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Herbert Neidhöfer
Die Clemens Limbularius Trilogie

Die „Clemens Limbularius Trilogie“ besteht aus den in sich abgeschlossenen Romanen „HannaH & Sesylus oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen“, „… du rissest dich denn ein.“ und „Jadie oder Die innere Umarmung“, jeder dieser Romane wiederum besteht aus drei Teilen mit jeweils acht Kapiteln. Obwohl die Romane in sich abgeschlossen sind, gibt es Bezüge zwischen ihnen und so etwas, was man vielleicht als eine Art von Linearität bezeichnen könnte, denn bei all den temporalen Möglichkeiten, über die man mittlerweile verfügt, lebt man nach wie vor von der Geburt zum Tode. Wollte man die Stufen dieser Linearität bezüglich der strukturellen Kopplung Clemens’ mit der Welt benennen, so wären dies ›Trotz‹ im ersten Roman, ›Einrichtung‹ im zweiten und ›der Versuch von Gewinnung von Welt‹ im dritten Teil. Aber es bleibt jedem selber überlassen, Bezüge herzustellen oder nicht, wenn die Trilogie in Gänze zugänglich sein wird. „HannaH & Sesylus“ erscheint voraussichtlich im Herbst 2006 im sine causa Verlag, „… du rissest dich denn ein.“ wird voraussichtlich 2008 fertiggestellt sein, und dann wird schließlich der „Jadie“-Roman angegangen. Man wird sehen. Das folgende Kapitel ist das erste Kapitel des ersten Teils des dritten Romans, also das neunundvierzigste von insgesamt zweiundsiebzig Kapiteln (bevor zu der numerischen Zählung übergegangen wurde, hatte es den Titel „Am Anfang am Ende“).


Der dritte Teil:
Jadie oder Die innere Umarmung

I

Clemens saß wieder einmal in einem Zug, diesmal nicht so lange, es ging diesmal nicht zu irgendwelchen Ursprüngen oder Hauptstadtkongressen, er saß in einem regionalen Zug in Richtung Ostsee. Er hatte für das, was er sich vorgenommen hatte, alles dabei. Alles, das waren zwei Dinge, wobei das zweite zu besorgen keine Schwierigkeiten gemacht hatte, der Beschaffung des ersten allerdings einiges an Überredungskunst vorausgegangen war.

Um es, das erste Ding, zu besorgen, hatte Clemens ein paar Wochen zuvor bei seinem ältesten Freund im Norden vorgesprochen. Der war erstaunt ob des unerwarteten Besuches und bat ihn herein als jemanden, der auch nach Jahren des Schweigens, das ihnen aus ihren Notwendigkeiten heraus passiert war, willkommen war. Man hatte sich eben. Jetzt setzte man sich in die Küche, weil das Sitzzimmer nicht aufgeräumt war, man hatte ja nicht mit ihm gerechnet, aber das machte nichts, Clemens bekam seinen obligatorischen Roten und man redete über dieses und jenes. Clemens, der das Gespräch lenken wollte, hatte seine Mühe. Der Freund war inzwischen Vater geworden, das, so hatte Clemens sich gedacht, wäre sein Hauptargument bei dem Anzustehenden. Clemens lenkte nach dem Lob der kommenden und die Aufgabe der aktuellen Geschlechter das Gespräch auf eine philosophische Ebene und von da auf die Freundschaft und was sie in extremen Situationen bedeuten könne. Seinen Freund, derartig von der philosophischen Ebene eingelullt, konnte Clemens dann im Verlauf des Gesprächs dem Anliegen näher bringen. Er schob den Harfner aus dem Wilhelm Meister noch dazwischen, dann fragte er abrupt, ob er, sein Freund, das Ding noch habe. Auf die erstaunt bejahende Antwort fragte er, Clemens, dann in der gleichen Abruptheit, ob er es haben könne, denn er, sein Freund, bräuchte es ja jetzt nicht mehr, da er ja Vater sei und ihm infolge dessen diese Versicherung nicht mehr offen stehe.

Wozu, fragte der Freund erstaunt und leicht entsetzt, er, Clemens, es denn haben wolle. Bloß für alle Fälle, meinte Clemens und lachte, genau dafür, wofür er, sein Freund, es sich damals selbst auch angeeignet habe (den Kontext der Aneignung hatte er vergessen), zur finalen Versicherung. Das, die Prophylaxe, glaube er ihm nicht, so der Freund, dafür kenne er ihn zu gut. Na gut, meinte Clemens, es sei schon ernst, es reiche ihm, er wolle einen sauberen Abschluß machen. Natürlich würde er ihm unter diesen Umständen das Ding nicht geben, meinte der Freund darauf, er, Clemens, habe doch absolut keinen Grund. Doch, den habe er, meinte Clemens, das müsse er, der Freund, ihm schon glauben, wenn er auch jetzt nicht auf Details eingehen wolle, die er sich sicher auch denken könne, er kenne ihn ja lang genug, aber er, Clemens, habe genug.

Jetzt wurde es schwierig und jetzt mußte Clemens die Freundschaft massiv in Kombination mit der Liebe, beziehungsweise der ihnen beiden gemeinsamen Vorstellung davon, einsetzten, und er mußte mit der Philosophie kommen, dem vielzitierten existentialistischen Diktum, es gäbe nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem, alles andere, ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien habe, das komme erst später. Und er mußte ihm, dem Freund, deutlich machen, daß es wirklich genug war und kein Affekt, wie es damals nach Clemens’ Einschätzung einer gewesen war, bei seiner obskuren Bekanntschaft, er habe ihm doch von dem erzählt, mit der Brücke das, er erinnere sich doch. Ja, er erinnere sich, meinte der Freund reserviert und schwieg eine Weile, erwartungsvoll von Clemens beäugt. Es gelang unserem Protagonisten schließlich nach langem Gerede und dem gelungenen Vorspielen einer gelassenen Fröhlichkeit angesichts des beabsichtigten, das Ding in seinen Besitz zu bringen, er, der Freund, war, so zeigte sich jetzt, wirklich ein Freund, der sich schließlich nach einem gebührlichen Widerstreben, das Clemens im umgekehrten Falle auch an den Tag gelegt hätte, der treffenden Argumentation Clemens’ über seinen Zustand und der vorgespielten Laune geschlagen gab.

Und so saß denn nun Clemens in dem Zug Richtung Ostsee, bestückt mit einer Packung leicht zu besorgender Rasierklingen und der dem Freund mühsam abgerungenen Zyankalikapsel.
Clemens hatte seiner Frau gesagt, er fahre in die Hauptstadt, was nichts besonderes war, um dann aber in Wirklichkeit an die Ostsee zu fahren, um dort seinem unglücklichen und verkorksten Leben freiwillig und im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte ein Ende zu setzten.

Clemens stieg an dem Ostseebadeort natürlich nicht im ersten Haus ab, um seiner Witwe unnötige Kosten zu ersparen, er stieg in einer relativ billigen Pension ab, in der er mit seiner Frau, die demnächst seine Witwe sein sollte, schon einmal gewesen war. Er legte sich dort nach den unkomplizierten Formalien des Ankommens in dem Zimmer nach dem Abstellen seiner Tasche auf das Bett, öffnete seine Hose, onanierte dergestalt und schlief anschließend ein, mit dem festen Vorsatz, gleich zum Strand zu gehen, an die einsame Stelle unter den Kalkfelsen, sich dort die Pulsadern schön senkrecht mit der Rasierklinge aufzuschneiden, dann die Zyankalikapsel seines Freundes einzunehmen, um sich schließlich derartig präparieret herausschwimmend dem Meer zu übergeben, das zugegebenermaßen der Jahreszeit entsprechend wenig einladend war. Clemens schlief, wie gesagt, nach dem von ihm selbst ausgelösten Orgasmus mit diesem Vorsatz tief und zufrieden ein.
Als er wieder erwachte war es draußen bereits dunkel. Clemens fröstelte es, besonders dort, wo das Sperma auf seiner Haut in der Luft langsam trocknete. Er stand auf, überlegte und kam zu dem Schluß: nein so nicht.

Um sich in einen dem Freitod gemäße Situation zu bringen, beschloß Clemens, die lokalen Wellnessanlagen in Anspruch zu nehmen. Er entkleidete sich, entnahm dem Kleiderschrank einen dafür bereitgelegten Bademantel und ein Handtuch und begab sich in den Keller der Pension, wo sich nach den überall angebrachten Hinweisschildern Schwimmbad und Sauna befinden sollten. Kein Mensch war dort, Dudelmusik kam aus irgendwelchen unsichtbaren Lautsprechern. Clemens zog den Bademantel aus und sprang nackt (eine Badehose hatte er nicht in seinem Gepäck) in das Becken. Eine geraume Weile zog er seinen Bahnen (naja, das Becken hatte vielleicht fünfzehn Meter), ohne an irgend etwas Bestimmtes zu denken, die Bewegung tat ihm gut, er liebte das Schwimmen, sein Körper in dem anderen Zustand, den der Auftrieb mit sich brachte, oder was es sonst für ein physikalisches Phänomen sein mochte. Dann trocknete er sich flüchtig ab und ging in die gleichfalls leere Sauna. Dort goß er Wasser auf die heißen Steine, breitete sein Handtuch aus und legte sich auf eine Bank. Auch die Hitze tat ihm gut, er merkte angenehm, wie Schweiß ihm gemächlich ausbrach und in Rinnsalen an den Falten seines Körpers herunterlief. Clemens schloß die Augen, unter den Lidern pulsierte es rot, er döste ein mit wirren Bildern und merkte angenehm träge, wie eine Erregung sich halbwegs seines Schwanzes bemächtigte.

Als er die Augen wieder aufmachte, saß eine Frau in der anderen Ecke der Sauna. Clemens brauchte eine Weile, das zu realisieren, und zu realisieren, daß er mit inzwischen vollkommen erigiertem Schwanz dalag. Er legte seinen Bademantel darüber und murmelte eine Entschuldigung. Sie war etwa Mitte Dreißig und gefiel Clemens, es war genau der Typ Frauen, den er schon immer gemocht hatte. Er erinnerte sich, warum er hier war, also nicht hier in der Sauna, sondern hier an der Ostsee, und er wunderte sich, daß das Schicksal ihm in dieser Situation eine derartige Frau in die Sauna geschickt hatte, gerade als er mit erigiertem Schwanz sich der Entspannung vor dem Ende hingegeben hatte. Er sagte zu der Frau, daß er gedacht habe, daß um diese Uhrzeit keiner mehr komme. Das habe sie auch gedacht, meinte die Frau, und entledigte sich des Badetuchs. Clemens sah mit Wohlgefallen ihren Körper und dachte sich, daß eine halbe Stunde vor dem fachgerecht senkrechten Aufschlitzen der Pulsadern und dem Einnehmen einer Zyankalikapsel mit anschließendem sich selbst übergeben an die doch noch ziemlich kalte Ostesee eine blöde Schüchternheit an den Tag zu legen lächerlich wäre und legte sein Handtuch beiseite.

Er fragte die Frau, ob sie Zeit habe oder ob jemand auf sie warte. Ja, meinte die Frau, es warte jemand, aber das sei egal, warum er denn frage. Clemens meinte, er frage, weil er sie fragen wolle, ob sie mit ihm auf sein Zimmer kommen wolle. Ja, meinte die Frau, warum nicht, und Clemens dachte, daß es schon komisch sei, daß die Dinge anscheinend erst im Angesicht des Todes so einfach werden.

Sie verließen die Sauna, duschten sich ab, was wegen Clemens nicht hätte zu sein brauchen, dem Kreislauf aber sicher guttat, und gingen in ihren weißen Pensionsbademänteln in Clemens’ Zimmer. Clemens entnahm dort seiner Reisetasche eine Flasche Malt, die ihm später, wenn er zur Tat schritt, die Kälte der See erträglich machen sollte, nahm die zwei Zahnputzgläser aus dem Badezimmer und goß ihnen beiden ein. Clemens, sagte er, ihr in die Augen schauend, Christina sie, C und C. Clemens lachte, sie stießen an und tranken sich zu. Clemens machte den Gürtel ihres Bademantels auf, strich mit der Hand über ihren Körper, sie küßten sich und es kam wie es kommen mußte, es war schön, der Malt, etliche Jahre in seinem Faß gereift, verhinderte, daß Clemens sich noch mehr wunderte.

Als Clemens die Augen aufschlug war es bereits Tag und er war allein. Die Maltflasche stand noch da und die zwei Gläser, aus denen sie sich zugetrunken hatten. Clemens roch an sich um sich zu überzeugen, daß er das alles nicht geträumt hatte. Er fühlte sich ausgeschlafen und bereit, nun gut, frisch ans Werk. Das Frühstück ließ er sich auf sein Zimmer bringen, vormals hatten er und seine Frau stets darauf geachtet, daß es diesen Service gab. Dann duschte er, packte seine Sachen, beglich die Rechnung und ging los, in Richtung der Kalkfelsen.

Einige wenige Spaziergänger waren am Strand unterwegs, Clemens machte unter ihnen bestimmt einen komischen Eindruck mit seiner Reisetasche. Was sollte er mit der Tasche machen? Daran hatte er nicht gedacht, fiel ihm jetzt ein. Wenn er sie stehen lassen würde, würde sie gleich gefunden werden und man konnte sich dann denken, was passiert war. Er mußte sie mit in den Tod nehmen. Der Spruch fiel ihm ein, daß das letzte Hemd keine Taschen habe, und daß man nichts mitnehmen könne. Clemens mußte lächeln und an das Hemd denken, das er unter dem Pullover trug. Er fühlte sich kommod angesichts des Umstands, daß er gleich nicht mehr sein würde. Innere Erstickung, zwei drei Minuten, dann war Feierabend, verbunden mit dem rapiden Blutverlust und dem eiskalten Wasser, etliches an Malt intus, das was noch übrig war von der Nacht mit Christina, viel hatten sie nicht getrunken, aber er war mehrmals in ihr gekommen, vermutlich ohne Folgen, sonst hätte sie etwas gesagt. Er würde ein paar schwere Steine in die Tasche legen und sie mitnehmen, versuchen, so weit wie möglich in die offene See rauskommen, und sich die Pulsadern erst im tiefen Wasser aufschneiden, damit man keine Blutspuren finden würde, und auch dort erst das Gift nehmen, damit es ein wirklich ordentlicher Abgang würde.

Clemens begann vor sich hinzusingen, mein Herze schwimmt im Blute … Er ließ den Sandstrand und die Spaziergänger hinter sich und kam auf das steinige Terrain. Zu seiner linken begann das Hinterland anzusteigen, vor sich sah er die Kalkfelsen, hinter der Biegung würde er wohl ungestört ein Ende machen können.

Als er die ihm von früher bekannte und für sein Ende vorgesehene Stelle erreicht hatte, setzte sich Clemens auf einen Felsen, der irgendwann einmal aus dem Hang herausgebrochen war, und steckte sich eine Zigarette an. Dann öffnete er seine Tasche, auf Rhodos gekauft, entnahm ihr die Maltflasche und nahm einen kräftigen Schluck. Der Alkohol wirkte um diese Tageszeit sofort, Clemens hatte zum Frühstück bloß ein Brötchen zu sich genommen, je eine Hälfte mit Marmelade und eine mit Honig, dazu ein Glas Orangensaft und zwei Tassen Kaffee. In die offene Tasche, in der bloß sein Kulturbeutel und Flauberts L’education sentimental lagen, warf er fünf oder sechs faustgroße Steine, die er zu seinen Füßen aufglaubte. Dann griff er in die Innentasche seines Mantels und entnahm ihr eine rechteckige Tabaksdose. Er klappte sie auf und betrachtete ihren Inhalt: eine noch verpackte Rasierklinge der Marke Wilkinson und eine blaue Kapsel. Es wird keine Gelegenheit da sein, den Geruch von Bittermandeln wahrzunehmen. Die Fähigkeit, diesen Geruch wahrzunehmen, das hatte er aus dem Fernsehen, war genetisch bedingt. Clemens nahm noch einen kräftigen Schluck und schaute auf die offene See. Am lichten Horizont kroch ein Containerschiff entlang, auf halber Strecke zwischen dem und Clemens tuckerte ein Fischerboot. Darauf mußte er auch achten, dachte Clemens, daß ihn nicht irgend so ein Depp von Fischer aus dem Wasser zog. Er wartete also. Die Wellen plätscherten eher mäßig.

Clemens liebte das Wasser, das Meer, vor allem im Süden, wo es warm war. Wo müßte man jetzt, um diese Jahreszeit hin, damit es gut wäre? Nach Tunesien wahrscheinlich. Er fragte sich, warum er sich nicht einen Tod im Warmen gegönnt hatte, wo er doch die Wärme so liebte. Man spart immer an der falschen Stelle. Aber er dachte auch an seine Witwe, wegen der Kosten.

Das wird alles nicht mehr sein, der Himmel, das Meer, die Musik, die Bücher, die Bilder, das Spazierengehen … alles, was er liebte und was er nicht mehr genießen konnte, weil er in einen Zustand geraten war, der ihm alles vergällte. Jetzt, angesichts des Nichts, jetzt könnte er lesen, jetzt würde er gerne seine liebste Musik hören oder durch eine Großstadtstraße laufen, aber jetzt hatte er ja anderes vor und jetzt konnte er sich auch nicht von einem guten Leben ablenken lassen, das heißt: von dem an gutem, was er sich immer bewart hatte, bis zum Schluß, den Schlaf, die Musik, die Bücher …

Er griff in die Tabaksdose und entnahm ihr die Rasierklinge. Gerade als er das Wachspapier entfernen wollte, hörte er seinen Namen. Jemand rief nach ihm, eine Frau, das lag nicht am Malt, da, jetzt nochmals. Er dreht sich um, sah aber niemanden. Beim dritten Ruf konnte er die Stimme lokalisieren, sie kam von hinten oben, von den Kalkfelsen. Er schaute hoch und sah eine gestikulierende Gestalt. Es konnte nicht seine Frau sein, es war auch nicht seine Frau, es mußte … und Clemens rief Christina und winkte. Sie komme zu ihm runter, schrie sie, er solle da bleiben, und sie begann, geübt grazil einen steilen Trampelpfad herunterzukraxeln.

Clemens legte die Rasierklinge wieder in die Tabaksdose zurück und steckte sie in seine Manteltasche. Christina kam unten an und kam auf ihn zu, begrüßte ihn mit einem innigen Kuß und meinte schmeckend, er fange aber früh an, oder ob die Fahne noch von letzter Nacht wäre. Dann sah sie die Flasche neben der offenen Tasche und die Steine in der Tasche. Ob er Steine sammele oder Geologe wäre, fragte sie. Nein, meinte Clemens, er wolle sie bloß zeichnen, und er kam sich ziemlich blöd bei dieser Erklärung vor. Er meinte, er freue sich, sie wiederzusehen und was sie denn hier mache. Sie mache noch einen kleinen Rundgang, gleich, in einer Stunde, würden sie, sie und ihr Mann, abreisen. Schade, meinte Clemens, stand auf, umfaßte und küßte sie. Sie fand es schön, ihn noch einmal gesehen und gespürt zu haben und einen ordentlichen Abschied zu machen. Clemens versuchte, mit der Hand unter ihren Pullover zu gelangen, aber sie wehrte das sacht ab, nein, nun nicht mehr. Schade, meinte Clemens nochmals, tja, dann … Er solle es gut machen, vielleicht … Ja vielleicht, meinte Clemens. Sie küßten sich nochmals und Christina ging davon Richtung Sandstrand. Clemens sah ihr nach, sie drehte sich, als sie bereits fern war, noch einmal um, winkte, und ging dann energisch weiter. Christina, murmelte Clemens vor sich hin, Christina, und er dachte an das Gefühl, ihren Körper zu spüren …

Clemens setzte sich wieder auf seinen Stein und nahm einen Schluck aus der Flasche. Er fühlte sich plötzlich traurig und elend, sagte mehrmals Scheiße! und trank weiter. Als die Flasche leer war, warf er sie ins Wasser. Sein ganzes Unglück der letzten Zeit war wieder in ihm, es war ihm zum Heulen, aber er konnte nicht heulen. Er fühlte sich zu elend, um sein Vorhaben umzusetzen. Komisch, dachte er: man ist zu unglücklich, um sich umzubringen. Ich war so bei mir selbst gewesen, eben noch …
Clemens nahm die Steine wieder aus seiner Tasche, warf sie in das Meer, in das er nun nicht mehr gehen konnte, verschloß dann die Tasche, etwas übel im Magen war ihm von dem frühen Alkohol, er hoffte, sich unterwegs nicht übergeben zu müssen, und machte sich auf den Weg zu dem Bahnhof.

© sine causa Verlag 2006

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