Hans Peter Weber
Trilogie des Hören-Sagens
Das Tao der Musik
Offenkundig und direkt hören wir ja die Musik, wenn
wir Musik hören. Doch in einer wesentlichen Bestimmung / Stimmung
hören wir mit der Musik im Musikhören. Wir hören
das, was akustisch nicht erscheint und was im Hören der Musik
als das ’Unhörbare / Unerhörte’ der Anmutung
des Inneren Musizismus auftritt. Das mentale Aktiv, das die erscheinende
Musik direkt hört, ist die ’ich’-Struktur der Mentation:
’ich’ hört die Musik; aber das, was dann angelegentlich
dieses Hörens in mir ’singt’, ist kein ’ich’,
denn nur ’das andere’ in mir, das ’selbst-andere’
der poetischen sensuellen / sensationaren Anlage in der Person,
ist das unerhörte neuronar-mentale Agencement, welches zu dieser
via Musik initiierten Anmutung fähig ist. Man hat vom ’Dritten
Ohr’ gesprochen (Joachim Ernst Berend), so wie ja auch vom
’Dritten Auge’ die Rede war (gerade für die Welt
der Malerei, der Bildenden Künste, vgl.: Maurice Merleau-Ponty,
Das Auge und der Geist. Philosophische Essays, Hamburg 1984, bes.
p. 18). Aber beim Hören mit der Musik handelt es sich eigentlich
nicht um ein wirkliches Hören, auch nicht um eine ’inneres
Hören’. Die metaphorische Redeweise lässt eher durchscheinen,
dass das Wesentliche beim Musikhören nicht das Hören ist,
sondern die – in Verstärkung – ausgelöste
Anmutung der celebren Qualitäten des kulturalen Sinns
(als inneres curatierendes cerebrales Sinnenorganon) in ’mir’.
Wenn es beim Musikhören wesentlich darauf ankommt, mit der
Musik zu hören, dann kommt gerade jener Prozeß ins Spiel,
dass wir mit der Musik anmuten. Und diese dem Äußeren
verborgenen, weil innerlich verpuppten Qualitäten der Anmutung
in ihrer intrinsisch neuro-chromatischen Beschaffenheit sind es,
welche in der anthropogenen Natur / Kreatur des Mentalen die spezifisch
mikrokosmische Zauberhaftigkeit / Köhärenz ausmachen,
die man das anthropomorph mikrokosmische ’Tao’ nennen
muss [Mikrokosmos ist ’mind’, die Mentation, die höhere
cerebrale Physis].
Ja, es gibt überhaupt kein anderes ’Tao’ zu erfahren
als dieses Tao der Musik, der Musie, des Inneren Musizismus,
welches eigentlich in den Effekten des eintretenden Integritätszustands
im Gehirn-Gemüth-Komplex als einem ’Kohärenzempfinden’
und/oder einer viabilisierenden ’präsenzierenden Stimmung’
besteht. Nur die Seele selbst hat Tao. Und ’Seele’ ist
gänzlich abgeklärt nur im mentalen Agencement der kreatürlichen
Kulturität des Menschen effektiv zu verorten.
Mit einem ’Tao’ als Empfinden des eigenen kreatürlichen
Zusammenhangs mit der universellen Welt können wir aufgrund
unserer physischen Beschaffenheit (v.a. nervliche Abgeschlossenheit
u.dgl.) nicht rechnen. Und das ausgerufene ’Tao der Physik’
(Frank Capra) bleibt eine intellektuelle Fehlplatzierung. Denn die
Beschaffenheit des uns eigenen mentalen Mikrokosmos ist von nicht-physikalischer
Art [Physik als ontisch niedriges Register der Physis] .Der menschliche
Mentalapparat, die intrinsische ’Welt’, diese reelle
Mikrokosmik also, ist von der höheren und höchstraffinierten
physischen Beschaffenheit der SupreMatie: Chromatisierungen seiner
’Sensationen’ (als Physis-Züge) konkretisieren
seine kulturalen ’qualia’.
In Abweichung zu Merlau-Ponty gesagt: der Musiker / Kompositeur
bringt seine Mantik ein und seine Phatik, d.h. im neuronaren Agencement:
das Organon seines kulturalen Sinns, seiner ’Sensation’
der SupreMatie [= Physis des Mentalen], welches ein intrinsich-kryptisches
Vermögen ist, das bei ihm und den Perzipienten (Perzipienten
sind die Hörer wie auch die Musiker und Komponisten, welche
ja zugleich immer ihre ersten Hörer bilden. Die Perzipienten
agieren musizistisch regelrecht, d.h. dann: entregelt, wenn sie
in sich die passionierten ’Gymnasen’ auslösen,
zu denen sie durch die muskalischen ’Gymnopädien’
stimuliert wurden: Wesen der Anmutung.) durch Anmutung initiiert
und verstärkt werden soll. Indem die Musiker der Welt ihre
Mantik nebst kulturalem Sinn leihen, verwandeln sie die Welt in
Musik. Und die Musik verwandelt die aufgeschlossenen Perzipienten
/ Hörer in passionierte Wesen, in graziöse Kreaturen:
Solcherart ist das Wesen der Verwandlung – unterm
Walten eines Tao der Musik.
Was man mit der Musik hört, ist das Unerhörte. Doch gerade
dieses ’hört’ man nicht, sondern man erfährt
es – als jenes sich in sich Sammelnde, als jene konvulsivische
’Stille’, die von der ’ärmsten’, verschwindenden,
flüchtigsten Musik, die also im Ausfluss von Musik hauchfein
’punktiert’ wird, musica povera, als conditio sine qua
non für das Tao der Musik, das Tao des Inneren Musizismus,
worin ja gerade das Dispositiv des vollkommen abgeklärten
sacrum, des sacrum verum besteht.
Die unerhörte Musik ist immer ’spirituell’ –
in der vollkommen abgeklärten Lesart dieser Vokabel: es handelt
sich um die phatische Celebrität der Mentation, um ihre durch
Anmutung erregte Viabilität, um das Konzentrat der reinen Heftigkeit,
welche durch minimale Klangrisse ’geritzt’ wird.
Gleichwohl bleibt dieses ’Tao’ in der Technik von ’Musik’
eine europäische Spielart, die mit der Passion, mit der inneren
’Hingabe’, mit der Kontemplation nie völlig Ernst
macht, weil sie nervös bleibt. Wir, wir ’Europäer’,
bleiben in all unseren existenzialen Künsten nervös –
’inspiriert und pulsierend’, cerebral heftig und entrückt.
Und so gerät uns auch das Tao der Musik, gleichwohl das Strengste,
was wir (uns) mental-kulturell zu bieten haben.
A PARTE: Und ’die Medien’, was ist mit den ’Medien’?
… will heißen: mit ihrem harten Kaliber des ’Computing’,
des elektronischen ’morphing’, das die phänomenische
Welt aller ’Erfahrung’ überrumpeln möchte?
Die sind des Tao, die sind jeglichem Inneren Musizismus abhold.
Sie haben sich ganz auf die andere Seite geschlagen, in die Aufschärfung
von ’künstlicher Kreativität’ im synthetischen
sizing [und sie werden erst zukünftig spät einmal nützen,
wenn alles Drängende an ihnen erschöpft ist, und ihnen
keine andere Wahl mehr bleibt als die der ’Kehre’ in
den randständigen Beitrag zur Neuropoetologie – …
fernste Zukunftsmusik, trocken …]
Die crux der phänomenischen Instrumentalmusik z.B. bleibt
ganz entschieden die sich ins Instrument durch-setzende Innere Kantabilität
des Musikers. Wie soll sich diese durch-setzen in ein Gerät,
das sich durch isolierende Programme von der Praxis dieses Inneren
Singens trennt, das sich also ’ästhetisch-kinetisch’
selbst klinisiert?!
Die Musik und der Tod
Diese Viabilität schließt gerade die unter der Anmutung
des Unerhörten sich verwandelnde Beziehung zum Tod mit ein.
Die mental automatisch sich einstellende vorlaufende Todesgewissheit,
die zu den vier Grundmotiven der Evokation von Musizität gehört,
kann ja nur in der Verwandlung des Gemüthes zu einer tragisch-heiteren,
zu einer existenziellen Stimmung ’besänftigt’ werden.
Nicht dass die Musik diese über die Kreaturen notgedrungen
verhängte Erkenntnis jemals verdrängen könnte, sie
soll es auch gar nicht erst versuchen! Die Musik nimmt sich auch
dem Bedrängenden der schwelenden Todesgewissheit an, um es
durch die mentale Verwandlung zur Viabilität des Gemüthes
der Stimmung des Tragisch-Heiteren auszusetzen. Im Tao der Musik
liegen so auch Züge, die eine Musik hervorbringen, die den
Todessschrecken annimmt und ihn pazifiziert, indem sie ihn dem großen
Strom der inneren Gratifikation aussetzt, der die strenge Gelassenheit
erbt aus seiner durchlebten passionaren Souveränität:
Musik – stärker als der Tod – zeitweise,
zustandsweise, im ’anderen Zustand’, ohne der pausbäckigen
Ignoranz und / oder der Verdrängung verfallen zu wollen. Die
unerhörte Musik verdrängt nicht, sondern betört das
Sterblichkeitsbewußtsein – betörend und hinreißend!
Die Spiritualität der unerhörten, der rigorosen, der
absoluten Musik, welche die anthropomorph gänzlich abgeklärte
ist, schließt diese Viabilität der Mentation gegen die
drohende eigene potentielle Todesverfallenheit ein. Sie macht über
die Musik, mit der Musik den Inneren Musizismus stärker als
den Tod, weil sie in die Verfassung der tragischen Heiterkeit führt.
In der passionaren Musik obsiegt so also nicht unbedingt ’das
Todesmotiv’, wie es explizit in den ’Requiems’,
in den funeralen ’Messen’, in den ’Trauermärschen’
und dgl. angestimmt wird. Dieses ’Motiv’ weicht eigentlich
eher einem musikalischen Raffinement, welches die Attitüde
des (unnegierbaren) Tragischen mitten in seinem Geltungsdrang mit
der Stimmung der Viabilität und des Celebren durchsetzt, so
dass dieses Tragische leicht inexistent wird – in eben jener
Formulierung, die Foucault für den ganzen Rahmen wählte:
„heitere Inexistenz des Subjekts“.
Musik – eingedenk des Todes: stärker als der Tod.
Heitere Gelassenheit (von) der Todesgewissheit. Tragische Heiterkeit
der Kreatur. Ihren ’Grund’ wiederum bezieht diese besonnene
Stärke aus dem Tao der Musik, aus dem Tao des Musizismus, und
nur aus ihm.
Die in dieser Orientierung relevanten Musiken, Kompositionen stehen
’motivisch’ dann auch eher ’schief’ zum
etwaigen ’Topos’ und ’Thema’ Tod, sie schneiden
diesen ’Komplex’ eher von den Seiten an, durchwirken
ihn untergründig, - so wie etwa: J. S. Bachs ’Partita
d-Moll’ (BWV 1004) für Violine solo, die kongenial in
Verbindung mit tragisch und passioniert gestimmten ’Chorälen’
gebracht wurde, cf. „Morimur“ / Partita d-moll, Choräle
[The Hillard Ensemble, Christoph Poppen (ECM – New Series
1765, München 2001)].
Eine ausführliche Auflistung von Musiken, Werken, Komponisten,
in denen sich die Spuren solcher musizistischer ’Todesverarbeitung’
finden, soll hier nicht verfolgt werden. Sie wäre auch müßig,
denn es sind ihrer Legion. Fast zu allen Zeiten und in allen Œuvres
schlagen diese Spuren nieder, so es sich nur um rigorose Musiken
handelt, sei es in ’Volksmusiken’ oder in ’Kunstmusiken’.
Und man findet diese Spuren gerade auch in ’unkonventionellen’
Werken, Œuvres, d.h. gerade in jenen, die nicht explizit das
Motiv ’Tod’ anführen, ja gerade eher abseits
von solchen! Eine Thanatologie (wie etwa bei Philippe Ariès,
Geschichte des Todes, München 1980; M. Pannington, Memento
mori. Eine Kulturgeschichte des Todes, Stuttgart 2001, u.a.) muss
dazu ebenso wenig aufgeboten werden wie etwa die Verfolgung eines
speziellen ’Todesmotivs’ in der Musikliteratur (cf.
etwa :G. Fleischhauer u.a. (Hg.): Tod und Musik im 17. und 18. Jahrhundert,
Blankenburg 2001; R. Hammerstein, Tanz und Musik des Todes: die
mittelalterlichen Todestänze und ihr Nachleben, Bern/München
1980; F. Link (Hg.): Tanz und Tod in Kunst und Literatur, Berlin
1993; D. de la Motte, Traum, Schlaf, Tod: Die andere Zeit in Liedern
von Robert Schumann, in: Zeit in der Musik, Frankfurt 1997, p.15-21;
S. Urmoneit, Untersuchungen zu Schuberts Klavierlied „Der
Tod und das Mädchen“, in: Musikkonzepte 97/98, hrsg.
von H.K. Metzger / R. Riehn, München 1997, p.44-65; u.a.m.).
Die Musik – stärker als der Tod ist eine anthropomorphe
Konstante im musizistischen Schaffen, die sich als curatierende
Kraft gerade durch alle wirklich unerhörten Musiken zieht.
Sie dient der Viabilität. Und so sind ihre ’Momente’
auch in den verschiedenartigsten Zeiten, Stilen, Kompositionen (Personen)
aufzufinden, in ’Volksliedern’ der diversen Kulturen
ebenso wie in den Kunstmusiken der Jahrhunderte und Epochen, in
den ’archaischen’ Musiken ebenso wie in der Musik des
’maquam’, in der ’ars antiqua’ ebenso wie
in der ’2. Wiener Schule’, in der Renaissance-Musik
ebenso wie in der ’absoluten Musik’ des 19. und 20.
Jahrhunderts usw. usf.
Musik – stärker als der Tod, diese geht ohnehin
immer die Verbindung ein mit Zügen einer musizistischen Bewältigung
jener anderen existenziellen Defizite, um derentwillen die unerhörte
Musik sich ja in Gang setzt. ’Große’ Musik verarbeitet
auch den weitläufigen existenziellen Schmerz aus dem Empfinden
der mentalen Selbst-Entsetztheit bzw. Fassungslosigkeit, aus der
anthropomorphen Scham und aus dem Verlust der ’matrizialen’
Bindungen (Schicksal der ’Geworfenheit’ in die Vereinzelung).
Die Poetisierung im Tao der Musik – diese ganz andere
und existenziell bedeutende ’Autopoiese’ also –
hüllt in ’großen’ Werken (jedweder Provenienz)
tunlichst den ganzen ’vierfachen Grund’ des existenzialen
Mangels der Menschenkreatur in ihren weitgesponnenen Mantel des
’Einbergens und Vergessens’ ein, so weit und so lange
eben die Verwandlung in den ’anderen Zustand’
anhält: temps musicaux, die glücklicherweise immer auch
eine ’Phase’ lang stärker sind als der Tod.
Dumme Musik
Gibt es dumme Musik?
Dazu müßte man genauer in Erfahrung bringen, was ’dumm’
ist. Wer gibt uns seriös Auskunft? Musil !
Robert Musil wäre nicht gerade klug gewesen, wenn er versucht
hätte, seine Abhandlung „Über die Dummheit“
(in: Essays und Reden, Kritik. Hrsg. von Adolf Frisé, Reinbek
1993, p.1270-1291) ganz im Alleingang durchzuexerzieren. Und so
versammelt er vieles, was bereits die Tradition dazu angeliefert
hatte, wozu ja auch die Einsicht gehört, ein gewisses Maß
von Dummheit gehöre zum Leben schon dazu, so wie es etwa im
„Lob der Torheit“ des Erasmus von Rotterdam vorgezeichnet
wird.
Und wir wären eben sowenig klug, wollten wir versuchen, in
der Begrenzung unseres Sujets der „dummen Musik“ die
Dummheit als menschliches Konditional durch alle ihre Äußerungen
erfassen zu wollen!
Natürlich muss auch Musil zunächst der einschüchternden
Formel Kants vom ’Urteil’, der Urteilsart, die sich
auch im ’Geschmack’ und in den ’Vorlieben’
zeige, folgen. (p.1271), er verlässt dieses enge Gebiet jedoch
schnell wieder, weil über ’Geschmack’ und das ’Gefühl
der Dummheit’ viel zu viel Differenziertes und v.a. Zwiespältiges
festzustellen ist, doch leider immer auch eines: das ’Schamverletzende’
und ebenso ’Gewaltige’, was eben in der Herrschaft der
Dummheit zentral ist(ibid.).
Gerne lässt Musil auch die akademisch-philosophischen Raisonneure
zur Dummheit Revue passieren (J.E. Erdmann voran), ebenso wie
die Vertreter der analytischen Psychologie und der Pädagogik
u.dgl., bezeichnenderweise hielt Musil seinen gewieften Vortrag
nicht vor den Universitätsgelehrten, zu denen er wenig Vertrauen
hatte, sondern vor dem österreichischen Werkbund, also vor
Künstlern und kulturellen Intellektuellen! Er zeigt die Beziehung
der Dummheit zur seelischen Grausamkeit und gar zum Sadismus auf
(1274f), die Beziehung zum Hochmut, zur Eitelkeit und Geltungssucht,
zum Stolz, zum Größenwahn der Einzelnen wie der Sippen,
Nationen, Gesinnungsbünde (1276f). Auch die Verstrickung
in die je geltende ’Unmoral’ und/oder ’Rohheit’
bzw. ’Unbildung’ als „Gefühlsfehler“
(bzw. -defizite) werden verhandelt (1278f), ebenso wie die einfachen
Ungeschicklichkeiten, die ’geistigen’ ebenso wie die
’athletischen’ (: ’tapsige’ Leistungsschwächen).
Schließlich wird aber die Dummheit der ’Klugheit’
gegenübergestellt, die in der allgemeinen Lebensklugheit
wurzelt. Dieses Verhältnis sieht Musil ganz im Kontrast von
„Verstand“ und „Dummheit“: alle Formen
des mangelnden Verstandes, die als spezifische Dummheiten daherkommen,
inbegriffen die des ästhetischen Erfassens: das ’Billige’
im Verstandesgefühl (der Kitsch, auch als ’Gefühlslüge’
aus Verstandesgründen bezeichenbar); und inbegriffen die
des ästhetisch-erotischen Debakels des sexuellen bzw. moralisch
Verworfenen (praktizierte ’Widerwärtigkeiten’,
’Frechheiten’, ’Unanständigkeiten’
etc. (1280f.)). Musil beleuchtete, wie alle diese mentalen Regungen
in Beziehung zum ’Affekt’ bzw. zu bestimmten Affekten
stehen, Affekte bis hin zur Wut, zur Gier, zur Tapferkeit etc.
pp. (1282f).
Seine Reflexionen weisen verschiedene Durchdringungen von ’Intelligenz
und Affekt’ auf, die z.T. unauflösliche Verbindungen
als spezieller Formen der Dummheit eingehen. Die Einsicht, dass
„Dummheit und Klugheit … sowohl vom Verstand als auch
vom Gefühl“ abhängen (1285), ist ebenso unerlässlich
wie diejenige, dass auch die Klugen nicht immer vor Dummheiten
gefeit sind [„gelegentlich sind wir alle dumm“ (1290)].
Und so gilt es gerade, die „intelligente Dummheit“
(eine Art Gerissenheit) von der ’schlichten Dummheit“
(„schwer von Begriff“) zu unterscheiden (1286f).
Natürlich darf der Ausflug ins Gebiet der ’pathologischen
Dummheit’ nicht fehlen, wie sie in die Therapiezuständigkeit
der Psychiatrie gehört (1288). Aber diese klinisch-medizinische
Dimension (Debilität etc.) fällt auch für Musil
nicht mehr in den Bereich, der zur Verhandlung des ’common
sense’ von Dummheit primär ansteht (1287f).
Lebensgeschichtlich interessant – und zwar persönlich
wie sozial – wird der casus der Dummheit dann, wenn die Beziehung
’Verstand-Dummheit’ zur ’Vernunft’ hin überschritten
wird, die Musil dann unterm Signum des „Geistes“ führt.
Die ’intelligente Dummheit’ gerade, worin sich Dummheit
mit Verstand auflädt, erscheint als dieser lebensbezogene Defekt,
als „die dem Leben selbst gefährliche Krankheit des Geistes“
(betrachtet als ’Vernunft’ (1288)); darin sollte man
sowohl die Verstellung einer mit geistigen Fehlern behafteten Person
wie die ebensolche einer ’Gesellschaft’ erkennen (1289).
Musil differenziert zu recht: „Man kann zwar was psychologisch-real
im Individuum vor sich geht, nicht auf Sozietäten übertragen,
also auch nicht Geisteskrankheiten und Dummheit, aber man dürfte
heute wohl vielfach von einer ’sozialen Imitation geistiger
Defekte’ sprechen; die Beispiele dafür sind recht aufdringlich.“
(1289).
Und ohne Zweifel ist diese Aufdringlichkeit seit Musils Zeiten
personell wie zivilisatorisch immens angewachsen, gerade auch durch
’Ausdifferenzierung’ in tausenderlei Metiers / Milieus.
Insistiert man darauf, dass die ’intelligente Dummheit’
weniger „den Verstand als den Geist zum Widerpart“ hat,
worunter auch ’das Gemüt’ zu fassen wäre (nicht
also: Gefühle), dann wird ersichtlich, wie stark auf die wahrhaftig
und gratifikatorisch durchgearbeitete Beziehung zwischen den Quellen
der Inspiration (’Geist’, Vernunft) und den anderen
Quellen des Gemüthes geachtet werden muss, wenn diese persönliche
und sozietive Form der Dummheit von der Gratifikation, von der existenziellen
Genugtuung geschieden werden soll (ähnlich: 1289f). Denn hier
betreten wir das Reich der „höheren Dummheit“,
welches uns kulturell gefährlich werden kann – und leider
auch ungehemmt wird!
Ausgedrückt im Ästhetischen, im Musikalischen etwa, erleben
wir dies gegenwärtig ja durch jene Flut von billig-kulturindustrieller
Produktion, welche die ästhetische, speziell die akustische
Innenweltverschmutzung erzeugen, unter welcher Personen wie
Sozietäten zu leiden haben. Verschmutzt wird die Innenwelt
in ihrer Synthesis von Gemüth und Vernunft (’Geist’),
und verschmutzt wird nicht minder die Umgebung (akustische Umweltverschmutzung
en masse).
Doch – wie Musil betonte – dies allein kann der Kritik
nicht genügen, um das Unselige daran zu erfassen. Es muss noch
etwas Besonderes hinzutreten, dessen Fehlen dann die Misere wesentlich
miterantwortet. Musil nennt dieses „das Bedeutende“.
„Das Bedeutende vereint noch die Wahrheit, die wir an ihm
wahrnehmen können, mit den Eigenschaften des Gefühls,
die unser Vertrauen haben, zu etwas neuem, zu einer Einsicht, aber
auch zu einem Entschluss, zu einem erfrischten Beharren, zu irgendetwas,
das geistigen und seelischen Gehalt hat und uns oder anderen
ein Verhalten ’zumutet’“ (1290). Gerade durch
dessen Dasein oder seine Abwesenheit ist das gesamte lebensweltliche
Verhalten überhaupt erst der Kritik zugänglich, der positiven
wie der negativen (1290).
Miteingewoben in dieses ’Bedeutende’ ist immer die
Einsicht in die Selbstbescheidung (1290), was zur Gestaltung des
eigenen Daseins in vehementer Schlichtheit führt, die ja etwas
Betörendes mit sich führt, das Betörende
gerade als das Gegenteil von Dummheit; weil es von existenziell
tragender Qualität ist!
Dieses ’Bedeutende’ hat demnach nichts mit ’Semantik’
zu tun, mit ’Meinung’, ’Sinn’ u.dgl., denn
es ist von kreatürlich existenzieller Dimension, welche die
Qualität der Inspiration und der Gratifikation der ganzen Mentalität,
des ganzen Gehirn-Gemüth-Komplexes ausmacht.
Und so wie das Gegenteil der (intelligenten) Dummheit nicht ’die
Weisheit’ ist – ’Die Weisheit’, ein Reich,
das auch Musil nicht ansteuern möchte: „eine öde
und im allgemeinen gemiedene Gegend.“ (1291). Musil hält
es da sehr entschieden eher mit dem ’intellektuellen Eros’!
–, sondern eher die souveräne Curatierung, so liegt das
Gegenteil der dummen Musik, die immer entweder von den Affekten
oder von der Animation (’Gefühligkeit’) beherrscht
ist, nicht in ’würdiger Musik’ (als einer Art ’Hofschranzenästhetik’
…), sondern in der anmutigen Musik, welche inspirativ
und pulsierend ist.
Die Musik, die demnach jenseits der Dummheit von akustischer Innenweltverschmutzung
(und: Umweltverschmutzung) zu entstehen vermag, muss an dieses ’Bedeutende’
gebunden sein, was einen unbedingten existenziellen Wert
hat. Darum ist die authentische, die rigorose, die unerhörte
Musik inspirativ und betörend, denn sie strebt nach der existenzialen
Gratifikation (alias: Grazie …). In früheren Zeiten,
die auch schon gewußt haben, daß man ’moderner
weise’ nicht ’religiös’ sein kann, sondern
nur eben: musikalisch, hätte man dies noch in Metonymien des
Divinischen ausgedrückt, so wie etwa Alexander Skrjabin, der
die Courage hatte, sich in seinem musikalischen / musizistischen
Zustand als ’göttlich’ zu verstehen, d.h. abgeklärt
gesagt: als graziös!
In anderen Worten: für die authentische Musik gilt es immer,
„Klänge zu finden, deren Wert darin liegt, dass sie uns
auch angesichts des Todes noch etwas zu bedeuten vermögen.
Darin läge (…) ein Inbegriff von Schönheit. Sonst
wäre das Ende der Musik das Ende der Welt.“ (Michael
Heinemann, Kleine Geschichte der Musik, Stuttgart 2004, p.334).
Auch wenn nicht unbedingt das Ende der Welt, so wäre es doch
die Vollendung der seelischen Misere. Dieses ’Bedeutende’
der Musik muss angesichts des Todes – und noch mehr angesichts
des Lebens wachsen, angesichts der zu erlangenden tragischen Heiterkeit,
angesichts der Wahrung des existenziellen Geheimnisses, das uns
’sein’ läßt [’Sein’ als Zustand
des ’Tao der Musik’, des Musizismus].
© Europa Revue 2006 |