Hans Peter Weber
Abspann
Ein paar Federstriche für Godard
Was hätte Godard analog zu Deleuze („Die Immanenz –
ein Leben“) sagen können? –: Die Obesession / Invention
– ein Leben.
Inventionen, Eingriffe, Obsessionen in Film.
Das Unternehmen: À la recherche du temps moderne (vergessen
Sie Proust).
Aus der Perspektive „Arrièregarde der Avantgarde“
(Godard): Monsieur le Vivisecteur (wie Musil) – dreht ständig
Essays in fulminanter(!) Eigen- und Fremd-Vivisektion der aktuellen
Kräfte … einer politischen Anthropologie der auf laufenden
Konzentrationen im zivilisatorischen „Widerstreit“ (Jean-Francois
Lyotard) der Triebmotivationen. Natürlich im Ansinnen von Verdichtung,
von konzentrierter Fassung der verstreuten Spuren des Triebgefüges
durch unerhörte Frappanz-in-Film. Film wird in dieser Hand
(!) ein Dispositiv der force de frappe intellectuelle.
Godard ist: Existenzialist der frühen Sorte. Paris, St. Germain,
gegen 1960, birth of the cool: Außer Atem; ›exciting‹.
Hat G. eine ›Ästhetik‹? Eher eine intellektuelle
Energetik: Fulminanz, Perplexion … die Kräfte prallen
aufeinander; deren Reaktion lenken, im Spiel, sie am Nihilismus
vorbeilenken, dieser schlimmen Drohung im Triebraum. Der Mann ›dreht
Film‹, um selbst – Kreatur, die er ist – am Nihilismus
vorbeizukommen; an beiden Spielarten: am verordneten, zivilisatorisch
forcierenden, am trägen, dumpf organischen, versackenden.
›Exciting‹. Prickelnde Vehemenz. Wird beibehalten ein
Leben lang, öffnet sich aber in weite Reiche des Daseins, peu-à-peu,
später, im Laufe des Lebens (vom kleinen ›Verbrechen‹
– eine ›hündische‹ Desperado-Bewegung gegen
die lauernden Nihilismen rundum in Außer Atem –
bis zu den großen Maschinen-Strom-Vergeudungen in Nouvelle
Vague).
Godard ist der KünstlerIntellektuelle unter den Filmern (›Filmer‹
– grauenhaftes Wort; besser: Filmsteller … wie ›Schriftsteller‹?;
Direktor des fabrikativen Filmpools ›Godard‹? Film –
ein Spannwerk / Umspannwerk für Spuren: Ton-, Seh-, Sprach-,
Athmosphären-Spur für inszenierte, geschnittene, fragmentarisierend
komponierte ›Aufnahmen‹; nichts Symbolisches, sondern
Aufnahmen (Physis›Licht-Bild‹) auf Zelluloid / Magnetband
am Kategorientisch, der mit dem Schneidetisch und dem ganzen Produktionsstab,
mit dessen Schnittlinien und Schnittstellen-im-Kopf, hantieren muß).

2 ou 3 choses que je sais d'elle (1967)
Doch wir schweifen ab Der KünstlerIntellektuelle also, der
für sich und Seinesgleichen zu sorgen hat, durch Eingriffe
eine Haltung des eigenen mentalen Chaos im fremden herzustellen.
Hersteller: die Kräfte, die konfus / diffus zerrenden Kräfte,
die man ist und die aus umgebender Zivilisation auf einen wirken,
formierend / deformierend einfangen, binden, irgendwie durch Ausdruck
(›logique‹ – „logique de la sensation“,
sagt Deleuze; Ausdruck der Empfindung (sensation) = Bindung der
frei vagabundierenden Intensitäten) pazifizieren.
Hersteller. Musil z.B. – von frühen Film, dem „expressiven“,
und vom frühen ›Kino-Gral‹ so beeindruckt, daß
er attestierte: hätte Schopenhauer den Film schon gekannt,
dann hätte er, was er über die rigorose Musik sagte, noch
mehr auf den Film münzen müssen (cf. Robert Musil, Metaphysik
der Musik): daß damit nämlich die Kräfte des Schwachen,
des Passionaren, „absolut“ verdichtet werden könnten.
Und Musil sagte dies noch unter dem Eindruck der ersten, ›ursprünglichen‹
Filmtheorie Béla Balázs’ (cf. Robert Musil,
Ansätze zu neuer Ästhetik. Bemerkungen über eine
Dramaturgie des Films (1925), enthält eine Besprechung der
Filmtheorie von Béla Balázs’ „Der sichtbare
Mensch“).
Um ein Werk, ein Filmgetriebe in die Hand zu bekommen, das diesem
Diktum einigermaßen entspricht, hätten Musil / Balász
jedoch lange warten müssen – bis zum Erscheinen Godards
(Warten auf Godard), des film-think-tanks „GODARD“ (=
ein Firmenname (Entlang des statements von Godard – bei der
Pressekonferenz in Cannes zu Nouvelle Vague –, sein
Name stehe nicht im Folio, weil er alle Leute, die den Film machten,
habe sagen hören, sie machten den Film von Godard: wenn ca.
30 Leute den ›Film von Godard‹ machten, mache er also
nichts … (Aufgehen als ›Meute‹, als Firma; „ich“
ist eine Firma, gegen den Fetisch des Namens).) – als pars
pro toto der verstreuten Gipfel des Genres – eine Liste? Zwanglos
…: Buñuel (Chien Andalou), Oshima (Im
Reich der Sinne), Rohmer (Marquise d‘O.), Brinker
(Sans Soleil), Tarkowsky (Stalker), Koltes (Einsamkeit
der Baumwollfelder; Inszenierung: Chereau), Godard, und: Alexander
der Kluge. Sie bestätigen als Ausnahmen Adornos Regel, man
komme aus dem Kino gewöhnlich dümmer heraus als hinein.
Und ein zweites: man gerät nur in Kontamination mit Werken,
die mit dem eigenen Gehirn denken …). Und über das, was
zwischen diesen Gipfelanstrengungen liegt, hätte man freilich
nur den Mantel des Schweigens ausbreiten können.
Was macht die Firma GODARD? Künstlerdenken-in-Film, solange
dies noch durch ›Film‹, d.h. phäno-morphisch und
aufzeichnend möglich ist: die Kräfte der widerstreitenden
Begehren und Einsätze, die man ist und die aus der zivilisatorisch
hochforcierten Umwelt auf einen wirken, die laufend zerren und verzerren,
diese Kräfte der galoppierenden Sucht-Apparate an „Affekten“
(Deleuze) einfangen, sie im ›Aufnahmeapparat‹ zerlegen
und binden, molarisieren, so daß sie abströmen können
… einen Moment lang. Atempause (seltsame Einrichtung in der
Moderne: das „Kino“ tatsächlich ein – verschwindender
– Katharsisapparat, ein später Reflex der ›Potlach‹-Übungen;
hätten Sie das gedacht?!)
Katharsis geht durch die Katastrophe, diese excitative expérience
interieure. Abfuhr für die verworrenen, sich weiter verwirrenden
Triebmaschinen im Zivilgefüge, das selbst nur als Maschine
der widerstreitenden Ströme aller Begehren formuliert werden
kann. Godard ist der Paralleldenker zu Guattari / Deleuze, zu deren
›Maschinendenken‹: Wunschmaschinen, verworrene; Zivilisationsmaschinen
der Ströme an Begehren aus dem komplexiv (i.e. ineinander widerstreitend
verhangen) gelagerten Agencements der anthropen cofabrikativen Mentalitäts-Neuralitäts-Apparatur,
die ständig Zivilisations-Abfälle und -Präparate
abwirft in die Arena der temps modernes.
Die kreaturale und politische Anthropologie, die dadurch in Ansatz
kommt, ist keine der ›souveränen Gesellschaft‹
(einer angeblich frei-kontrakt-verfaßten …), sondern
eine eben dieser wirrlogischen Arena der Affekte. Gewiß, inzwischen
kennt man dies zur Genüge …: Kapitalströme, Sexualströme,
Machtströme, Persuasionsströme etc.‚ sowie die periodisch
wiederkehrenden Revolten und Volten (›68‹, die ›Streiks‹
die Stadtindianer, die Volten des „patchworks der Minderheiten“,
die riots … alle ausbrechenden Verwerfungen an Rändern
und Zentren der „dispositifs pulsionels“ / Lyotard).
Und in der Tat, da liegt sie parat jetzt, die analytische ›Beute‹
für Häutungen: Weekend, Hélas pour
moi, One plus one, Sauve qui peut (la vie),
Nouvelle Vague, Allemagne Neuf Zéro etc.
pp.

Allemagne 90 neuf zéro (1991)
›Beute‹? Eindeutig ja. Denn der Künstlerdenker
ist vivisecteur an sich selbst und den Anderen. Er ist Jäger
und Sammler. Solange er ›filmdenkt‹, ist er –
quite right, Jean-Luc –: „Arrièregarde der Avantgarde“
(›avant‹ ist alles, was vor ihm geschieht, alle Pulse
der dispositifs pulsionels, der voltierenden Einsätze drumherum
in der zivilisatorischen Arena). Der Artist bleibt indessen Essayist
in der Volte, der das „einräumende Denken“ (Musil)
zu praktizieren hat: rezentes Denken, das den Kräften (der
diversen Forcierungen) ausgesetzt ist, nichts ›Kognitives‹
… im begrifflichen Schonraum, keine ›Theorie‹.
Godards Kunst illustriert nicht, ist kein Figurentheater für
zirkulierende Kulturtheorie (wie etwa typisch im Falle Hitchcock,
diesem puren Illustrator vorgegebener, ›scholastischer‹
Theoriegebäude / Freud u.a.); sie ist ebensowenig narrativ,
dies wär Klebsinn / Blödsinn. Sie ist architektonisch
und plasmierend, plastizierend in eben dem Sinne, den Deleuze an
der artverwandten Malerei Francis Bacons großartig herausgearbeitet
hat: sie plastiziert in ›Film‹ die umtreibenden Kräfte,
die kreatural-maschinenhaften fitness-Kräfte der Treiberdispositive
des Anthropen / Sozialen in ihrer modernen Hochorganisation; indem
sie diese in ihrer Phänomorphik figuriert, d.h. auf eine Phänomorphik
an Figuration des Film-Essays aufzieht (aufnimmt (= umcopiert; kein
Abbilden, kein Darstellen; die ›Aufnahme‹ ist ein prozessives
Aufziehen).
Dekonstruktion avant la lettre – weil Essay immer schon ein
Konstrukt der Dekonstruktion war: die Fragmente, die kleinen Partikel
an eingefangenen / umcopierten phänomorphischen Zügen
werden aus-ein-ander-aufgereiht, so daß sie aufeinander abstrahlen,
und ein Gefüge aus Inferenzen bilden – wie die ›Natur‹
/ Kreatur; aber im Medium, in vitro, das hier noch ein phänomenisches
›Glas‹ ist (›Reagenzglas‹); eine in-vitro-Menagerie.
Wie Godard sophisticated sagte: „Wenn der Film bei mir fertig
ist, dann ist er auseinandergenommen.“ (in einem Fernsehgespräch
mit Marguerite Duras, die darüber klagte, beim Schreiben immer
wieder neu ansetzen zu müssen, nichts Durchgängiges schaffen
zu können).
Dies betrifft – mit Deleuze gesagt – die Organisation
des obsessiven Kunstwerks als „Diagramm“ (Deleuze stellt
die Obsession / Passion der Bildnerischen Künste auf das „Diagramm“
ab, weder abstrakt noch figürlich, weder kodal noch digital
etc.; siehe „Das Diagramm“, im Buch über Francis
Bacon), in dem alle Einzelphasen an „Sensationen“ (=
Empfindungen, Züge der zu Empfindungen umgearbeiteten Affekt-Intensitäten:
Kräfte) deutlich konturiert gegen-ein-ander im Raum schwirren,
und dann eine ganz verselbständigte Maschine machen (müssen).
Nicht ohne die Koeffizienz des Publikums. Denn dessen Mentalapparate
coproduzieren Maschinen durch Interferenzen, die sie bei Perzeption
dieses ›Futters‹ organisieren. Der Künstler sorgt,
dafür, daß die Anreize hierzu kräftig und hinreichend
durchgearbeitet sind. Vorab also ein Durcharbeiten der Kräfte
in ihrer phänomorphischen Aufnahme durch das phänomenische
Denken und Aufziehen / Aufcopieren in ›Film‹ (ein Copierwerk
…)
Bezüglich der Frage, wie das geschieht: kein Rad, keine Erklärung
muß zweimal erfunden werden. Deleuze hat diesen Prozeß
an der phänomorphisch-kritischen Malerei Francis Bacons meisterhaft
erklärt. Deleuze sieht die Kunst ganz verfangen in das Spiel
der Auseinandersetzung von Kräften, die als Intensitäten
forcieren und in „Sensationen“ (Empfindungen) eingefangen,
moralisiert werden; nicht mehr kreaturhaft-direkt (wie in den Riten,
Exerzitien), sondern mediatisiert, in ›Logik‹, d.h.
im Ausdrucks-Spur-Spiel von Tableaus: eine Stellvertreter-Welt,
eine Phänowelt, welche entfernt korrespondiert mit dem möglichen
Erlebnis der Einbergung, mit Inbrunst (délir). ›Präsenz‹
wäre darin ein Korrespondenzeffekt zur delirierten Gegenwart
(›Gegenwart‹ ist immer deliriert; in situ entrückt).
Man braucht diese Erklärung nur eine halbe Medien-Umdrehung
weiter auf den Film übertragen, sowie ausweiten auf eine politische,
statt ›nur‹ eine private / intime Anthropologie, dann
ist man mitten im Verfahren. Offensichtlich ist dieses Verfahren
aufwendiger, doch ›lernt‹ Godard unterwegs vermutlich
ständig von Deleuze, von Guattari …: Wunschmaschinen,
Maschinenströme, das Durcheinander, die Resonanzen etc. in
ein intellektuell spürsames, gymnastisches Diagramm ste11en
(Sammler und Jäger). Deleuze ist der Souffleur Godards aus
dem Off.
So wird niemand am Ende dieses aufwendige Verfahren besser erklären
als gerade Godard, der auch dies noch einmal durcharbeitet, zu einer
Realisationstheorie, wenn „der Film“ als Dispositiv
einer so verstandenen Kulturtechnik kapazitär erschöpft
ist.
Zur Frage also, wie dies geschieht (die Kräfte filmen, filmisch
einbergen …), siehe nun am besten: Godards Histoire(s)
du cinéma.
Doch bis es zu dieser Quintessenz kommt, muß alle Erfahrung
ausgeschöpft sein (und sie ist jetzt ausgeschöpft –
im Finale der temps modernes: „100 Jahre Kino“, davon
40 Jahre Godard; fast ein Verhältnis im Goldenen Schnitt! Alleine
dieses zeigt Erfüllung an …).
Die Erfahrung des frühen, enigmatischen Existenzialismus mußte
mit der rasanten Beschleunigung und explosionsartigen Ausdifferenzierung
der hochaggregierten modern-civil-times Schritt halten, und auch
die weiteren verzweigten Lebensdimensionen erreichen (Geburt und
Tod, Plexus, Nexus, Sexus, die Choques der Sterblichkeit, der Ignoranz,
der Vermessenheiten, der Vanitas, der Grazie …). Das ›Portrait
des Künstlers als junger Mann‹ wurde umso hinfälliger,
je mehr dieser Künstler (und die Zeit und das Medium) reifte
– auch: die Soufflage sowie die Quellen der Souffleure. In
den Brennpunkt der Reifung gelangt dann immer entschiedener die
existenziale Ethik (nicht: die Moral …).
Hélas pour moi vor allem trägt die Spuren
der Schockerfahrung entlang der zerrenden Kräfte, die sich
dem existenzialen Gewicht der Ethik und des Ontoerotismus nicht
mehr entziehen können. Im Hintergrund arbeitet auch diesmal
prägnant die Eminenze Deleuze, der das konzentrierteste Werk
der kreaturalen, rigorosen Ethik im Aufgang der Neuzeit aktualisiert,
das Werk Spinozas (Ethica more geometrico demonstrata / 1677), i.e.
das phänomenisch-morphisch durchgearbeitete Kreaturdenken des
völlig profan ausgesetzten Menschen (homo creatura), der mit
den Kräften rechnet (›more geometrico‹) bis in
die Tiefen der bloßen kreatürlichen Erfahrung: des Geschaffen-Seins
aus ungeheuren Kreativitätsquellen; pures physisches sacrum.

Hélas pour moi (1993)
Der ›reife Mann‹ Godard ergo auf dem Weg zu einem zeitgenössischen
ethischen Kunstwerk in aller gebotenen politanthropologischen Aktualisierung
der ›ethica‹, wie sie vom diskreten Souffleur Deleuze
an Spinoza vorgenommen worden ist. SPINOZA-MOVIE! … von Hélas
pour moi bis in die Hochkonzentration von Nouvelle Vague.
Die Affekte, die Ströme des Begehrens in den Dispositiven des
modern live, die Kapitalfiguren, die Verkehrsströme, die Nachrichtenströme,
die libidinösen Ströme, die Streß-Maschinen in den
Arbeits- und Wohn- und Erziehungs-Apparaten u.dgl. werden nun ganz
anders behandelt: nicht mehr als Effekte von ›Subjekten‹,
von Verfügenden, gar von Bürgersouveränen etc., sondern
als die Efferenzen und Ströme von zivilmaschinistisch hochaggregierten
Modeln einer waltenden übergroßen fitneß-Kreativität,
die alle durchdringt, pulsiert, mitreißt; sie, die nur die
oberflächigen Korpuskel sind einer abgrundtiefen Ressource
an Kreativität, an force majeur, die nur in den Augenblicken
der Versenkung, des innehaltenden Abströmens, des interesselosen
Entrückens erahnt werden kann, und annähernd gebannt –
medial in den Stilleben der Kamera, die auf Eindrücken fluktuierender
Präsenz ruht (prägnant: die fluktuative Präsenz des
Blattwerks, der Spuren von innerer Ergriffenheit in den Gesichtszügen
der Figuren u.ä. – Nouvelle Vague darf als ein
Meisterwerk gelten, das Meisterstück Godards. Darin gelingt
(im Tableau – und dann evtl. für die momentane Stimmung
der Perzipienten), die ganzen kardinalen widerstreitenden Kräfte
zeitweilig in viable Kontraste zu verwandeln, unter der Direktion
einer Stimmung von delirierender Präsenz (Musie), Stimmung
der „désinvolture“; Ernst Jünger). Dies
filmische Eingedenken der souveränen Kreativität ist:
sakral, vollkommen prosaisch sakral (nicht: religiös!), es
streift die Urverfassung des Sakralen, das Vage (= die exakte Unschärfe
aus dem vollkommen diffusen Grund der Existenz) in den verteilten
Hochaggregaten der zivilisatorischen Aktualität. Es aktualisiert
mithin die ehemals zutiefst ›intimen‹, persönlichen
Erfahrungen des Vagen, wie sie der erste Rigorose am Aufgang der
Moderne, wie sie Spinoza schrift-essayistisch durchgearbeitet hat:
die Mannigfaltigkeiten / Kräfte / Mächte berechnen, die
Diesheiten, die Affektgrößen, die künstlichen Gewalten
berechnen (in Diagrammen) – all diese Größen als
ein Auswurf einer solchen unbändigen (evolvierenden) Kreativität,
die nur pazifiziert werden kann in Momenten des Eingedenkens, der
›stills‹, der Exerzitien von Selbst-Preisgabe: hélas
pour moi / weh mir, dir, uns … vermessene Kreaturen.
Voilá: das moderne Künstler-Motiv, wie es von Kleist
u.a. auf uns gekommen ist: die Grazie (und man erinnert sich, daß
der Souffleur Deleuze Kleist, die Theorie der Affekte und Intensitäten
in Frankreich entschieden wieder populär gemacht hatte).
Es gibt zuvor bereits das Werk Passion (1982), das die
Obsession durch die ästhetischen Leidenschaftsakte der Kunst,
der Malerei, durch die Arbeit, durch den Sexus dis-kursieren läßt
(dazu: „Liebe, Arbeit, Kino“); es gibt Sauve qul
peut (la vie), wo ein profanes sacrificium der Leidenschaften
bis in die ›Arbeit der Prostitution‹ exerziert wird.
Es gibt … es gibt …: die Wege sind voll von Annäherungen
an ein großes aktuelles Durcharbeiten der hochdispersierenden
Systeme an Triebkräften, in der Weise des phänomenisch-kritisch
und ästhetisch ansetzenden Denkens, das sich selbst bis in
die Tiefen der vehementen Passivität / Empfänglichkeit
(namens ›ethica‹) zu preziosisieren wagt.
Eine Epoche wandert schließlich ans Ende ihrer Kapazitäten
– der Gedankentechnik wie auch dieser Preziösisierung.
Dies geschieht dieser Epoche der ›phänomenal‹ kodierten
forcierenden Triebstruktur nicht weniger als den Unternehmen zu
ihrer Diagnostik und Kräfte-Bindung, deren Technik gleichermaßen
an die Grenze ihres Vermögens stößt: jene Technik‚
phänomorphisch rezent die Kräfte filmisch / essayistisch
(medial atmosphärisch) annähern einzufangen, sie zu molarisieren,
stößt dann unvermeidlich an ihre Grenzen, wenn man entdeckt,
daß man (civil man) durch penetrante Akte der zivilisatorischen
Aus-Setzung bereits aus der Welt der phänomenischen Wirkstrukturen
des zivilisatorischen Machtprocessing vertrieben ist.
Ist ›die Epoche‹ im freien Fall, so geraten ihre ›Medien‹
mit in den freien Fall, und dies in jeder Attitüde (forsch
oder schwach, ordnend oder kommunikativ …). ›Der Film‹
ist im freien Fall, seit die Kräfte der Aussetzung in die Zonen
des Geno-Morphischen überrissen worden sind.
Man hat es noch nicht mitbekornen: ein solcher Prozeß bahnt
sich langsam an und ›das Bild‹ kippt dann schnell, schneller
als der Szenenwechsel innerhalb der Episteme des Genres mitkommen
kann: „Das Bewegungsbild“ – „Das Zeitbild“
(diese vollendeten Film-Bände Deleuzes, Frankfurt am Main 1997).
Und plötzlich: all das auf der Kippe (was wiederum die Verwesungs-Verwertungsindustrie
›Film‹ nicht im stört). Siehe die ausgebrochene
generisch-generative R*Evolution der zivilisatorischen Inventionen
unserer Tage: Produktionen, Forschungen, Aufklärungen, Organisationen,
Komunifikation, human engineering etc. Diese fordert – kritisch
konsolidierend – ins Generische ausgreifende Kulturisationstechniken
heraus, tiefenschärfer als sie durch phänomorphische technische
Medialität (Foto, Film, bewegtes Licht-Bild …) bereitgestellt
werden kann; auch radikaler im Gestus. Einbergungsversuche wandern
im posthistoire noch stärker nach Obsession, Passion, nach
Ana-Riten. Denn diese R*Evolutionsregel ist sehr dezidiert: Technik
und Grad der Einbergungs-Sensation verhält sich umgekehrt proportional
zur zivilisatorischen Aussetzungs-Intensität, zu deren Technik
und Grad, analog zu diesem alten Photographensatz, daß die
Schärfentiefe sich umgekehrt proportional zur Tiefenschärfe
verhält.
›Was tun‹ für die Medien, die Genres der älteren
Kaliber in solcher Umbruchszeit?
Bewundernswert betreibt Godard seit über einem Jahrzehnt die
einzig richtige Konsequenz: ist der Film im freien Fall, so heißt
es nun, sich im freien Fall nochmals zusammennehmen! Die Stunde
der Quintessenzierung ist da – Zeit für eine Historische
Kinematographie, welche übrigens im Projekt einer „Historischen
Anthropologie“ ein Verwandtes hat.
Die Zeit ist erfüllt. Und: chaque époque rêve
la suivante.

Sauve qui peut (la vie) (1980)
Deleuze ist daran nicht minder beteiligt als Godard, der den Film
tatsächlich ›frei‹ gibt („Eins, zwei, drei,
der Film ist frei“ / Godard – unironisch froh), indem
er ihn vor dem Heraufziehen genomorpher Kulturtechniken (das Synthesizing,
die Computer-Architektur, die künstlichen Kybernismen etc.)
noch einmal in realisationstheoretischer Absicht konzentriert: der
Analyst in der Volte, freilich trägt auch diese wieder Züge
der ›désinvolture‹: heiter-streng.
Die Histoire(s) du cinéma zeigen: der Künstler
/ Künstleressayist, der zu Aktivzeiten des Films „Arrièregarde“
der aktivistischen ›Avantgarden‹ in der Zivilisationsmanege
war, wird, wenn es um die summa der Kritik und der Episteme des
Genres selbst geht, zur Avantgarde. Niemand ist mehr berufen, die
Kapazitäten des medieneigenen ›designs‹ zu destillieren
als der Künstlerintellektuelle, der sich in der Phase der Erschöpfung
zum Intellektuellenkünstler mausert (gegen dessen realisationstheoretische
Konzentrate die ›Kritiken‹ und ›Filosofien‹
aus dem Filmzeitalter dann selbst wie „Derrièregarde“
aussehen). Es sieht so aus, als hätte die jahrzehntelange ›Materialschlacht‹
der „cahiers du cinéma“ auf ihren ›Löser‹
gewartet; was im übrigen große Vorbilder hat, zuletzt
etwa Valéry und Musil, die für das Zeitalter der Literatur
ein ähnliches Rollenswitching durchmachen: große Vollender
des Genres und die konzentriertesten Kenner / Realisationstheoretiker
zu sein. Cf. die ähnliche Rolle Marcel Duchamps für die
Bildende Kunst (keine schlechte Nachbarschaft für Godard!).
In den Histoire(s) du cinéma ist der Film „eins,
zwei, drei“ nicht nur „frei“, sondern auch: historisch
durchgearbeitet; d.h. auch: verwahrt als Batterie (und nicht: Theorie),
die Zeugnis ist seiner epochal einmaligen Fähigkeit, auf einem
bestimmten Grad der zivilisatorischen Aussetzung die forcierenden
Kräfte in diesem – gewiß schwachen – Milieu
des Atmosphärischen ein wenig zu binden (im Tableau, nicht
in actu), während der zivilisatorische Selbst-Aussetzungs-Zug
jenseits dieses Milieus durchschießt ins Radikale, Generische,
wo die Kräfte dieser Odyssee im irdischen Raum nunmehr nuk1ear
eingefangen werden müssen.
Denn: die Nerven liegen nun blank. Nach ›Film‹ die
Synth-Flut (Les Immatériaux; Jean-Francois Lyotard et al.),
die sich den organischen Kulturisationstechniken nähern wird
– epochenlang (nukleare mind-ecology, kulturale Anthropotechnik,
cultural engineering …).
WANTED: SPINOZA-MASCHINEN. „Spinoza-Movie“ als höchstes
Prädikat hatten wir Godard attestiert. Man wird das u.U. für
übertrieben halten, gar für abwegig, mit dem Hinweis,
es sei nicht klar, inwieweit Godard ausgesprochene Spinoza-Studien
getrieben habe. Mag sein, sicher ist jedoch, daß Godard durch
den Golfstrom ›Deleuze‹ aufgeheizt ist, und das ist:
Spinoza-aktuell! Der Name ist Etikett, entscheidend ist die Attitüde,
welcher Künstler ohnehin verfallen, wenn sie nur genau genug
das fading des kulturalen Begehrens durcharbeiten. So werden sie
das Feld dieses Kreaturisten schon schneiden. „Schriftsteller,
Dichter‚ Musiker, Filmemacher, auch Maler, selbst Leser gelegentlich
können sich als Spinozisten wiedererkennen – eher denn
Berufs-Philosophen.“ „Nicht, daß man Spinozist
wäre, ohne es zu wissen. Es gibt vielmehr ein eigenartiges
Privileg Spinozas, etwas, das nur durch ihn erfolgreich gewesen
zu sein scheint. Er ist ein Philosoph, der über einen außerordentlichen
konzeptionellen Apparat verfügt, der extrem entwickelt, systematisch
und gelehrt ist; dennoch kommt es an seinem höchsten Punkt
zu einer unmittelbaren und unvorbereiteten Begegnung, so wie ein
Nicht-Philosoph oder auch jemand, der gar keine Kultur hat, eine
plötzliche Erleuchtung, einen ›Blitz‹ empfangen
könnte. Es ist, als ob man sich als Spinozist entdeckte, man
kommt mitten in Spinoza an, wird angezogen, ins System oder in die
Komposition hineingerissen.“ (Gilles Deleuze, Spinoza und
wir; in: Aisthesis, Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen
Ästhetik, hrsg. von Karheinz Barck, Peter Gente, Heidi Paris
und Stefan Richter, Leipzig 1990, S. 286). Und in derselben Art
werden, nach den ›medien-ästhetischen‹ Künstlern,
die kulturalen Ingenieure in die Attitüde der kreaturalen Obsession
(Etikett: Spinoza) „hineingerissen“, wenn sie nur rigoros
genug laborieren: Spinoza-Engineering …
Historische Kinematographie wird so: der souveräne Abspann
des Films selbst!
À DIEU FILM … GOD (ART) BEFOHLEN!
© Europa Revue 2006 |