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Ralph Buchenhorst
Kiruna – Ein Dialog

I

Die zwei, drei Frühsommerwochen letztes Jahr. Die Ausflüge in den Wiener Wald, das Ausgehen und Tanzen danach, und dann das Fest am Donauufer. Wie schön sie da war. Ich sah sie die ganze Zeit aus dem Augenwinkel an. Wahrscheinlich weil ich es nicht wagte, sie ganz in den Blick zu nehmen, um nicht durch irgendeine falsche Bewegung ihres Mundes, ihrer Hände oder ihres Beckens verstört zu werden. Ich sah sie also verstohlen an, denn ich stahl mir das Verfehlte an ihren Gesten weg und wählte nur das Sichere an ihr. Ich war ganz diese Mischung aus Vergessenheit des Ungenügens des anderen und des eigenen, ganz diese Unruhe des Naheseinwollens und ließ kein Abweichen vom Vollendeten zu. Und jetzt? Was sehe ich jetzt? Kinetik, Gelenke, Asche. Die ganze Gestalt. Oder natürlich wieder nicht die ganze, sondern nur das früher Ausgesparte.

Na ja, eigentlich nur wieder dieses schwachköpfige Versagen …

Bei dem Gedanken, mir wieder die Nächte mit diesem gehetzten Lesen und mikroskopischen Schreiben um die Ohren zu schlagen, revoltiert alles. Immer der Gedanke: bitte, bitte nicht wieder diese stumme Krieg, diese blutigen Nächte wie in der Ungarngasse. Warum ist es im Schreiben immer die andere Seite, die sich aufdrängt, warum hier immer nur das Ausgesparte, die Abweichung?

Heute Marina im Institut dreimal gesehen. Was heißt gesehen, mein Blick wird starr, fixiert einen Punkt über oder neben ihr, dann gießt sich phosphoreszierende Flüssigkeit in mein Sichtfeld. Alles keinen Deut weniger wirr und ungewiss als vorher. Ihr sybillinisches Lächeln, mein kollabierender Kreislauf.

Unvermögen, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, alles blanke Sucht. Ein saugender Tunnel.

Laberfranz! … Denk mal an was näher Liegendes, an das zum Beispiel, was sich da gerade gestern abgespielt hat mit Nitra. Nitra, die Sängerin, mit der du seit einem Monat arbeitest! Wie war das gestern Abend? Nach der Probe? Genau. Die gedankenlose Denudation ihrer grobkörnigen Haut. Das Ganze war doch ein Akt völliger Unwillkürlichkeit, den du hier beim Schreiben bisher noch nicht ein einziges Mal hingekriegt hast. Völlig unwillkürlich warst du, trotzdem ihr Atem, ihre Zunge und ihr Speichel dir eigentlich Ekel verursachen. Den du relativ schnell überwindest. Ihre Selbsterniedrigung, verpackt in unerfüllbare Forderungen an dich. Sie redet ohne Punkt und Komma, doziert darüber, wer du eigentlich seist und wie du eigentlich werden müsstest (und sieht dabei so wenig wie du selbst. Zwei Blinde tanzen Tango … Tiresias, du Hängetittengnom, Gedächtnisluder, blas dem Spiegelberg mal ordentlich einen, damit ihm ein Licht aufgeht!). Deine unendliche Erleichterung, nicht wie sonst in solchen Situationen zwanghaft von dir erzählen zu müssen. Wellen des Aufgehobenseins in völliger Unentschiedenheit, oder etwa nicht? Wenn du in sie eindringst, stöhnt sie nicht, sondern hechelt und heult in konvulsivischen Stößen, so wie jemand, der an einer überempfindlichen oder wunden Stelle getroffen wird, an einer offenen, die du nicht zu haben scheinst, die ihr beide nicht seht.

Es fängt damit an, dass ich mir beim Schreiben selber zuschaue und das Linkische sehe. Wenn dieses Gefühl hochkommt, das im Kratzen des Bleistifts über dem Papier haust, das die anderen Geräusche von draußen abblockt, oder nur die hereinlässt, die man in jenes Schreibgeräusch übersetzen kann, kommt auch jenes andere Gefühl hoch, das mir sagt, es sei vergeblich, sich neu zu beschreiben, es sei ein Lächerliches, mit diesem Gedanken anzufangen, es sei immer schon die Geste des Sichselbstkopierens. In dieser Geste will man sich als ein Ganzes einfangen, Zeit haben, Gefängniszeit, Jahre des Absitzens.

Einmal so versunken sein ins Arbeiten, dass kein Telefongeklingel mehr aufschreckt, kein Lachen von der Strasse einen auffahren lässt, keine Geste oder Worte eines Gegenübers das Gefühl von Nötigung heraufrufen. Bannen der Gespenster – wie der Prager Immersohn sein Schreiben nannte. Wenn ich nur an diesen Kritzler denken und diese Stimmung in mir selbst erzeugen, wenn ich wissen könnte, wie er sich nachts am Schreibtisch gefühlt hat! Diese ganzen verzweifelten Zweideutigkeiten, Asymmetrien und Anakoluthe des Alltags, alle die Fehler, die sich vor seinen Augen auf die bereits gemachten Fehler häuften, alles Unwägbare des Tages, der Träume, des Lebens überhaupt – in der durchwachten Nacht am Schreibtisch, beim Schein der Tischlampe, mit den schlafenden Eltern und Schwestern im Rücken, hat er da nicht das Ganze verwandelt in Schrift, in den Buchstaben, der bezeugt (aber eben auch nur bezeugt)? Sicher hatte diese Schrift auch etwas Gefährliches, Verführerisches, sie erzeugte den Schein von Beherrschung, von Macht. Aber dem erlag er nicht – eine ungeheure Leistung (Natürlich erlag er ihm doch, aber eben nur dem absolut unvermeidlichen Teil von diesem Schein.) Und ungeheuer muß dieses Gefühl der Aufgehobenheit am Schreibtisch gewesen sein, nach all dem ebenso ungeheuren Ausgesetztsein da draußen, im Büro, auf der Straße, in der Familie.

Scheiße, was faselst du da von Kafka, diesem Miesling, unfähig, eine Familie zu gründen und wenigstens einen normalen Haushalt zu versorgen? Der war doch eine Laborratte, der konnte doch nur unter irrwitzigen Bedingungen schreiben! Setz dich hin und schreib, wo du auch stehst oder hockst, sag Nitra, wenn sie grad ficken will, dass du keine Zeit hast, dass du was anderes im Kopf hast, dass sie sichs selber besorgen soll, dass du ihr dabei zuschauen kannst, wenn ihr das gefällt, dass du aber dabei schreiben willst, schreiben über etwas ganz anderes. Ja, schau ihr zu, wie sie sich reibt und quetscht, und hämmer, wenn auch halb bewußtlos, in die Tasten vor dir. Mach mir nicht einen auf Franz und Felice und die Unmöglichkeit des Zusammenlebens, kein so ein scheiß Strindberg-Syndrom, sondern mach dich an die Arbeit!

Die ganzen Jahre immer und immer wieder vom Schreiben phantasiert. Und eigentlich nie vom Schreiben über etwas Bestimmtes, von spezifischen Inhalten, die dann in einen Roman, eine Erzählung oder ein Theaterstück eingehen sollten. Sondern vom Schreiben an sich, vom Schreiben über das Schreiben, vom Text über den Text. Die paar inhaltlichen Ideen, die ich hatte, waren nie Auslöser für ihre wirkliche Durchführung. Sie erschienen mir immer als zu lapidar, zu belanglos, um größere Arbeit daran zu verschwenden. Nur das Schreiben selber erschien mir wert, zum Thema gemacht zu werden. Das Schreiben wohlgemerkt, nicht die Sprache. Sprache taucht als Thema allenthalben auf. Aber Sprache ist nicht Schrift. Sprechen nicht Schreiben. Beim Schreiben ist man alleine, keiner stört den Fluss der Satzproduktion, keiner hilft einem mit der entscheidenden Frage zum entscheidenden Zeitpunkt, mit einem Einwurf, der inspiriert. Das Schreiben von Texten ist die Distanzierung einer gefährlichen Gegenwart und das sich Aussetzen einer noch gefährlicheren Zukunft. Was mit meinem Geschreibsel hier später passiert, falls es in fremde Hände fällt, darüber vermag ich nichts. Man wird mich womöglich zur Verantwortung ziehen – in welcher Form auch immer. Aber im Augenblick bin ich frei von dieser kommenden, allerdings immerzu und unaufhaltsam kommenden Last der Verantwortung.

Spiegelberg, du elendes Schwein, schreib! Bekenn, was für einen teuflischen Plan du ausgeheckt hast! Was für ein Heiratsschwein du bist, ein Zeugungsschwein, ein Vaterschwein! Ein Lebensschwein! Ist es möglich? Kann man so derart am Offenbarsten und Wartendsten vorbeischreiben? Was ist das bloß für ein absurdes Gefasel da oben. Komm endlich zur Sache!

Wer kann das schon, etwas benennen, und alle sagen dann: So war es also! Als ob nicht alles heute Rede und Gegenrede und erneute Aufnahme des Beweisverfahrens und nochmalige Berufung und Festsetzung unter Vorbehalt ist. Als ob es noch was hergibt, zu schreiben und darauf zu zählen!

Komm, werd jetzt nicht noch peinlich. Als ob du nicht genau wüsstest, worum es hier geht, als ob nicht du es bist, der hier entscheidet, was wirklich gesagt werden muss. Es gibt nichts mehr her, was zu schreiben? Natürlich nicht, solange du im Seichten fischst!

Sprühregen, seit Stunden schon, auf glänzendes Straßenpflaster. Geflimmer wie von Mücken vor den Scheinwerfern der Autos.

Abends ging ich in eine Bar, mit dem gebührenden ungeduldigen Blick. Der fällt sofort auf eine Schlanke mit einem breiten häßlichen Gesicht. Sie war alleine gekommen. Jetzt tanzt sie, trinkt, betrinkt sich und beginnt, sich auf der Tanzfläche auszuziehen. Ihre Brüste leuchten in einer einsetzenden Stroboskopsalve auf. Sie wird vom Barpersonal abgefangen und zum Verlassen des Lokals aufgefordert. Ich gehe ebenfalls. Draußen sehe ich sie im Gespräch mit zwei Kerlen. Die lachen, sie flucht. Dann wankt sie weg. Ich gehe ihr nach und spreche sie an. Sie wittert die Chance, nicht alleine nach Hause gehen zu müssen. Also nimmt sie kurzentschlossen meinen Arm und zieht mich mit.

Überall diese Siedlungsklötze aus den 80ern, fahl, Lebensverhinderungsmaschinen, naives Vertrauen in Gradlinigkeit. In einem wohnt sie, im obersten Stock. Blick über die Stadt, über versprengte Wohncontainer, im Licht einer grauen Polarsommernacht. Weiter Regen. Neutrale Einrichtung. Alles relativ neu. Individualisierung nur durch die heillose Unordnung. Sie macht sofort den Fernseher an und schaltet auf MTV. Draußen die flanellene Diffusion aus Nässe, Graulicht, Beton und Kiefern, drinnen das Flackern von Basskaskaden, Synthesizerclustern und Körperangeboten in allen Stellungen und Farben. Sie hat ihre Jeans ausgezogen und sitzt mit T-Shirt und Slip auf einer Kommode. Ihr Blick tastet ich weiß nicht welches Stück des gegenüberliegenden Fensters ab. Ich bitte sie, so wie vorhin in der Bar zu tanzen. Sie sagt, sie sei hungrig. Wir gehen in die Küche, wo sie Spaghetti in den Topf wirft und vielleicht zehn Knoblauchzehen kleinhackt.

„Woher kommst du?” Ich halte es für angebracht, mir eine fiktive Existenz einfallen zu lassen. „Aus Narvik.” „Und was machst du da?” „Kellnern in einem Restaurant.” „Willst du auch Spaghetti mit Knoblauch?” „Danke, keinen Hunger. Gibst du mir ein Bier?” In der Spüle steht das benutzte Geschirr von mehreren Tagen. Sie kramt nach einem nicht allzu schmutzigen Teller. Hinten in einer Bodenecke der Küche schimmert eine Lache. Sicher eine Bierlache, denke ich. Ich frage mich, wie wir beide wohl aussehen würden, ineinander verkrallt in sie rollend, kämpfend, irgendeines der MTV-Körperangebote annehmend. Ich frage mich weiter, ob sie mich gegebenenfalls auch verstecken würde hinter einer Kommode oder einem Bett, ob sie einen kleinen Fuß hat, den sie mir gegebenenfalls auf die Brust setzen könnte, hinter der Kommode, und ob sie gleichzeitig sagen würde: Hier ist er auch nicht.
Sie schlingt derweil ihre Nudeln in einem Anfall von Heißhunger in sich hinein. Der Knoblauchgeruch vermengt sich mit dem aus unseren beiden Bierdosen und den MTV-Endlosschleifen. Ich suche die Situation nach irgendeiner Möglichkeit der Belohnung dafür ab, daß ich gerade geheiratet habe. Sie sagt, es sei nun Zeit, hinüberzugehen und es zu machen. Auf dem Weg ins Schlafzimmer halte ich sie von hinten an den Hüften fest und dränge mich a tergo an sie. Sie hält einen Augenblick inne. Auf dem Bett liegend zieht sie ihre Brille vom Gesicht und schaut dann ein paar Sekunden die Nachtischlampe an. Das Licht exponiert ihre breite Nase, das stumpfe Haar und die Müdigkeit in ihren Augen, die langsam farblos werden. Ich warte, bis sie eingeschlafen ist, nehme meine Jacke, die ich neben die Lache in der Küche gelegt hatte (um einen Schutzwall um sie zu ziehen?) und verlasse die Wohnung.

Zurück im Hotel versuche ich ein paar Stunden Schlaf vor dem Abflug nach London zu bekommen. Was mir natürlich nicht gelingt. Also nehme ich mir ein Buch. Aber die Wörter ziehen wie Nebel an mir vorbei, ohne daß ich andererseits ganz wegschauen könnte oder die Augen zu schließen imstande wäre. Immer wieder kommt mir der Gedanke, alles würde sich lösen, wenn ich nur in der Lage wäre, meine Sohneswelt zu beschreiben, der Buchhalter meiner eigenen kläglichen Einnahmen und gigantischen Ausgaben zu werden. Auf der Sollseite tausende von gehörten Sätzen wie „Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied!” oder „Wieviel besser das noch ginge, aber du willst ja nicht!”, oder „Ungeschickt läßt grüßen!“, auf der Habenseite nichts als Vaters Hand beim Schreiben, die andere Kraft des Patriarchen, die Gegenkraft, diese Skulptur von Gelassen- und Bestimmtheit.

Das Grundmotiv meiner permanenten Phantasien ist eine Zukunftsplanung, die jede pragmatische an Nüchternheit übertrifft; sie rechnet ohne Rücksichten mit der ausgehenden Zeit. In ihr gilt der Augenblick nur insofern, als er zu überwinden ist, weil der nächste schon wartet. Ich entwerfe mich auf das Kommende, und die Gegenwart, die Zukunft der letzten Vergangenheit, sieht genauso aus wie der Zeigefinger Platons.

In diesem Grundmotiv wird das Unerledigte, Unzufriedene, Kompromittierte auf einen Topos verschoben, der sich nur dadurch als der Ort der Lösung legitimiert, daß er noch nicht eingetreten ist und sich mit der Energie einer Wandlung (der Verhältnisse, des Denkens, der Mitmenschen) aufladen könnte: in Budapest muß ich meinen Alltag neu organisieren, in Göteborg werde ich freier atmen und bestimmter schreiben können, in Wien kommt endlich der Geistesblitz …

Zum Piepen! Was für ein Schund. „Grundmotiv meiner permanenten Phantasien …”, „ausgehende Zeit …” So ein Geschwafel interessiert keinen Menschen. Brägenwichser!

Ich hab ihn damals im Arbeitsamt in Wien kennengelernt. Er war noch hilfloser als ich mit all den Formularen, Stempeln, Kopien und Stempelmarken. Wir halfen uns gegenseitig. Er stellte sich mir als Miran vor. Ein paar Tage später allerdings merkte ich schon, daß er sich anscheinend andauernd neue Namen für sich ausdachte. Für einige im Café Schopenhauer, wo er regelmäßig verkehrte, war er Lázlo, für seine Vermieterin Marko Radukan, und auf den von ihm selbst entworfenen Plakaten für seine imaginierten Konzerte firmierte er als Kusmak Fasshaun. Er war arbeitsloser Pianist, allerdings kein herkömmlicher. Sein Flügel stand in einem Zimmer, das nicht mehr als neun Quadratmeter hatte und nur durch eine etwa halb so große Küche zu betreten war, in der neben Herd, Kühlschrank, Vorratsschrank auch noch eine Einbaudusche untergebracht war. Da neben dem monströsen Flügel und dem Kleiderschrank nur noch ein winziger Tisch und zwei Klappstühle in das Zimmer passten, schlief er kurzerhand auf dem zugeklappten Instrument. Das war ein älterer Bösendorfer Imperial, der eine höchst eigenartige Mutation durchgemacht hatte. Um Kusmaks Klangvorstellungen zu genügen, war er an den Seiten mit Teppichfliesen beklebt. Zwischen Rahmen und Deckel hingen allerlei Gegenstände herunter, Töpfe, Kochlöffel, Radiergummis, Bleistifte und Taschentücher, aber auch Babyrasseln, Schnuller, ABC-Pflaster und Windeln. Das ganze Zeug diente ihm zur ergänzenden Klangerzeugung oder zur Manipulation des Klavierklanges. Oft saß er, wenn ich ihn besuchte, vor diesem Sammelsurium und redete auf es ein, ohne die Tasten anzurühren; oder er schrie regelrecht die Saiten an, um sie zum Schwingen zu bringen. Er konnte ganze Hasstiraden auf das Klavier loslassen: „Du Scheißteil, mit dir ist doch nichts mehr anzufangen, du bist doch fertig, immer wieder die gleiche Litanei. Wien und das Klavier, das Golgatha der Musik! Als ob dir noch einer zuhört. Sie sitzen da, fett und schlaftrunken von ihren europäischen Altlasten, und du lullst sie ein. Beerdigung erster Klasse.”

Hoffnungslos, absolut hoffnungslos. Wie soll ich dich jemals dazu bringen, auch nur ein wahres Wort loszuwerden. Also gut, versuchen wir es mit einem Beispiel. Schau dir genau an, wie wirkliches Schreiben aussieht, wie es sich anfühlt: „Sobald das Parkett gewaschen ist, lege diese Wäsche in das Nebenzimmer. Wenn die Wäscherin heute Abend kommt, wie verabredet, dann gib sie ihr; aber da es seit einer Stunde heftig geregnet hat und da es weiter regnet, glaube ich nicht, daß sie ausgehen wird; dann kommt sie also morgen früh. Wenn sie dich fragt, woher all dies Blut kommt, brauchst du ihr nicht zu antworten.”

Diese ganze Schreiberei macht mich so unendlich müde. Keine sofortige Belohnung, immer wieder Aufschub, immer nochmal Kampf mit den Worten, Barrikadenkämpfe in den Leitungen, in den Verbindungskanälen zwischen der Erinnerung und den Mündungen der Schrift.

Also nochmal Kiruna. Was war an den Tagen vorher? Irgendwie muß man sich doch erinnern können, irgendwie muß es doch freigegeben werden können. Wandern. Ich war wandern. In diesem Nationalpark. Abisko-Nationalpark. 20 km den Königspfad herauf und hinunter gewandert. Landschaft wie erwartet, keine Überraschungen. Montanbirken, Moor, dramaarmes Gebirge, Stromschnellen. Viele Mücken. Dann weiter nach Riksgränsen. Übernachtung in einem Wandererheim. Den dritten Tag schon nur das Nötigste gesprochen – „Ich brauche ein Bett für eine Nacht”, „Was kostet das”, „Wo kann man hier frühstücken” … Am nächsten Tag Aufstieg zum Gipfel des hinter dem Heim liegenden Bergs. Ca. 4 Stunden durch Moor, über glatten Fels und pralles Moos. Oben Blick auf einen zerklüfteten Gletscher am gegenüberliegenden Massiv. Die Ungezähmtheit der Landschaft, und damit ihre Selbstgenügsamkeit, bedrückend. Es ist relativ warm. Also öffne ich den Hosenschlitz und mache mich an die Arbeit. Trostlosigkeit der wilden Natur und Trostlosigkeit meines Abmühens deckungsgleich.

Am nächsten Tag dann schlechtes Wetter, sehr windig, die Berge mit Hauben, kalt. Also nehme ich den Zug nach Kiruna. Am Nachmittag die Holzkirche besichtigt. Streng geometrisch, um die Jahrhundertwende erbaut. Beim Hereinkommen der vertraute Geruch von Holzofen, der die Kirche heizt. Innen nur ein einziges Kreuz, ca. 30 cm hoch, auf dem Altar, mit betenden Lappen, eine Schnitzerarbeit. Außen am Dachrand umlaufend Bronzefiguren, die Gemütsverfassungen darstellend: förtvivlan, blyghet, övermod, fromhet, förtröstan, andakt, svårmod, sorg, kärlek, ödmjukhet, hänrykning, ingivelse. Bin ziemlich erschöpft. Warum diese elende Reiserei?

Auf dem Weg zurück zur Pension gehe ich an einer Frau mit Kinderwagen vorbei, die zum Schunkeln ihres Kindes im Wagen singt:

Till Paris, till Paris,
ska vi rider på en gris
Det kan tar några år,
men jag tror nog att det går.

Was dann passiert ist, fällt mir nicht mehr ein. Ich kann mich einfach nicht mehr erinnern. Ich kann mich an überhaupt gar nichts mehr erinnern. Irgendwie geht es nicht mehr weiter mit dem Schreiben. Wozu das Ganze? „Warum die elende Reiserei?” – das ist die falsche Frage, die richtige lautet: „Warum die elende Schreiberei?”

Immerhin ein Anfang. Am Anfang stehen immer Fragen. Diese ist nicht die schlechteste.

Ich schaue an mir herunter und sehe einen Körper. Ein Fremdes. Ein gerade noch funktionierendes Etwas. Ein Ding. Schmerzend. Aber selbst der Schmerz ist nicht mein eigener. Ich spüre ihn nur. Doch, doch, das ist der von anderen geschickte Schmerz, der sich in meinem Körper aufhält und dort groß wird wie ein Kuckuck in fremdem Nest. Warum schwitze ich pro Tag sechs Hemden durch? Beim Schreiben sogar noch mehr? Warum steht mir da derartig der Angstschweiß auf dem Körper?

Dein Körper! Fremd? Schau ihn mal genauer an! Hast du eigentlich schon mal bemerkt, daß er stinkt? Er stinkt erbärmlich, weil du ihm hemmungslos verwahrlosen läßt. Ein Geruch von Verwesung geht von ihm aus. Der Schorf auf der Kopfhaut, die käsige klebrige Absonderung im Schritt. Und dann der Mund! Die schwärzlichen Zahnruinen sind noch das Erträglichste, der grünliche Belag auf der Zunge abartig. Die Stirn von Pusteln bedeckt, die unaufhörlich eitern. Und wenn ich sehe, wie du mit dieser widerwärtigen schrubbenden Handbewegung dauernd versuchst, dir die schuppige kranke Haut vom Hals abzureiben, würde ich dir am liebsten geradeaus ins Gesicht kotzen. Wenn du dich nur einmal mit klarem Blick im Spiegel anschauen könntest, würde es dich vor dir selber ohne Ende ekeln. Aber du siehst es ja nicht. Du bist ja so fixiert auf die bloße Kontur, auf den einzelnen Mitesser auf deiner Nase, dass du sonst nichts siehst.

Der Sockentraum. Ich weiß nicht mehr, wie und wann ich zu Bett gegangen war. Wahrscheinlich wie immer, mit Gutenachtgruß und -kuß für die Eltern und mit der großgewohnten Angst davor, die Fehler des Tages würden mir in der Nacht vorgerechnet und zur Strafbemessung geschritten werden. Nachts wachte ich auf, weil eine hohe Stimme nach mir rief. Sie kam von der anderen Bettseite, wo meine Schwester schlief. Irgendetwas bewegte sich dort auf dem Nachttisch. Ich huschte aus dem Bett, eilte auf die andere Seite und blieb dann gebannt vor diesem Tischchen stehen, auf dem sich ein absonderliches Tanztheater abspielte. Meine Mutter hatte auf ihre akkurate Art meines Vaters Socken zusammengerollt, und diese Sockenbälle hüpften nun in einer ähnlich akkuraten Choreographie auf und ab und sangen ihre Melodie mit Text, in dem ich aufs Herzlichste begrüßt und umschmeichelt wurde, und so begann ich mitzutanzen und hüpfte ausgelassen piepsend vor dem Nachttischchen umher. Anscheinend motivierte das das Sockenballett, sich eifrig zu vermehren, denn nach nur wenigen Minuten war das ganze Zimmer voll mit springenden und trällernden Sockenballen in den unterschiedlichsten Farben, gelben, schwarzen, roten, grauen, beigen und grauen. Dann die plötzliche Mutation. Den Ballen wuchsen Mäuler, mit Piranha-Zähnchen gespickt, und fingen an, nach mir zu schnappen:

„Spiegelberg, ein letzter Sprung,
dann drehn wir dir die Gurgel um!”

Und ich mit fuchtelnden Händen und angehaltenem Atem zurück ins Bett fliehend. Hilferufe. Mein Vater kommt. „Die Socken wollen mich fressen, Vater!”

Warum muss man weiterleben und sich in einen schwärenden Eiterbeutel verwandeln, in ein kontaminiertes Etwas, in einen monströsen Organismus? Nicht deshalb, weil man es nicht anders verdient hat, nicht deshalb, weil einen das Schicksal dazu bestimmt hat, nicht deshalb, weil es solche Existenzen geben muss, damit es weiterhin Literatur, damit es weiterhin Kunst gibt. Sondern nur deshalb, damit es eine vage Vorstellung von Hoffnung gibt, einer Hoffnung, die jede nächste kranke Stunde zu einer noch größeren Qual werden läßt.

Als wir Tanger erreichten war es Vormittag, schönster Sonnenschein, und um uns herum lagen Frachter unterschiedlichster Größe und warteten auf die Erlaubnis zur Einfahrt in den Hafen. Also warteten wir auch. Von Hamburg bis hierher hatten wir vier Tage gebraucht. Die Biskaya war unruhig, Lissabon ein kleiner erleuchteter Fleck am spätnächtlichen Horizont. Kronberg saß während der Überfahrt fast ständig in seiner Kabine und schrieb. An seinen Liedern. Ich wusste mal wieder nichts anzufangen mit meiner Zeit und kam kaum aus der Koje. Stupor. Um den wenigstens ab und an zu fliehen, ging ich an Deck und lungerte zwischen den Kränen und Tonnen herum, die Reling und das Meer inspizierend. Am Morgen kurz vor Tanger tauchten fliegende Fische auf, zogen flirrend über den Wasserspiegel und schossen als Silberpfeile in die nächste Welle. Da es sonst kaum etwas zu sehen gab, kamen mir allmählich die Bilder der Städte und Landschaften wieder vors innere Auge, die mir sonst nie etwas bedeutet hatten. Ich sah Straßenecken in Hamburg, ein Feld vor Frankfurt, den Bahnhofsvorplatz in Bordeaux wie ein Versprechen, dass Aufenthalte dort einen Sinn machten. Dazu kamen Musik und Filme, die ich vor Jahren gehört und gesehen hatte und die sich mit den Orten zu einem wirren Potpourri verbanden.

Wirrer Potpourri. Also keinerlei Ordnung. Jedes Leben hat aber eine Ordnung. Jedes Leben sucht sich eine Ordnung. Welche ist deine?

Nach zwei Tagen Wartezeit fuhr der Frachter in den Hafen ein und ankerte etwa hundert Meter vor einer Kaimauer. Es war Nacht, wir standen an der Reling und sahen das erste Mal seit einer Woche wieder einen Baum, Autos, beleuchtete Häuserfenster aus der Nähe. Dann wurden Kronberg und ich von einem Boot abgeholt und an die Anlegestelle gefahren. Es war vollständig windstill, und der Vollmond schien von einem sternklaren Nachthimmel. Neben dem kleinen Boot stieg die Seitenwand des Frachters wie eine überdimensionierte Stahlplastik von Richard Serra aus dem schwarzen Wasser. Auf diesen Anblick war ich nicht gefasst, und zum ersten Mal auf dieser Reise schien sich die Zeit zu pulverisieren. Ich hing schwerelos in dem tuckernden Taxi und fing langsam an, die silbrigglänzende Stahlwand zu werden, das Hafenwasser zu bedecken, den Streifen Mondlicht darauf in mich zu verlängern. Mir kam das erste Kapitel aus Kafkas Amerikaroman in den Sinn. Der Heizer war mir immer fremd geblieben. Jetzt hatte ich zum ersten Mal ein Gefühl für die Hand des Heizers, die so aussah wie die meines Vaters in Momenten, wo sie nicht schlug oder abwinkte, wo sie einen Stift hielt und ruhig schrieb oder leicht auf einer Sessellehne lag.

Wir gingen durchs Hafenviertel in die Stadt hinein und landeten in einer Bar.

Sicher sehe ich immer noch Asche, viel Asche, aufgehäuft zu Gebirgen des Verbrannten. Aber zuweilen sehe ich auch anderes. Strukturen, vielleicht Strukturen im Aschefeld. Wege durchs Gelände, Pfade falben Lichts.

Wo siehst du deine Kinder? Auf der Seite des Verbrannten oder der der Struktur in diesem Verbrannten?

Ich sehe Städte, mutierende Städte, Städte in Lichtkaskaden getaucht. Immer auf der Suche nach den Orten der Mutation, der Brüche, der Nichtfunktion. Oder besser des Andersfunktionierens. Wuchernde Städte mit der Wut des Überfüllten, des dauernd zu Engen, der Bedrängung. Hunderttausende liegen in ihren Bettstätten, nebeneinander, in langen Hallen, neonfahl beleuchtet, und zerwühlen ihre aschfahlen Laken. Sie knien auf ihren Matratzen und hämmern im Stakkato mit ihren Köpfen den Rhythmus des Urbanen gegen die Schlafzimmerwände. Oder liegen apathisch da, glasigen Auges und irgendwelche Formeln litaneiend. Wie in Rio de Janeiro der Autist in einer Nische irgendeines der Hochhäuser. Umgeben von Plastiktüten, Zeitungspapier, Schimmel. Vor ihm eine Pappschachtel mit ein paar Münzen drin. Der haut seinen Schädel gegen die hinter ihm liegende Glasscheibe, bis ihm das Blut stetig am Hals runterläuft. Der Körper ist völlig absorbiert von diesem unbändigen Bewegungsdrang, von diesem Willen zur rituellen Handlung, zum Zugang zum Schmerz. Um ihn herum geschäftiges Treiben, ein emsiges kontrolliertes Gehen, Menschen mit Kalendern und Terminen.

Deine Kinder! Deine Kinder! Wo? In diesen Stadturwäldern? Verlorengegangen?

Wenig geschieht. Man eitert langsam vor sich hin. Der Wanst wird feister. Die Verkrüppelungen nehmen zu. Die Konzentration nimmt ab. Der Mut war nie da. Die Feigheit: die Monarchin. Mein Blut: ihr Untertan.

Arschloch. Fick dich doch ins Knie! Verkrüppelt? Wanstig? Schau hin, mit welch flinken Hieben du mordend durch die Strassen ziehst. Dein Blut? Deins? Schau hin, es ist das deiner Opfer, das in den Rinnstein fließt, zäh und nachdunkelnd. Mit der einen Hand führst du das Messer, mit der anderen fieselst du dir Hautfetzen vom Hals, schrubbst dir über den Kopf.

Tagelang im Bett. Studium des Flanells, des Gels der Morgen- und Abenddämmerung. Studium des Aschgraus, des Anthrazits der Nächte. Abhören des Rauschens hinter den Mauern. Des Stöhnens. Irgendwo stöhnt immer einer. Man müsste eine Leitung legen, die das Stöhnen und Jammern jedes einzelnen in den Ländern miteinander verbindet. Die Netze der Information und des Amüsements existieren bereits. Die des Leids noch nicht. Keinerlei Abhöranlagen der Verzweiflung. Letzte Woche am Frankfurter Bahnhof kam ich die Rolltreppe zur Kaiserstraße hinauf. Rechts in einer Nische zwischen Treppe und Straßenbahnhaltestelle hockte einer in stinkenden Kleidern und setzte sich die Spritze in eine großflächige offene Wunde am Oberarm. Er tat das mit einem leidenschaftslosen Blick, mit einem medizinischen Auge, so als wollte er einen chirurgischen Routineeingriff vornehmen. Zwei Strassen weiter wankte ein Mädchen mit eiterndem Ausschlag im Gesicht übers Trottoir auf mich zu und übergab sich dann in einem Hauseingang. Ihre Pusteln hatte sie versucht zu überpudern, ihr Lidschatten war grasgrün. Dauernd versuchte sie etwas aus ihrer Umhängetasche herauszunehmen, scheiterte aber immer wieder daran, weil ihre Hand den Taschenschlitz einfach nicht fand. Und dann auf der Zeil, im Strom der einkaufenden oder nach Hause eilenden Passanten dieser Junge, dem immer wieder die Beine wegsackten, und der sich schließlich vollkottete und in einer Tiefgarageneinfahrt verschwand.

Geilst dich wieder an Drogenräuschen anderer auf, hmm? Du, Meister der Selbstkontrolle, Herrscher über dein Fleisch, über dein Herz! In den verhängten Augen betrunkener Frauen findest du das Feuer, dass in dir nicht brennen darf, in der Agonie des Junkies die Verzweiflung, die dir verboten ist.

Gaggi und Fuff, ich sehe sie noch vor mir wie gestern. Damals in Saarlouis. Am grünen Wall, im Haus mit dem Turm. Wir spielten oft hinten im Garten, unter dem Zwetschgenbaum, oder auf der Strasse mit einem Leiterwagen, Matchboxautos oder Murmeln. Fuff hatte einen neuen Roller bekommen und wir jagten ihn ums Haus. Damals hatte ich irgendwie noch ein Gefühl für den Sommer. Das hatte was zu tun mit grünen Fensterläden, die um die Mittagszeit geschlossen waren, mit dem Summen von Fliegen, die unsere Zimmer zentrierten und schließlich auf dem Leimstreifenfriedhof unter der Lampe landeten. August, das Wort hatte etwas von Versprechen, von tiefstmöglicher Balance zwischen Überraschung und Traurigkeit. August war der Monat, wo das leichtbekleidete Draussensein schon längst wieder ins Blut übergegangen war, gleichzeitig alle Zeichen auf Ende, auf Braun, Wind und kommenden Regen standen, also auf Trostlosigkeit. Gaggi rannte hinter dem Roller ihres Bruders her und schrie: „Ich auch, ich will auch mal, du Kotzbrocken, du hasts mir versprochen, warte, ich krieg dich und hau dich da runter …” Ich rannte den beiden hinterher und der Wind strich mir kräftig ins Gesicht, dieser 32° Wind, heiß und mit dem abendlichen Geschmack von Malzbier oder Apfelsaft schon aromatisiert. Ich lief und lief und hoffte nur, dass die beiden nicht langsamer, nicht müde wurden, damit ich ihnen wochen-, monate-, jahrelang so nachlaufen könnte, mit diesem dieses eine Mal nicht schmerzenden Körper, mit Beinen, die auf wundersame Weise einfach liefen, ohne Befehl, ohne Stützschienen, ohne komplizierte Gelenkkonstruktion aus Stahl und Kunststoff. Und der Moment dehnte sich, er brach das komplizierte Gerüst aus Zeit, Gewohnheit und Pflicht auseinander, irgendetwas explodierte und flog als Schrapnellgestöber durch die Luft, sauste mir an den Ohren vorbei, und ich lief immer einfacher, immer behänder, ich lief so wie Liszts Hände geflogen sein mussten nach jahrelangem Training, in jenem Augenblick, wo die antrainierte Geschicklichkeit überging in das bewusstlose Können, in den erfüllten Wunsch. Aber dann hielt Fuffi doch an. Plötzlich hielt er an und wandte sich nicht an seine Schwester sondern an mich und fragte, ob ich vorne aufsteigen wollte, er würde mich mitnehmen. Ich stand schon, der Schweiß am Körper rann und verdunstete, rann und verdunstete, und ich sah mich auf den Roller steigen, obwohl ich nicht wollte, ich sah Fuff antreten, sah seine Arme neben meinem Oberkörper, obwohl ich das nicht wollte, spürte seinen Atem im Nacken, fühlte sein feuchtes Hemd am Rücken. Ich sah den Kiesweg, die falben Steine, das Einbrechen des Ballonreifens in die Schotteroberfläche, sah die feiste Selbstzufriedenheit dieses Reifens. Und ich sah uns stürzen bevor wir stürzten. Fuffi rief: „Komm, du feiges Gewächs, ich sehe doch, dass du Angst hast. Dabei bin ich der sicherste Rollerfahrer in ganz Saarlouis, im ganzen Saarland, gleich auf der ganzen Welt.” Ich stieg auf, der Ballonreifen setzte sich in Bewegung, keilte sich durch den Kies, sorgte für ein gehässiges Knirschen … und gab plötzlich nach. Wir glitten aus, ich flog über den Lenker und schlug mit dem Kinn aufs Kiesbett.

Aktion erwarten wir immer von den anderen, und die Schuld schieben wir ihnen zu. So einfach macht der Depp es sich und merkt nicht, welche Chancen im Ergreifen und Verantworten liegen.

Meine Wohnung ist ein leerer Behälter. Die Einrichtung eine Armee mit hinterhältiger Strategie. Die Mauern meines Arbeitszimmers dienen der Außenwelt zum Schutz. Im Innern der Wohnung spielt sich ein Gemetzel ab. Die elektrische Spannung ist unerträglich. Die Wände sind weiß, bildlos, sehr glatt und doch unausrechenbar uneben. Jedes Buch in meinem Regal starrt mir wie ein Gewehrlauf entgegen. Das Licht ist elektrisch, grell und verhindert Schattenbildung. Mein Schreibtisch ist ein Seziertisch, stählern, kalt, blendend. Meine Stimme klingt metallisch, der Schrei eines Stahlraben. Ich sitze und schreibe und inszeniere das beherrschte Theater der Schrift, doch an den Nervenenden der Hand beginnt das Drama des Wirklichen, das Gemetzel. Der Tisch dehnt sich unter der Hand, er dehnt sich bis an den Horizont, der Stift ist eine elektrisch geladene Nadel, knisternd, unmöglich länger als zwei Minuten zu halten. Dosen, Papiere und Briefumschläge auf der Tischfläche sind namenlose Monstrositäten, immer mehr als bloß seiend, ausgezeichnet durch ihre perfekte Abstraktheit, durch ihre metaphysische Qualität. Draußen auf der Strasse grölt man deutsch. Das Haus gegenüber ist sehr groß, so groß darf es eigentlich nicht sein. Grölen und Haus gehören nicht zusammen. Früher gab es Maisfelder, Felder vor Frankfurt, Wege, Netze, Verbindungen, Selbstverständlichkeiten. Schreiben fühlte sich noch nicht an wie das schmerzunfähige Gemetzel mit Stiften und Sprache.

Jetzt kommen wir der Sache näher.

1922 werden in Marokko Protektorate eingerichtet. Sie bleiben 44 Jahre bestehen, bis das Land 1956 unabhängig wird. Tanger steht unter der Ägide eines Kontrollrats, dem Spanier, Franzosen, Italiener, Portugiesen und mohammedanische Marokkanern angehören. Die Stadt wird zu einer internationalen Zone. Ab den 40er Jahren kommen sie dann, bis in die 60er hinein: Paul Bowles, Barbara Hutton, Jean Genet (der dort begraben ist), Samuel Beckett, William S. Burroughs, Truman Capote, Tennessee Williams, Francis Bacon (der sympathischerweise anreist, um sich in den Gassen der Altstadt absichtlich zusammenschlagen zu lassen), Allen Ginsberg. Man feiert. Europa und die USA fliehen ihre Moral, ohne die des Orients annehmen zu müssen. Die Marokkaner bleiben draußen, zu den Lokalen und Hotels der europäischen Corona haben sie keinen Zutritt.

In jenen Tagen im März 98, in denen auch ich rauswollte aus Europa. Vom Hafen hoch in die Altstadt. Abenddämmerung, Markt. Die Schmiede, wo neben rußschwarzen Säcken, Fetzen und Geräten ein halbes Schwein in seinem Blut glänzte. Zweirädrige Karren am Gassenrand, der Fisch auf dem Gassenpflaster feilgeboten, die Medina abends ein einziger Markt, jeder einen kleinen Kreis des Geschäftigen um sich ziehend, mit einer allen gemeinsamen Schnittmenge. Das Fremde war es, was ich brauchte. Denn so fremd, wie es um mich herum für mich war, so fremd war es fast immer um mich herum gewesen, und genauso in mir. Das Fremde in mir war meine Heimat. Oder besser das einzig Vertraute. Wahrscheinlich geht es vielen so. Man sieht es in Tanger und in Tetuan. Europäer kaufen sich Häuser in der Altstadt, weil sie fremde Tradition brauchen, für die sie keine Verantwortung übernehmen müssen, während die Marokkaner nach europäischer Modernität streben und in die Neustädte ziehen.

Überleg dir nochmal, wie und was du schreibst. Siehst dus nicht? Die Inszenierung von Allmacht durch die Vorspielung von Schamhaftigkeit und Verantwortung gleich für die ganze Menschheit? Du wirst es nie wahrhaben wollen und dich immer wieder in diese beschissene Allgemeinungültigkeit einwickeln. Erzähl mal deinen Traum!

Keine Ahnung, woher ich den Wagen hatte. Vielleicht von einem Freund geliehen. Lief nicht schlecht, der Motor. Wir waren schon seit Tagen unterwegs. Ich hatte mir freigenommen, irgendwie hatte ich plötzlich alle Arbeit einfach liegen lassen. Nach zwei Tagen merkte ich, dass ich nicht allein im Auto war. Jemand war mitgekommen, so ein braunhaariges Etwas, das mir tagelang im Nacken saß und nervtötende Geschichten von seiner Heimatstadt erzählte. Das Land wurde immer arider, Ocker ging in Falbes und kraftloses Grau über. Es war ziemlich heiß geworden. Wir waren immer Richtung Südosten gefahren, schon seit Tagen, ohne genaues Ziel. Ich hatte keine Lust, auf Karten die Richtung zu suchen. Irgendwann würde schon ein lesbares Schild auftauchen. Außerdem wusste ich sowieso, dass wir in Mesopotamien gelandet waren. Zweistromland, Wiege der Menschheit, Oase des frühen Lebens. Entre dos aguas, wir fuhren immer zwischen den beiden Flüssen entlang und kamen schließlich zum Palast. Der Herr des Landes lud uns ein und zeigte uns sein Reich. Der Euphrat ging wild dahin, zu wild. Wer will hier an den Ufern leben, fragte ich mich und sah am anderen Ufer die steilen Berghänge emporsteigen und auf halber Höhe Häuser mit absurden kleinen Vorgärten kleben. Die Stromschnellen schickten ein auf die Dauer unerträgliches Brausen nach oben. Der Tigris dagegen war gezähmt worden, ein Meisterwerk königlicher Baukunst. Umsichtig und beharrlich waren filigrane Deiche, Abflüsse und Staudämme gebaut worden. Seile liefen an den begradigten Ufern entlang, die Treidelwege waren befestigt worden, die Dämme kunstvoll angelegt. So handelt ein Herrscher mit Aufmerksamkeit und Sinn fürs Wesentliche. Wie zum Lob ging ich zu einem dieser Dämme, um ihn liebevoll zu tätscheln, als mir massige Brocken brüchigen Lehms entgegenstürzten. Hinter einer scheinbar nur unzureichend fest aufgetragenen Schicht kam plötzlich das ganze Ausmaß von Unfertigkeit und Schluderei zum Vorschein. Oder war absichtlich so zerbrechlich konstruiert worden? Ich ging auf den verstörten König zu und gab ihm mitfühlend meine Hand. Die seine war kalt wie Eis. Sie ging durch eine Leitung direkt in meinen Körper über. Stunden später fuhr ich kreuzfidel mit einer neuen, diesmal schwarzhaarigen und prächtigen Beifahrerin durch die Berge an der Grenze des Reiches entlang.

Ach du heilige Rattenpisse. Die reine Wichserei. Holt sich sein schlunziges Jiddenhirn raus und wichst stundenlang dran rum, bis sogenannte Literatur dabei abfällt. Literatur! Wenn ich diese Lächerlichkeit von europäischer Kultur schon höre! Ich weiß nicht wieviele von den Kommunikationsverhunzern Tage und Nächte an verheulten Schreibtischen, nein Wichstischen, Schlachttischen, herumlungern und sich so dermaßen einen runterholen, um das dann von wahnsinnigen Lektoren autorisieren zu lassen, indem die auch noch ihre Wichse dazugeben. Und das Ganze wird dann als prima Kultur verkauft, ist aber nichts anderes als geschlachtete Sprache, ein Gemetzel von Worten ohne Sinn, oder mit dem einzigen Sinn, Literatur zu produzieren, das Lächerlichste auf der ganzen Welt.

II

Und jetzt? Nach wochenlangem Einhalten wieder zum Schreiben gezwungen. Als Ausdruck des Schweigens die Ökonomie des Textes gesprengt und den Raum oben freigelassen.

Das sind Tricks, die zu Zeiten Mallarmés vielleicht noch imponiert hätten, jetzt wirken sie nur noch abgestanden. Lass dir was einfallen, vielleicht die Neuaufnahme der Beschreibung deiner Hasenfüßigkeit, was den Umgang mit entscheidungsfreudigen Frauen angeht, mit denen, die dich unter ihre Fuchtel nehmen und dich als billig angekauftes Söhnchen halten, als willigen Befehlsempfänger, als kleinen schimmernden Stein in der Öde ihres Dekoltees.

Immer wenn sie bei mir übernachtete, lag ich nachts neben ihr und konnte nicht einschlafen. Ich lag neben ihr und hatte Angst, sie könnte aufwachen, unmerklich aus dem Bett gleiten, sich anziehen und die Wohnung verlassen, die Stadt verlassen, das Land verlassen und aus meinem Leben verschwinden, ohne dass ich wüsste, warum. Natürlich würde ich wissen warum, aber sie würde es mir nicht direkt gesagt haben, nicht mit ihrer Sprache gesagt, sondern ich hätte es von ihrem Körper ablesen müssen, nein, von ihren Gesten und ihrer Mimik am Abend vorher, ich hätte es mir aus nebenbei hingeworfenen Bemerkungen und einem Gähnen, aus einem Blick aus dem Fenster oder dem Hinunterschlucken eines Bissens, aus den Fingerabdrücken an ihrem Weinglas, an deren dunstigem Schimmern vor einer unsicher hingestellten Kerze ablesen müssen, und dann hätte ich natürlich mein eigenes Verlangen, verlassen zu werden, in dieses Schimmern hineingelesen, dann hätte ich an das Vergehen des Schimmerns, an das Niegewesensein der Fingerabdrücke, an die Unmöglichkeit von Fingerabdrücken an Weingläsern, an die Unmöglichkeit von Gläsern und Wein, vor allem an die Unmöglichkeit von Kerzen, von Licht überhaupt, geglaubt. Wahrscheinlich lag ich nachts deswegen so oft wach neben ihr, weil ich diesen Glauben spürte, weil er in mir grossgewachsen war, eingepflanzt, jahrelang gedüngt, begossen, von Unkraut befreit, von dem Unkraut des Vertrauens in das Bleiben der Dinge, der Bewegungen, der Nähe von Blicken, und weil ich ihn irgendwie loswerden wollte, ich wollte ihn wegspülen, wie die Fingerabdrücke am Weinglas im schaumigen Wasser im Spülstein. Oder vielleicht ist es gar nicht der Glaube an jene Unmöglichkeiten und seine unmöglich zu ertragende Schwere (noch eine Unmöglichkeit), der mich wach hielt, denn an die Existenz von Fingerabdrücken, Gläsern und Licht glaubte ich wohl, sondern die schreckliche Vorstellung, all das existiere sehr wohl, aber es bedeute nichts, jedenfalls nichts für dieses Leben, sondern höchstens für das nächste, an dem ich nicht mehr teilnehmen könnte. Der Wein, das Glas, der Fingerabdruck seien nichts als materiale Entitäten, bloßes Sosein, selbstgenügsam, ohne Affekt gezeugt, ohne Sinn für Gebrauch, ohne körperliche Anstrengung – das war, was mir diese Schlaflosigkeit einbrockte. Also lag ich wach neben ihr, sah ihr Gesicht an, das da im grauschlierigen Gel der Nacht lag, sah, wie sich ihr Mund manchmal zur Schnute formte, um dann sich wieder zu entspannen, sah ihre Augenbrauen, buschig und selbstzufrieden, sah ihre REM-Phasen, sah ihre Wangen, die noch selbstzufriedener im Schlaf glommen, sah dieses perfekte Oval, das mich marterte. Neben dieser anklagenden Selbstzufriedenheit und Schönheit zu liegen, war meine Aufgabe in diesen Nächten, und ich erfüllte sie mit einer Hingabe und Intensität, die mich zum Wächter geradezu prädestinierten. Ich, der tagsüber sparte, wo er nur konnte, der lieber fluchend im Regen nach Hause lief als ein Taxi zu nehmen, der einen Weg nur dann machte, wenn mit ihm wenigstens drei Punkte auf einer Liste der zu erledigenden Gänge des Tages abgearbeitet werden konnten, ich, der verzweifelt nach einem Ausweg suchte, wenn ein größerer Betrag für etwas im Alltag Unabdingliches wie eine Waschmaschine, ein Regal oder eine Winterjacke ausgegeben werden musste, ich verschwendete nachts meinen Schlaf an eine Mischung aus Anbetung, Angst und Abscheu vor meiner eigenen Vergangenheit. Ich baute einen Tempel um dieses Gesicht, oder besser, ich baute ihn nicht, er war für mich immer schon da, ein fait accompli, es galt, ihn rein zu halten, die Wasserkrüge aufzufüllen, im Herbst die herabgefallenen Blätter von den Stufen des Vorplatzes zu fegen, die Kerzen nachts am Brennen zu halten und allerlei Vieh aus seiner Nähe wegzuscheuchen. Es gab Momente, da wollte ich nichts anderes sein als dieser Tempeldiener, und ich verfluchte eine Gesellschaft, von der ich wusste, dass sie mich dafür nicht loben, mir meinen wohlverdienten Lohn ausschlagen und mich der Lächerlichkeit preisgeben würde.

Die anderen? Die anderen schlagen dir den Lohn aus? Niemals! Du selbst unterschlägst ihn dir! Dein Geiz verfolgt dich bis in deine lächerlichen Nocturnes, in die Nächte, in denen du den Mond anheulst wie ein irres Viehpack. Ich seh sie schon vor mir, die Architektur dieses Tempels. Alles penibelst symmetrisch, manisch in seiner Reinheit, polierter Marmor überall, in der Mitte der siebenarmige Leuchter, umgeben von einem goldglänzenden Geflecht, auf dem Altar, in dessen Sims eingemeißelt ein Delphin ins Wasser taucht, und überall auf Tischen die Phiolen, entkorkt, aus denen widerwärtig süß das Miasma langsam und schwer zur mit Rosenholz kassetierten Decke steigt. Aber geh nicht hin und kratz ein wenig an dem Marmor! Tust dus, dann siehst du die ganze Scheiße, den Schweinebetrug, dann stößt du nach wenigen Millimetern auf Sandstein, die Decke genauso schludrig furniert und gnädig ins Dunkel getaucht, aber oben in den Ecken fängt es an zu faulen, der Schimmelgeruch lässt sich vom feisten Gestank aus den kitschig dekorierten Fläschchen kaum mehr überdecken, und einmal draußen aus dem Tempelbezirk kotzt dir das Volk vor Hunger ins Gesicht. Und jetzt rat mal, wer das ist, das Volk, in deiner schimmernden Metapher!

Ich saß im Garten, neben mir ein Buch, und schwankte wieder mal zwischen Lesen und Dösen, das erste mit Widerwillen verbunden, das Zweite mit schlechtem Gewissen. Einer der wenigen Spätsommertage ohne Gewitter oder feuchten Herbstvorgeschmack. Ich fixierte eine der wenigen Wolken und versuchte, aus ihrer Kontur eine Gestalt herauszulesen. Als ich gerade dabei war, die Veranda eines Hauses im Hochgebirge mit drei eingemummelten Asthmakranken zu sehen (irgendeine Reminiszenz an den Zauberberg, obwohl ich ein ganz anderes Buch neben mir liegen hatte, eins mit Interviews mit Francis Bacon), bemerkte ich die ungewöhnliche Stille im Haus. Mein Bruder war mit dem Wagen weggefahren, um sich in der Stadt ein Ersatzteil für seinen Computer zu besorgen, und Ulrike, meine Schwägerin, war in der Küche mit dem Schälen von Äpfeln beschäftigt, und ihre zwei Kinder spielten im Wohnzimmer, der Sohn mit seinem Plastikschwert, seine Schwester mit ihrem Puppenhaus. Normalerweise war dies die Konstellation, die unweigerlich nach spätestens zwei Minuten entweder zu einem Aufheulen eines der beiden Kinder oder zu einem präventiven kreischenden Zurechtweisen der Mutter führte. Stille spürt man erst, wenn sie gerade ausgeht. Meine Schwägerin rief nun ins Wohnzimmer: „Arne, du bist vorsichtig mit dem Schwert, nicht, ich kenn dich, wenn du das Ding in der Hand hast, passt du nicht auf, und dann wars das mit der schönen Ordnung im Puppenhaus. Komm mal lieber in die Küche und hilf mir, oder geh halt ein wenig Fahrradfahren. Wo hast dus denn stehen?” Ulrike hatte im Laufe der Jahre mit den Kindern eine Färbung in ihre Stimme gebracht, die schwer zu bestimmen ist, wenn man sie beschreiben soll. Wie sie das Haus aseptisch reinhielt, alle zwei Stunden Wohn- und Kinderzimmer von neuem aufräumte, den Dingen immer den gleichen Ort zuweisen wollte, und somit das Haus mit ihrer Wut auf und Angst vor der Vergangenheit, mit ihrer Verzweiflung angesichts von allem, was ihr die Vergangenheit ver- und untersagt hat, unsichtbar ausstattete, das Haus damit zum Stahlgehäuse machte, so hatte sie diese Stimme bewaffnet mit dieser Wut und Angst und machte sich die Sprache zum Sperrhaus, zum Gefängnis ihres Daseins.

Die Sprache ein Haus? Sprache ist was Lebendiges. An einem Haus findest du nichts Lebendiges, nur Stein, Holz und Glas. Sprache ist aber wie eine Hülle aus lebendem Gewebe, transparent, irgendein milchig-schimmerndes Gewebe aus Epidermien, ein wenig Fett und pulsierender Flüssigkeit. Eine Art auditiv-visueller Organismus des Sinns, diesem delikatesten aller Stoffe, ein System, sich selbst erhaltend und verändernd. Also nichts, was ein Bauherr hinstellen könnte, um darin zu wohnen. Die Metapher mit dem Haus des Seins ist Oberquatsch, pathetischer Kitsch. Semipermeable Membran wäre da schon besser, es schwingt, es trägt, es klingt, es tritt etwas ein, ohne das etwas heraustritt. Sprache ist ein System ohne Baumeister, wir kriegen sie zum Geburtstag und dann liegt sie da auf dem Gabentisch wie ein Etwas, das irgendwie immer schon selbstverständlich war, also eigentlich gar kein Geschenk, bis dann klar wird, dass es doch ein Geschenk ist, nur nicht etwas Gegebenes, sondern etwas Umgebendes, und du siehst, es war immer aufwartend, bis auf die Zeiten vor der Sprache, als wir auch noch keine Augen hatten, sondern die Augen uns, ohne dass wir es merkten, es gab keine Blicke, kein Zuhören, keine Aufmerksamkeit, kein Wohnen, wegen mir auch kein Haus.

So, du Autist, Spasmobrägen, jetzt streng dich mal an, und hör dir zu, als ob du dich noch nie gehört hättest, und du wirst feststellen, dass du singen kannst. Mit einer einzigartigen Stimme. Wahrscheinlich ist es nur ein fadenscheiniges Sirren, oder ein öliges Lallen, oder ein Katarakt an Stotterei, aber es ist deine Stimme, und niemand sonst kann so singen, wenn du mit allem singst, was du hast. Du waberst ja rum in dieser Hülle und kannst eigentlich gar nicht anders, als sie zum Schwingen zu bringen, also frisch gewagt, platzen kann sie nicht, dass ist in ihrem genetischen Code nicht enthalten, kein solches Ding kann sein eigenes Nichtsein oder seine Selbstvernichtung vollziehen. Bis jetzt hast du nur geschrieben und nicht gesungen. Die Schreibwichser, die um der Veröffentlichung willen, also damit sie ihren eigenen Namen tausendfach vergrößert und immer wiederholt lesen können, sich am PC nichtswürdig einen runterholen, denen willst du nacheifern? Die präzise wie die Kupferstecher einen Sinn an ihrem Namen festmachen wollen, die ihre Hand in ein aberwitziges Gerüst aus Klassifikationen und Beschreibungen einzwängen und dann aber über die Tastatur wabern, als gäbe es keinen besser schnurrenden Apparat irgendwo? Die für Frauen schreiben (oder, wenns Frauen sind, für Männer), um ihnen zu imponieren? Die an den Geist als letzte Instanz glauben? Ich meine also, die an ihren eigenen Geist als letzte Instanz glauben, denn wie kann man wirklich an einen anderen Geist als letzte Instanz glauben und gleichzeitig diese Instanz als etwas grundlegend Anderes begreifen, als etwas, dass den eigenen Geist immer wieder überrascht, verwirrt, entstellt, infragestellt? Ihn aushebelt, ohne ihn ganz zu vernichten? Der Geist, wenn ich das schon höre! Wenn du singst, singt nicht dein Geist oder der eines anderen. Wenn du singst, kommunizierst du, und kommunizieren heißt Austausch von Expression, die dann nach dem Austausch irgendwann Information wird.

Der Name meines Vaters. Die Stimme meiner Mutter. Nein. Die Hand meines Vaters. Sein Schreiben. Wie er den Stift nahm, zwischen Daumen und Mittelfinger hielt und den Zeigefinger abspreizte, so als wolle er ihn entlasten, von der Arbeit des Schreibens befreien, in der Luft pendeln lassen. Als wollte er mit ihm über das Schreiben hinausweisen auf etwas außerhalb jedes Schriftlichen, auf das im Schreiben Entweichende, das dem Schreiben Ausweichende, auf das Zukünftige jedes Zeichens, auf die Fort-Setzung, auf die Er-Setzung, auf sein Anderes, auf meine Mutter. Seine Schrift. Sie hatte etwas von der Würde, die seinem Alltagsleben abging. Als ob in die Schrift gewandert sei, was er anders nicht auszudrücken wagte. Die Stimme meiner Mutter. Hat ihre Sehnsucht nie ausgetragen. Ihr Sprechen. War so etwas wie ein Schutz vor ihren Wünschen, von denen sie wohl gedacht haben muss, sie seien draußen in der Welt verboten, ein Widersinn, abgeschrieben, wenn überhaupt jemand Notiz nehmen würde. Auch die Stimme meiner Mutter, ähnlich sich abspreizend, ähnlich über sich hinausweisend, auf das, was dieser Stimme angetan worden war, ohne dass sie es direkt enthalten konnte. Diese auf das Andere hinweisende Stimme, die sich mit Vorliebe der Ankündigung des Vaters widmete: „Warte nur, bis dein Vater kommt!” Manchmal dachte ich, mein Vater habe im Schreiben und im Abspreizen des Zeigefingers nicht auf etwas Unbestimmtes verwiesen, sondern auf sich selbst als Kommenden, als von meiner Mutter Angekündigten, als denjenigen, der er in der Ankündigung seiner Frau sein wird, als die kommende, versprochene Strafe meiner Mutter, auf seine Frau als Verkünderin. Und genauso dachte ich, dass meine Mutter über den drohenden Verweis auf meinen Vater sich selbst bestrafen wollte, als diejenige, die meinen Vater notwendig habe, um überleben zu können. So verwiesen meine Eltern immer gegenseitig auf den Anderen und durch den Anderen hindurch wieder auf sich selbst.

Sie waren also immer beide anwesend, auch wenn mein Vater arbeitete oder meine Mutter am Wochenende sich mit einer Freundin traf und mein Vater alleine zu Hause war und schrieb. Am Wochenende schrieb mein Vater, in einen dieser Buchhalter-Folianten, die Ordnung versprachen und Ordnung hielten, in der Welt der Zahlen, in der mein Vater zu Hause war. Mein Vater also, der immer Angekündigte, der immer bald kam, der Kommende. Der Mann im Mantel, der dann wirklich irgendwann abends auftauchte, aus dem Treppenhaus, so zwischen sieben und neun, anthrazitfarbener Mantel, Aktentasche, dunkle Hosen, weißes Hemd, Krawatte, Hut. Fast immer mit Hut. Ich schaute also, wenn ich schaute, auf seinen Hut und seine Schultern, wenn er die Treppe heraufkam, und dachte also: „Da kommt die Stimme meiner Mutter, die die Bestrafung schon vollzogen hat. Da kommt der Stellvertreter der Stimme meiner Mutter. Da kommt die Puppe meiner Mutter, meiner Mutter, die Parasitin meines Vaters. Komm, gib mir die Strafe, die mir meine Mutter schon versprochen hat. Komm, sag mir, es sei ja sowieso nie etwas von mir zu erwarten gewesen, und ich höre den verbotenen Wunsch meiner Mutter. Deiner Ehefrau. Die sich dir schon seit langem verweigert. Weil sie nicht das erhalten will, was sie nicht zu wünschen wagt. Deshalb haust du mir jetzt eine runter. Deshalb bin ich der Versager. Auch ich bin Stellvertreter. Stellvertreter für dein Versagen als Ehemann. Stellvertreter für das Versagen meiner Mutter als Frau, als Frau mit irgendeiner Sehnsucht, von der ich nichts weiß, deren Verschlossenheit ich dauernd zu spüren bekomme. Ich bin ihr Resultat, ihre Wirkung, ihr leises Stöhnen, ihre Frage.” Und irgendwann wird aus dem Stellvertreter ganz automatisch ein Täter. Wie hast du mich genannt? Heiratsschwein, Kinderkriegschwein, Lebensschwein? Mehr noch. Stellvertreterschwein. Vatermutterschwein. Schreibschwein.

Nächster Schritt. Selbstbezichtigung. Schon etwas, aber immer noch weit davon entfernt, zu erkennen. Selbstbezichtigunsschwein. Nachäffschwein. Imitationsschwein.

Also weiter. Die Stimme meiner Schwägerin. Machen wirs kurz. Sie zitiert ihren Sohn zu sich, als der zugibt, er wisse nicht, wo sein Fahrrad sei. Schwerwiegende Verfehlung. „Du weißt genau, wie lange dein Vater dafür arbeiten muss. Man vergisst nicht einfach, wo sein Fahrrad steht. Geh nochmal suchen.” Der vierjährige geht suchen. Im Garten, hinterm Haus, beim Nachbarn. Er geht über die Strasse, auf den Spielplatz, ins Wäldchen neben dem Kindergarten, eine Strasse weiter. Kein Fahrrad. Er geht zurück und überbringt zitternd die Nachricht. Fluchend macht sich die Mutter auf die Suche. Nach zehn Minuten kommt sie zurück. Kein Fahrrad. „Florian (Floooriaaan ausgesprochen), komm her. Es ist etwas sehr Schlimmes geschehen, ich muss jetzt mit dir sprechen. So kann es nicht gehen. Dein Fahrrad ist weg. Du hast es vergessen, und jetzt ist es nicht mehr da. So kann es nicht gehen. Morgen vergesse ich dich und dann bist du nicht mehr da. So kann man nicht leben, nicht mit mir. Morgen werde ich das Haus verlassen und dich für immer vergessen.” Der Vierjährige steht da, mit aufgerissenen Augen. Fängt an, mit den Armen zu rudern. Ein leises Gurgeln kommt aus dem Rachen. „Dein Vater muss jetzt wieder ein ganzes Wochenende mehr arbeiten, damit wir das verlorene Fahrrad ausgleichen können. Warte nur, bis dein Vater nach Hause kommt.” Schweigen. Irgend eine Ecke im Zimmer fixieren. Irgendetwas muss sich ja festhalten lassen. Schweigen.

Eineinhalb Stunden später ist das Fahrrad von Florian wieder da. Seine Mutter hatte es im Kindergarten in den Abstellraum gestellt („Damit es nicht wegkommt”) und dann am Nachmittag beim Abholen vergessen.

Ja und? Sowas geschieht, wo willst du anfangen mit der Fehlersuche? Bei deiner Mutter? Bei deren Eltern? Noch eine Generation weiter weg? Den ersten Fehler in der Erziehung, den gibts? Erbsünde? Ödipus? Vermeidbare Unregelmäßigkeiten in der Evolution? Mach dir doch nichts vor! Ich jedenfalls kenne keinen ersten Fehler. Man kann nicht die Letztbegründung des Denkens ablehnen und gleichzeitig nach dem ersten Fehler in der Erziehung des Menschen suchen. Hic Rhodos, hic salta!

Nicht Opfer, nicht Täter. Vielmehr Opfer der Opfer und Opfer der Täter. Mutter in Prag geboren, am Tag, an dem der Brief an den Vater geschrieben wurde. 1929 Umzug der Familie nach Budapest, dann weiter nach Wien. Dort erwischen sie die Grosseltern, die in Auschwitz sterben. Das ist mein Erbe. Man ist nichts als ein Bastard, gehört zu niemandem. Die Mutter wird auf dem Land versteckt. Sag bloß nicht deinen Namen, wenn dich jemand fragt, sag, du hättest ihn vergessen. Sag, du willst arbeiten auf dem Hof, sag, deine Mutter sei krank, dein Vater in Shanghai. Sag irgendwas, erfind dir eine Familie, denn deine richtige ist unaussprechlich. Eine Mutter ohne Namen, ein Vater ohne Sehnsucht. Einmal erfindet sie einen Namen, als sie gar nicht mehr ausweichen kann, als Besuch auf den Hof kommt, mit der Anstecknadel am Revers und gewichsten Stiefeln, Besuch aus der Stadt, einer von denen, denen der misstrauische Blick angeboren ist. „Was, die Kleine weiß nicht, wie sie heißt? Und die Papiere? Sie muss doch irgendwelche Papiere haben. Hat die Mutter sie einfach so abgegeben hier? Was? Liegt im Krankenhaus? Wo denn? Das muss sich doch feststellen lassen, woher habt ihr den dieses Kuckucksei, das ist euch doch nicht so einfach ins Nest gelegt worden? Komm mal her, Kleines, wie heißt du denn mit Vornamen?” – „Ernelinde” – „Und einen Nachnamen hast du nicht, das gibts doch gar nicht! Wenn du keinen Nachnamen hast, nehm ich dich mit in die Stadt, und wir suchen deine Mutter, das lässt sich doch feststellen, wo die liegt, und dann haben wir deinen Nachnamen.” – „Doch, ich hab einen, natürlich hab ich einen, ich hab einen Namen, jetzt fällt er mir wieder ein, Kieshügel, ja, so heiß ich, Kieshügel, weil meine Grosseltern auf so einem gewohnt haben.”

Jetzt komm mir nicht mit diesem Judentext. Ich kenn doch deine Mutter, und dich kenn ich auch. Der Judentext wird immer dann herausgekramt, wenn man die Verantwortung nicht mehr bei sich selbst suchen will. Die Schuld liegt nicht bei dir, die Verantwortung schon. Schreib deinen Judentext weiter, aber in der Zwischenzeit solltest du auch mal singen. Soll ich dir auf die Sprünge helfen? Dir vorerzählen, was du des nächtens machst? Wenn du vor dem Fenster stehst? Mit heruntergelassenen Hosen. Wenn du dastehst wie ein Kleinkind und an deinem Geschlechtsteil herumspielst. Wenn du auf die Fassaden starrst, um die Bewegungen zu entziffern, die sich dahinter zeigen. Wenn deine Augen heranfahren und in die Wohnungen der anderen kriechen. Wenn sie über schimmernde Schleimhäute fahren, das Ruckartige der Bewegungen mitverfolgen. Da hilft dir kein de Sade, kein Bataille und kein Genet mehr. Denn die haben es aufgeschrieben, also mit dem Text gespielt (was wiederum auch kein so besonders großes Verdienst war), du aber holst dir einfach nur einen runter dabei. Verstehst du? Weißt du, was du nicht kannst? Was du dich nicht traust? Vom Schreiben zum Singen überzugehen. Der erste Schritt dazu ist die Erkenntnis, dass du keine Schuld hast, dass du den Text nicht als Entschuldigung, als Buße, als Wiedergutmachung, als Sühne, als Absolvenz leisten musst. Und der zweite Schritt ist dann die Möglichkeit des Textes als Verantwortung, als Wahl. Da erst fängst du an zu singen. (Von dem letzten Schritt ganz zu schweigen, von dem weg von den Schlachttischen, und hin zu den Nichtmehrschreibtischen, zu den Zwischenräumen des Schweigens. Von denen bist du eh noch meilenweit entfernt.)

Es muss Nachmittage des Aufgehobenseins gegeben haben. Ich erinnere mich an das Gefühl. Es ist ein Gefühl des Fehlens von Strafe. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Des Fehlens von Strafe oder Strafandrohung (was natürlich viel intensiver ist) bei Vergessen der Zeit und der Pflicht. Später ist es mir oft passiert, dass ich zusammengezuckt bin, wenn ich mal eine Viertelstunde die Zeit nicht gespürt habe und sie einfach vergangen war. Zusammengezuckt bin ich, weil ich verlorengegangen war, einfach dadurch, dass die Zeit nicht spürbar war. In der sich einschreibenden Zeit, also die, die man per Leuchten der Zeiger und per Ticken und per abzählbarer verbleibender Tages-, Wochen-, Monatszeit eingebrannt, eingestochen und eincodiert bekam in den Körper, in der lebte ich ja jeden Tag. Wieviele verdammte Jahre habe ich in dieser Zeit zugebracht, die meine Zeit war. Verfluchte abstrakte Zeit, die neutrale, die es für mich nie gab. Ich hatte nur meine, vollgestopft mit ungelösten Aufgaben und liegengebliebener Arbeit, die immer gerade und schon verschwendete Zeit, die mir im nächsten Augenblick unweigerlich fehlende Zeit.

Manchmal kam ich aus dem Hof der Grosseltern, bog links in den Scheuerweg ein, ging ihn hoch, über die Marktstrasse und war nach fünf Minuten oben auf dem Sportplatz, auf diesem struppigen, falbgrauen Acker mit ein wenig Rasen in den Ecken, über dem es von der Nachmittagshitze flimmerte. Und da waren die Anderen, fasst will ich sagen die Freunde, die schon spielten, und ich durfte gleich mitspielen. Ich durfte sofort und ohne Bedingungen mitspielen. Manchmal war ich ganz fassungslos, dass mich niemand nach einer Mitspielberechtigung fragte, nach einem Nachweis langjähriger und intensiver Erfahrungen im Fussballspielen mit anderen, nach einem kurzen Lebenslauf und wenigstens zwei Referenzen, nach meinen eigentlichen Absichten, die zweifellos hinter der an sich beiläufigen Tätigkeit des Fussballspielens stecken mussten. Ich wusste also nicht so recht wie, aber ich durfte mitspielen. Also zog ich mit dem Ball los, ich schrie, ich schwitzte, ich fiel, stand auf, holte mir den Ball, schrie wieder, lachte, fluchte, wenn ich gefoult wurde, gab Anweisungen, spuckte aus, und gegen Abend wurde ich müde vom Rennen, hatte Durst, stand da am Rande des Spielfelds, ließ die anderen den nächsten Angriff starten, und für ein paar Augenblicke sah ich hinter der Umkleidebaracke die Sonne untergehen, untergehen in ein Gemisch aus Gegend und Genügen. Schon das Spielen da auf dem Acker war ja eine Art ungeheuerlichen Gemischs aus Eingelassensein in diese Gegend, in dieses Stückchen drohfreie Umwelt, und dem Gefühl, ich sei allein nur durch meinen Wunsch, hier mitzuspielen, akzeptiert, dem Gefühl, es reiche aus, freundlich und nickend einzusteigen in das Regelwerk und seine Freiheiten. Und jetzt sah ich einen Streifen Gegend da hinten, der bereit war, sich safrangelb färben zu lassen und der bereit war, zu strahlen. Ich sah es nur aus dem Augenwinkel, und dieses Beiläufige, gerade so Erhaschte war es vielleicht, was mir sagte, es sei nicht inszeniert als Vorspiel zur Höllenfahrt, sondern könne eine Lebensmöglichkeit darstellen.

Ich nahm das mit in den nächsten Spielzug, bevor es dann nach Hause ging, und dort konnte ich gleich nochmal leise hoffen, dass man mich einfach am Abendbrottisch sitzen lassen würde, ohne Frage, ohne Rechtfertigung, ohne Abpassen, und dass es vielleicht Tomaten mit Zwiebeln, Butterbrot und Malzbier gab, und auch das alles ohne Subtexte, ohne Rattenschwanz an Konzessionen, sondern einfach nur als Lebensmittel für einen selbstgemachten Hunger. Zwanzig- oder dreißigmal muss mir das geschehen sein in diesen Sommern, ich habe noch eine Ahnung von diesem Gefühl in mir.

Sing weiter.

Später. Jetzt fällt mir gerade ein, dass ich oft, wenn ich schon zur letzten aller Möglichkeiten gegriffen hatte, dem Schreiben, ohne Gesicht geschrieben habe. Oder besser, ohne Hand. Ich sah meine Hand nie, und nie die Geste des Schreibens. Was ich sah, war meine Schrift, also nur das Resultat, nur das Ergebnis, und das unterwarf ich sofort der Kontrolle meines ästhetischen Kanons. Meine Schrift habe ich immer gehasst, dieses kleine, hingekackte Schnürchen, dass mir unter der Hand, oder vielmehr unter meinem Blick, immer noch kleiner wurde.

Und dann noch der Name. Ich hatte eigentlich nie einen eigenen. Spiegelberg. Meine Mutter gab ihn mir, aber widerwillig, nicht, weil sie ihn nicht hergeben wollte, sondern weil sie ihn selber hasste, ohne zu wissen, wo sie einen anderen, besseren, besser zu ihr passenden, hernehmen sollte. Und als dann mein Vater kam und ihr einen anderen anbot, nahm sie den Mann und den Namen lehnte sie ab. Was den Namen angeht war sie wie das irische Mädchen, das zu Hause von seinem trunksüchtigen Vater und Bruder geschlagen und gedemütigt wird, und als dann der Matrose kommt und sie mitnehmen will nach Amerika und ihr sagt, dass er sie liebe, und wie sie diese Liebe ankommen sieht und daraufhin die Koffer packt, zum Hafen geht, kann sie unmöglich das Schiff betreten, sodass der Geliebte allein zurückkehren muss.

Ich habe keinen Namen. Das, was ich von ihm hatte, das Wenige, von dem ich dachte, es gehöre vielleicht doch mir, habe ich bei der Eheschließung an meine damalige Frau abgegeben. Als wir uns scheiden ließen vor acht Jahren, behielt sie ihn und hat ihn bis heute nicht abgegeben.

Jetzt geht die Lamentiererei wieder los. Was interessiert ein Name, ein Name hilft dir nicht, dich auszudrücken, ein Name kotzt dich an, je näher du an ihn herantrittst. Der ist doch wie eine billige Automarke, die irgendwann auf dem Schrottplatz der Geschichte verschwindet. An deinen Namen erinnert sich niemand, wenn du mal wie eine quiekende Sau im Schlachthaus draufgehst, aber vielleicht an die Art und Weise, wie du ihn verdammtnochmal ausgesprochen hast. Dazu brauchst du zwar einen lächerlichen Namen, aber der ist nur Vehikel für deine Stimme. Ist die Stimme einmal da, spricht sie alles auf ihre Weise aus, und das durch und zwischen die Worte Gesprochene ist dein eigentlicher Name. Kappes, du Hirn?

Ich stand im Wohnungsflur, es war Sonntagnachmittag, und draußen warteten zwei Freunde auf mich. Meine Grossmutter stand im Schlafzimmer und suchte in ihrem Nachttischschränkchen nach ihrem Portemonnaie. Sie hatte eines dieser Portemonnaies, denen man von außen nicht zutraute, dass überhaupt etwas in ihnen enthalten sei. Es hatte keine Spuren des Gebrauchs an sich, eben weil es die viele Zeit seines Nichtbenutztwerdens in der Schublade des Nachtschränkchens meiner Grossmutter verbrachte. Wie sie das Ding herauszog und darin suchte, hatte ich öfters gesehen, und immer fühlte ich, was sie mit dem Verstecken, Herausholen, Öffnen und Suchen meinte. Für sie war Geld eine Sache des Verwahrens, nicht ein Tauschmittel. An ihm schien das Versprechen auf ein ewiges Gedächtnis des Schuftens und der Möglichkeit der wirklichen, gerechten Entgeltung dafür zu hängen. Ein Geldstück in ihrer Hand hatte in etwa die Aura wie der Telefonhörer in der Hand meines Grossvaters – durch die Hand wurde die Geschichte des Dings durch seine Fremdheit im Umgang mit ihm sichtbar und gewann so an Gewicht. Als meine Grossmutter schließlich herausgeschlurft kam, den Blick auf die Fliesen des Flurbodens gerichtet, sah ich schon an ihrer geschlossenen Hand, dass ich heute ins Kino werde gehen können, mit den draußen wartenden Freunden.

Wir gingen also los, ich mit einem Geldstück, das für den Eintritt und eine Süßigkeit reichte, und das mir überdies schon vor dem Film das Bild des in Arbeit und ihrer Erinnerung versunkenen Gesichts meiner Grossmutter bescherte. Der Streifen war einer jener japanischen Trash-Katastrophen-Produktionen, in denen schlecht animierte Urweltmonstren in Städte einbrachen und fürchterliche Verwüstungen anrichteten, um schließlich durch modernste Waffentechnik unschädlich gemacht zu werden. Von diesen Vorstellungen (ich sah wohl drei vier Filme aus diesem Genre) nahm ich das Bild eines zornigen Sauriers mit nach Hause, der mich dann nachts besuchte, indem er blanken Auges und glühenden Atems durch das Fenster meines im zweiten Stock liegenden Schlafzimmers starrte, um sich seiner Beute zu versichern. Von diesen Filmen lernte ich als Vierzehnjähriger, dass Zivilisationen immer von ihrer vergessenen Urgeschichte heimgesucht werden würden, entweder weil sie in Städten ohne historische Umwelt naiv und nichtsahnend vor sich hin leben, oder weil es großen Spaß macht, in kleinen Gummitieren Motoren mit Fernbedienung zu verstecken und an Kameraobjektiven vorbeilaufen zu lassen. Zusammengenommen vielleicht fünf Stunden Kino dieser Art haben mich vielleicht achttausend Stunden Schlaf gekostet. Wenn ich heute in Katastrophenfilme, nur besser gemachte, gehe und vor der Vorstellung in der Kinotoilette in den Spiegel schaue, dann ertappe ich mein Gesicht dabei, dieselbe Miene und Ausstrahlung wie das Gesicht meiner Grossmutter beim Geldsuchen in ihrem Portemonnaie zu produzieren.

Zwei Schritte vor, eineinhalb zurück.

Die große Literatur. Ein Teil von ihr sein. Aufgehoben sein in ihr. Nicht schreiben, sondern geschrieben werden, nicht lesen, sondern aufgelesen werden. Die Liebe zur Schrift, dem Weiblichsten, was wir haben.

Zum Piepen! Spiegelberg und die Literatur! Treppenwitz der Weltgeschichte! Du und deine Bücher! Du hast sie doch immer gehasst! Ich kann mich noch genau erinnern an dein verkniffenes, angewidertes Gesicht, wenn wir über Literatur gesprochen haben! Balzac, Flaubert, Joyce, Musil. Du hast sie gehasst wie die Pest, nicht für das, was sie geschrieben haben, sondern dafür, dass sie geschrieben haben. Denn gelesen hast du niemals etwas von ihnen. Dass es Bücher von ihnen gab, die andere, viele andere, gelesen hatten, gerade lasen, oder bald lesen werden, hat dich rasend gemacht. Du hast sie gehasst, weil du sie noch nicht gelesen hattest. Weil du nicht alles lesen konntest. Weil dir immer notwendig etwas entgehen musste. Du hast diese Schreiber gehasst, weil sie mehr und anderes schrieben, als du lesen konntest. Du hast ihre Leser gehasst, weil sie lasen, was du noch nicht gelesen hattest. Irgendjemand war immer schneller als du, mit dem Schreiben oder mit dem Lesen.

Der Traum von der perfekten Literatur. Der Literatur ohne blinden Fleck. Ohne Widersprüche, oder mit Widersprüchen, aber am Ende immer aufgelösten. Oder mit Widersprüchen, aber bewusst produzierten und so kontrollierten. An seinem Schreibtisch sitzen und die eingehenden Bücher lesen, alle eingehenden Bücher lesen, ihre Selbstkorrekturen erkennen, sie kombinieren, keine wirklichen Fehler zulassen. Vor wirklichen Fehlern in Büchern hab ich mich immer gefürchtet. Weil ich dachte, dass man für sie bestraft wird. Wenn man zum Beispiel eine Person falsch beschreibt. Aber was heißt falsch? Ich wusste immer, wann eine Beschreibung falsch war. Damit meine ich nicht, dass Person A eines Romans auf Seite 34 blaue Augen hat und auf Seite 57 plötzlich braune. Ich meine auch nicht eine platte Charakterisierung, ohne Tiefe, ohne Ausdruck, ohne das Absetzen des Überraschenden von der Allgemeinheit, die jeder Figur eines Romans anhaften muss, damit sie im Text funktioniert. Falsch war eine Figur einfach genau dann, wenn ich mich für die Beschreibung geschämt habe. Scham war die Kontrollinstanz. Sobald ich Scham spürte, habe ich das Buch weggelegt. Unüberwindliche Scham. Vor dem beim Beschreiben Verlorengegangenen, vor dem plötzlich von Außerhalb der Schrift Hineinbrechenden, vor dem Scheitern, dem wirklichen Scheitern, nicht dem, dass dann von den Lesern als grossartiges gefeiert wurde. Vor den liegengeblieben Seiten, vor den abgelehnten Manuskripten, vor dem gehässigen Lachen des Lesers, vor seiner gelangweilten Geste. Der Leser meiner Texte war derjenige, der immer nach den ersten paar Zeilen aufstand, weil ihm eingefallen war, dass er noch die Waschmaschine anstellen musste, oder derjenige, der vom Klingeln eines Telefons beim Lesen unterbrochen worden war und nach dem Telefonat nicht zum Buch zurückkehrte, weil er es vergessen hatte. Meine Welt war voll von diesen Lesern. Ja, vor wirklichen Fehlern in Büchern hab ich mich immer gefürchtet. Weil ein wirklicher Fehler den Tod bedeuten konnte. Ein Beschreib-, ein Schreib-, ein Aussprachefehler. Wie im richtigen Leben.

Ja, ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie du über Autoren hergezogen bist, die von anderen geliebt wurden, und von denen sich nachher herausstellte, dass du sich gar nicht gelesen hattest. Dieses gehässige Lachen, dieses Vernachlässigen, diese schludrige oder gelangweilte Lektüre, die du bei deinen Lesern gefürchtet hast, du selber hast es an dir gehabt wie dein verschrumpeltes, impotentes und nach Rattenpisse stinkendes Schwänzchen. Wenn du mal ein Buch wirklich ganz gelesen hattest und davon erzähltest, war es immer eine Beschreibung der Handlungen, die nichts Sympathisches hatte, nicht mal etwas Nüchternes, sondern etwas Geiziges, Neidendes, Abschlägiges. Nicht mal den Figuren in deinen gelesenen und geschriebenen Büchern hast du ein grosszügiges, oder wenigstens in ihrer den Autor widerspiegelnden Verbissenheit ausladendes Leben gegönnt. Es waren dünne, verlorene, nach Adjektiven suchende und nicht findende Beschreibungen, arm an Variationen, reich nur an Wiederholungen des immer Gleichen.

Nitra geht nach unserem Sex immer ins Bad. Nichts Ungewöhnliches daran. Sie wird wohl loswerden wollen, was ich ihr reingedrückt habe. Besonders nach einem der unzähligen Fellatio, die sie immer wieder von mir einfordert (indem sie sagt: „Komm, ich mach dirs mit dem Mund, das ist direkter, da landet der Samen im Kopf, wo er eigentlich hingehört.”) Letztens allerdings habe ich entdeckt, was sie im Bad wirklich macht. Irgendwie hatte ich mich überreden können, einen Abend in ihrem Bett liegen zu bleiben und also dort zu übernachten, was ich sonst tunlichst vermied, weil ich in meinem Bett alleine schnarchen, furzen und rülpsen kann, ohne auf irgendjemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Nachts wachte ich auf und hatte, was ich seit Jahren nicht mehr gehabt hatte, einen Mordshunger. Ich schlurfte in die Küche und begann zu suchen. Zufälligerweise waren Brot-, Fruchtkorb und Kühlschrank so gut wie leer. In letzterem befand sich eine halbe Zucchini und eine ziemlich verhunzte Packung Butter, die ich mir nicht antun wollte. Also öffnete ich aus Frust die Tiefkühltruhe, weil mir einfiel, dass Nitra letzte Woche eine Mikrowelle gekauft hatte. Brot war da, dazu dann eben doch die Butter. Bei der Suche nach Aufschnitt oder Käse fiel mir eine Tupperdose entgegen. Die öffnete ich und fand eine milchweiße Masse, die ich zuerst als Bechamelsosse identifizierte. Da sich sonst nichts Gescheites bot, bohrte ich was aus der Dose heraus und stellte es in die Mikrowelle zum Auftauen. Als ich das Zeug herausnahm und betrachtete, war der Inhalt flüssiger als ich angenommen hatte und roch überhaupt nicht nach fetter Sosse. Nitra hatte Sperma eingefroren. Als ich die umfangreiche Truhe daraufhin genauer inspizierte, fand ich sechs weitere Plastikdosen mit vielleicht insgesamt fünf Litern Inhalt. Sie muss nicht nur alles Sperma seit Beginn unserer Beziehung eingefroren, sondern auch Bestände aus vorhergehenden gesammelt haben. Auf den Dosenboden fand ich dann auch diverse Namen und Daten, teilweise fünf, sechs Jahre alt.

Nette kleine Episode. Soll mans Fetischismus oder Geiz nennen? Trotzdem, und jetzt vielleicht mal etwas sanfter: was schreibst du da nur für einen Hunztext fort? Denn viel von dir hab ich bis jetzt nicht gefunden in all dem Geschriebenen. Ist es denn so schwer, über die Hürde des bloß Angedichteten hinauszukommen?

Warum die vielen Umzüge, das immer wieder neu Eingewöhnen in fremdem Städten?

Warum das Zuhause bleiben, das sich im Gewohnten bewegen?

Letzte Woche mit Mutter telefoniert. Verhältnis der Sprechanteile weiterhin ungleich, sie liegt etwa bei 75-80%, ich bei 20-25%, und 0% Schweigen. Früher waren es 96% Mutter und 5% ich, also 101%, weil meine Mutter die vielleicht einzige Person ist, die dem Schweigen, dem unabdinglichen, als Jenseits jeglichen Sprechens absolut notwendigen Schweigen, das der Gott der Kommunikation uns insgesamt gegeben hat, für sich persönlich ein Prozent abzwacken und in Rede umwandeln kann. Sie erzählte vom Hanschpark und dem angrenzenden Gehege, wo sie ihre Runden gedreht habe, wie immer, wie immer wie ein ausdauerndes Tier. Und von meiner Schwester, die mal wieder alles nicht schafft, mal wieder kurz vor dem Zusammenbruch steht, und sie, die unabkömmliche Mutter, mal wieder aushelfen muss. Und von ihrem Kamelhaarmantel, den sie zur Reinigung hat bringen lassen, weil sich irgendein Ungeziefer drin eingenistet hat etc. etc. Und dann noch, dass mein Vater es sich jetzt, auf seine alten Tage, angelegen sein lasse, ab und zu und ganz unmotiviert zu lachen, einfach so, ohne Anlass, wie ein Kind, sagte meine Mutter, dein Vater lacht jetzt manchmal einfach so, wie ein kleiner Junge, es sei erschreckend, es sei der Anfang der Altersdemenz, es sei lächerlich, du wirst es nicht glauben, er geht durchs Wohnzimmer, schaut sich die Bücherwand an, den Perserteppich, die Gardinen, fährt mit der Hand über die Polsterbezüge, schüttelt den Kopf und fängt an zu lachen, lauthals, so viel Atem verbraucht der sonst nicht fürs Reden in einer Woche wie er bei diesem ein-, zweiminütigen Lachen umsetzt.

Mein Vater lacht … Mein Vater, der Mann im Mantel, der DieganzeWocheundauchnochSonntagvormittagwegseier, der ewige Buchhalter, der gehetzte Schnellesser, der manische Sockenkäufer, mein Vater lacht einfach so … Ich würde ihn gerne einmal einfach so lachen sehen …

(C) Europa Revue 2006

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