der Mütze wie auch an der Uniform erkennt man ihn, den Wächter, der die menschlichen Herzen schneller klopfen, die Handinnenflächen schwitzen und die Münder der Grenzpassierenden verdächtig ausfallende Wörter sagen läßt. Solch eine uniformierte Gestalt befördert im Geist einen Reisenden unausgesprochen in den Raum der Mutmaßungen; die Pässe und Identitätskarten werden in diesen Augenblicken mit einem Mal ernsthaft bedeutungslos. Die eigene Übereinstimmung mit sich selbst spielt sich wie von einer unbekannten inneren Kraft gelenkt in den Vordergrund. Die Stimme gehorcht alsbald auch anderen Gesetzen; nur nicht denen der Gleichmut und des doch mitgebrachten Friedens. Als untergrabe die Uniform alles unter Menschen Erworbene und fordere die letzten dunklen Zonen unserer unsichtbaren Koffer (in ihnen Länder und Flüsse und Berge und Täler und unbekannte Gewässer) auf, ans Licht zu gehen, hinauszutreten in die Welt der Namen, der Sätze, der Wörter, der Buchstaben. Da aber vor uns ein beißwilliger Hund steht und wir spüren, der Hund selbst ließe uns gleich durchgehen, aber seine Natur wurde zurechtdressiert, fürchten wir uns mit einem Mal um und mit uns, wir, die wir den Frieden in unseren Taschen mitgebracht hatten, zusammen mit unserer Unschuld.

Die Grenze hat uns also ausgeliefert an die rohe Masse unserer unbetretenen Zimmer. Weit und breit, wohin das Auge auch schaut, steht jeder für sich allein. Nur noch das Volk, das größere Ganze unserer Koffer, ist noch dabei, aber was kann dieses Ganze uns geben? Die Furcht vor der Furcht kann nur der Einzelne überwinden. Manchmal habe ich es mir vorgestellt und im Bild gesehen, wie dieses Erleben eines einzigen Menschen in einem weißen Punkt gebündelt wird und dort leuchtet, mit der Sonne verwandt, von ihr angestellt; und dieser Punkt erregt die Aufmerksamkeit der Anderen, weckt ihren Wunsch, für den Punkt zu arbeiten, sich die eigene Verwandtschaft mit sich selbst zu verdienen. Dann wächst der Punkt und wächst. Dann sieht er mehr und mehr aus wie eine Sonne. Bald erkennen auch die Zöllner den Zusammenhang und kommen nicht mehr mit ihren Mützen zur Welt, gehen mit freier Stirn und mit einem wohlwollenden Blick auf die Kofferträger zu. Solange wir unterwegs sind und Grenzen passieren, werden wir diesen Blick brauchen, um sorgenfrei unsere Reise fortzusetzen zu können. Der Zöllner wäre dann nicht mehr ein Bewohner seiner Autorität. Ihm wäre das Avancieren zum Punkt hin recht und die anderen, alten Mittel nicht. Aber braucht der Zöllner nicht uns dafür, damit er ein empfundenes Wort, einen Achtung spiegelnden Satz spricht?

Die Gräben der Vergangenheit warten genauso wie der Zöllner, ohne es zu wissen, auf ihren Moment der Gegenwart; auf den Augenblick des Bewußtseins, des Wissens um sich selbst. So die „Kultur der Lüge“ und das Gewährenlassen der Angst nicht in unserer Sprache, in unserem Selbst behoben und also bereist werden, werden die Gräben und die Mützen tiefer rutschen. Das jüngste europäische Beispiel, gemeinhin als „jugoslawische Tragödie“ bezeichnet, zeigte am Beginn des 21. Jahrhunderts, was aus Menschen wird, die vergessen, ihre Sprache zu leben, die sich benutzen lassen und dem Benutztsein als Handlanger zum Opfer fallen. Nicht angeschaute Wunden sind Stauräume, die sich gegen uns alle wenden. Wunden haben keine Grenzen. Nicht im Menschen und auch nicht auf unserem Planeten. Sie sind da, sie beharren auf sich als Gegenwartsform.

Im Grunde habe ich nie empfunden, daß ich zu einem Volk, zu einer Nation gehöre. Es ist mir bis heute fremd geblieben. Ich glaube, fern jeder Romantik, daß der Mensch sich selbst genügen muß und daß der Napoleonische Code civil längst eine neue Zeit eingeleitet hat, in der auch der Raum neue Bedeutungen erhalten hat und in dem die Gemeinschaft eine entscheidende Rolle spielt. Das Neue hat bereits mit Platos „Höhlengleichnis“ symbolischen Einzug in die Menschenwelt gehalten. Unsere Zeit, das, was davon übrig bleibt, wenn wir Einstein gewähren lassen, weist uns immer mehr auf die persönliche Zeit hin. Wir aber entscheiden allein, welche Reisen wir machen wollen. Jene, die uns vorangegangen sind, mit ihren großen Menschenträumen, mit ihren geflügelten Pferden und der Kraft des Leonardo da Vinci, haben gezeigt, wie wir leben könnten. Damit aber stünde unsere Entscheidung für die Schönheit an. Unsere Entscheidung, für sie zu sein.

Wenn wir verstehen, daß die Schönheit vom hassenden Blick nie geduldet wurde, können wir in der ganzen Geschichte der Menschheit Beweise dafür finden; der dafür zuletzt erbrachte, schreckliche Beweis läßt sich selbst bei geschlossenen Augen im einstigen Jugoslawien aufspüren. Der Architekt Bogdan Bogdanovic hat in seinem Essay „Die Stadt und der Tod“ geschrieben: „Der Schlag gegen Dubrovnik – mir graut davor es auszusprechen, aber ich muß es tun – wurde in voller Absicht gegen das Beispiel einer außerordentlichen, fast symbolischen Schönheit geführt.“ Wie ist es möglich, frage ich mich, daß die europäische und amerikanische Welt auf die gleiche Weise gehandelt und Städte und Menschen bombardiert, es wieder vergessen hat, wie einen schlecht zu verdauenden Kontoauszug und ohne es auf sich selbst zu beziehen.

Schönheit beunruhigt Aggressoren jedweder Nationalität. Sie steht, wie im Falle Dubrovniks (oder auch der Stadt Mostar und der Alten Brücke, die in der Zwischenzeit wieder aufgebaut wurde) auf der anderen Seite. Wir haben sie schon oft zu unserem Feind erwählt. Die andere Seite hat uns bedroht. Wir haben sie zerstört, damit sie nicht spricht. Schönheit spricht immer; ihr Sprechen ist die vollkommenste Form des Schweigens. Der Schatten will auch wachsen. Aber selbst dafür braucht er die Schönheit, die bei all ihrer Fragilität die Grundlage unseres Daseins ist. In der Natur ist das ein Gesetz, das jeder Bewegung innewohnt und in einem genau abgestimmten inneren Plan die Katastrophe meidet. Der Mensch ist auch diese Bewegung, er ist als Mensch verwandt mit sich selbst. Was folgt für uns daraus, wenn nicht das freie Leben? Alle Monarchien, Regimes und Diktaturen sind zerbrochen, sind dabei zu zerbrechen und werden zerbrechen, einmal und dann ganz. Schon jetzt aber töten wir nicht mehr im Namen eines Staates, für eine Konfession, für einen herrschsüchtigen Tyrannen. Wir müssen uns damit abfinden, daß wir das Töten nur aus uns selbst heraus tun.

Ernst Jandl hat in seinem Nachruf auf Erich Fried geschrieben, dem Tod des Dichters folgten wir, „hier und jetzt“. Wer tot sei, der sei zurückgekehrt in die „absolute stille“: „ein ganzes tapferes leben hindurch hat erich fried mit mächtiger stimme für den guten weg des menschen geworben. das einmalig kostbare, von seinem herzen und seinem hirn produziert, er hat es kraft seiner sprachkunst haltbar gemacht, und es gibt uns halt. in sein für immer dauerndes schweigen hinein, und aus diesem heraus, rufe ich (…) in sorge um unsere zerschundene welt nach frieden, freiheit, liebe – nicht nach ein wenig mehr davon, sondern nach allem davon; denn sie sind, jedes der drei, unteilbar: der friede, die freiheit, die liebe.“

Wie können diese drei Unteilbaren je abstrakt gedacht werden? Was hier Ernst Jandl ausgesprochen hat, ist mit der Schönheit und mit ihren Wunderlampen verwandt. Es ist einfach zu leben, trotz Entwurzelung, Aufbegehren und Verzweiflung; und wegen ihnen gehen den drei Unteilbaren eine andere Unteilbare voraus. Die Vergebung.

Mit der Vergebung nimmt uns keiner das Denken ab. Nimmt uns keiner das Fühlen ab. Nimmt uns keiner die großen Entscheidungen ab, über Krieg und Frieden: „Wir wählen ihn immer wieder“, wie es bei Erich Fried heißt. Die Freiheit beginnt als Bild, so, wie auch das Unterwegssein als Gedanke beginnt. Die Entscheidung für das Bild und für das Leben in diesem Bild muß einzeln, kann nur einzeln immer wieder neu getroffen werden. Dann wird der leuchtende Punkt unserer bereiten Gedanken größer und größer werden. Denn der Mensch ist mit der Sonne verwandt.

© Europa Revue 2006

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