Timo Linke
Nackte Tatsachen und paradoxe Schleifen
Über Jean Luc Godard und seinen Film „Le
Mépris“ (F/I, 1963)
«Le Mépris», de Jean-Luc
Godard, d'apres Alberto Moravia, avec Michel Piccoli,
Brigitte Bardot, Fritz Lang, Jack Palance. 1h43. |
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Der Gegenstand des vorliegenden Textes ist ein selbstreferentielles
Motiv, das in den ersten beiden Einstellungen von Le Mépris
auftaucht und im Verlauf des gesamten Films in verschiedenen Variationen
wiederkehrt. Auf diese Weise, so wird unterstellt, erzählt
der Film zwei Geschichten, die sich durch unterschiedliche Dimensionen
voneinander unterscheiden lassen. Zum einen handelt es sich um eine
dialogische Geschichte im Film, die in einem entfernten Sinne Bachtins,
einen verstehenden Rezipienten voraussetzt; zum anderen handelt
es sich um eine metalogische Geschichte des Films selbst, die, im
Sinne Batesons, die Aussagekraft des Films in seine formale Struktur
einbrechen lässt. Als eine solche Aussage wird im vorliegenden
Text die Selbstthematisierung gesetzt, die sicherlich nur
eine unter vielen anderen sein kann.
Es wäre zu einfach, die Selbstthematisierung des Films disjunktiv
auf die dialogische Präsentationsformen oder die metalogischen
Wirklichkeitseinbrüche zuzurechnen. Vielmehr lässt sich
zeigen, daß in beiden Dimensionen des Films selbstthematische
Elemente bezeichnet werden können. So wie auf der metalogischen
Ebene der ersten (im Bild gezeigten) Kamerafahrt Raoul Coutards,
ein Blick in die Sonne auf die Odysseus schützenden solaren
Götter hinweisen könnte, so wird an anderer Stelle Camille
von Langs Assistenten Godard aus dem Bild gescheucht: „Mein
Goldstück sie stören hier“, so Godard zur Bardot.
Hier bricht die Produktionsgeschichte des Films in die im Film erzählte
Geschichte ein, dort hingegen ist es ein Element der Geschichte
im Film, das auf der Ebene der dokumentierten Produktion des Films
auftaucht. Um hier unterscheiden zu können, erscheint es sinnvoll,
neben der Unterscheidung zwischen den dialogischen und metalogischen
Dimensionen des Films, die seit Eric Buyssens geläufig gewordene
Trennung von intrinsischen und extrinsischen Bedeutungen (Semen)
hinzuzunehmen. Diese Hilfsunterscheidung ermöglicht die Bezeichnung
textimmanenter und texttranszendenter Ausdrucksformen der Selbstthematisierung,
die sich sowohl in der dialogischen wie in der metalogischen Dimension
des Films aufzeigen lassen.
Mit dieser doppelten Einschränkung, den Unterscheidungen Dialog/Metalog
und intrinsisch/extrinsisch, wäre vielleicht eine Systematisierung
der selbstthematischen Aspekte möglich. Jeder Versuch in diese
Richtung zöge aber die Frage nach sich, was dem Film durch
ein solches beschneidendes Verfahren angetan würde. Kreuztabellen
sprechen nicht wirklich. Aus diesem Grund wird auf eine strukturalistische
inspirierte Behandlung des Films verzichtet und stattdessen sollen
die Unterscheidungen als kognitiv epistemologische Einschränkungen
berücksichtigt werden, die es erlauben, sich der Komplexität
des Films anzunähern.

Welche Geschichte erzählt Le Mépris? Ohne
wirklich eine Antwort auf die Frage geben zu wollen, ließe
sich der Film als die Geschichte von Camille und Paul Javal beschreiben
und wie sich ihr Leben verändert, als sie in das Magnetfeld
der Filmproduktion geraten. Damit ist dann bereits auch schon einiges
gesagt. Es geht also um Liebe, Arbeit und Kunst; drei Brennpunkte,
an denen sich die Achsen der Verachtung brechen werden. Die Verachtung,
eine „intensive Empfindung“ [Schleicher 1991, 92],
tritt an die Stelle von Camilles Liebe zu Paul, als sie sieht, wie
er sich im Milieu seiner Arbeit verhält. Prokosch, der zu orakelhaften
Gesten neigende amerikanische Filmproduzent, fürchtet um die
Einhaltung des ausgehandelten Deals, er fühlt sich betrogen
und verachtet seinen Regisseur Fritz Lang als Fritz Lang (…you
cheated me, Fritz!“). Dieser verachtet seinerseits wiederum
seinen Produzenten („Prokosch ist ein Diktator“, so
Lang zu Paul, und überhaupt ist der Filmproduzent „…eine
Art Mensch, auf die ich nur zu gut verzichten könnte“).
Die gegenseitige Verachtung dieser beiden Charaktere ist kaum verwunderlich,
denn sie werden in fast jeder Hinsicht als Antipoden inszeniert.
Prokosch, der Geschäftsmann, drängt auf die Einhaltung
des Vertrages; Lang, der Künstler, tritt ein für seine
schöpferische Freiheit und wehrt sich gegen die Kommerzialisierung
seines Werkes. Der Erste übt sich in großen Gesten und
spielt göttliche Autorität, er ist bestimmend wie das
delphische Orakel. Auch wenn er nur inhaltsarme Floskeln von sich
gibt oder platte Allgemeinplätze vertritt, so legt er doch
fest wie der Film zu sein hat und engagiert Paul als Script-Doctor,
um das Drehbuch kommerziell aufzupolieren („… mehr „Mehr’“,
bitte!). Lang wirkt demgegenüber fast bescheiden, erweist sich
aber dennoch als intellektuelles Schwergewicht und könnte vielleicht
sogar als Metapher für Odysseus gesehen werden, weil er ebenfalls
seine Odyssee durchstehen muß („Oh ja, nach der Odyssee
mache ich etwas sehr schönes“ – als meinte er nach
den Irrfahrten durch die Turbulenzen der cinemascope-formatigen
Koproduktion, die endliche Rückkehr zu Penelope oder anderen
Formaten und anderen Geschichten, die besser geeignet sind für
Menschen).
Mit Scharfsinn, List und Tücke – und nicht zuletzt auch
einer guten Portion Spott ausgestattet („Der Diskuswerfer
– er hat Sinn für die griechische Kultur“) –
lehnt Lang sich wie Odysseus auf gegen sein Schicksal mit einem
derart bestimmenden – aus seiner Sicht ja sogar diktatorischen
– Produzenten wie Prokosch konfrontiert zu sein. Wie Odysseus
stellt auch Lang sich dabei nicht als besonders mutig heraus und
versteckt seine Invektiven in Bildungsbrocken, die im Film als intertextuelle
Querverweise ebenso herausstechen wie sie auch als intrinsische
Selbstthematisierungen gelesen werden könnten. So rezitiert
er im Vorführraum, kurz nachdem Prokosch seine Empathie für
die Götter entdeckt hat („…gods, I like gods. I
know exactly how they feel“), aus Hölderlins Dichterberuf:
„Furchtlos bleibt aber, so er es muß, der Mann; Einsam
vor Gott, es schützt die Einfalt ihn; Und keiner Waffen braucht’s
und keiner Listen, so lange, bis Gottes Fehl hilft.“ Scharfsinn,
List und Waffen – nicht Mut: das sind die Eigenschaften des
Odysseus’, die erst in der Abwesenheit des Gottes, also ohne
schicksalhafte Festlegungen, zum Zuge kommen können. „Ce
n’est plus la présence de dieu“, erklärt
Lang Francesca, „c’est l’absence de dieu; c’est
très étrange, mais vrai.“

Wie aber kann diese Abwesenheit erreicht werden? Das Moment des
Betruges im Opfer, sei das Urbild der odysseischen List, heißt
es, wie denn viele Listen des Odysseus gleichsam einem Opfer an
Naturgottheiten eingelegt seien [Horkheimer/Adorno 1991, 57].
Und wie von Odysseus, dem unmutigen Helden, so werden die chtonischen
Götter auch von den solaren Göttern überlistet. Die
olympischen Helfer Odysseus nutzen beispielsweise Poseidons Aufenthalt
in Äthiopien, bei jenen Hinterwäldlern, die ihn noch ehren
und mit Opfern reich beschenken, um ihren Schützling ungefährdet
zu geleiten. Jedes Opfer impliziert auch einen Betrug, denn seine
Entgegennahmen binden den Gott an Lokalitäten und beschränkt
dadurch seine Macht. Im Umkehrschluss heißt das aber, daß
jede Opferhandlung des Menschen einer planmäßigen Berechnung
entspringe, die denjenigen einschränken, dem sie gelten. Damit
wird die moderne Konfliktlinie bewußter Aufrichtigkeit-Opfergabe-unbewußter
Betrug (Freud) überspannt und in einer bewußten strategischen
Zweideutigkeit von Handlung und Intention aufgelöst. Man ehrt
und opfert, um berechenbar zu machen und sich durch Berechenbarkeiten
Freiheiten zu erkaufen. Prokosch, der zwar genau weiß, wie
die Götter sich fühlen, selbst aber Mensch ist, weiß
wohl auch um die der Opferbereitschaft eingeschriebene Kalkulation
und fühlt sich vom listigen Lang betrogen. Dieser verbündet
sich mit den solaren Göttern bzw. mit der apollinischen Kunstwelt
des Traumes [Hierzu: Nietzsche 1972, Kap. I] (der Traumfabrik
Hollywoods sozusagen), die hier im Kino, dem Lichtbild, an Form
gewinnt, und betrügt damit seine freie künstlerische Ambition.
Aber was wird im Hintergrund dieser kleineren textimmanenten Opfergaben
in der dialogischen Dimension tatsächlich geopfert? Was ist
das grundlegende Opfer des Films? Ist es die Kunst, die kreative
Freiheiten des Rausches? Sind es die chtonischen Götter, die
durch die List solarer Rationalität um ihr schöpferisches
Potential betrogen worden sind? Triumphiert Hollywood über
den Autorenfilm oder ist es umgekehrt der Autorenfilm, der die Erwartungen
Hollywoods unterläuft? In Le Mépris jedenfalls scheint
es niemanden zu geben, der unbetrogen die Bühne verlässt;
keinen der sich gänzlich der Verachtung irgendeines anderen
zu entziehen vermag. Hier wird die Unterscheidung zwischen dem dionysischen
und apollinischen Moment, zwischen künstlerischer Kreation
und rationalisierter Produktion oder zwischen dem Betrügenden
und dem Betrogenen auf eine klassische Unentscheidbarkeit geführt.
Und gerade deshalb stellt sich ja erst die Frage nach dem eigentlichen
Opfer des Films im Film.
Ausgehend von der Odyssee, dem Film im Film, ließe sich das
Opfer der Kunst wohl kaum bestätigen. Die Aufnahmen der Statuen
wirken zu isoliert, als daß man sie in einen semantischen
Zusammenhang setzen könnte; die Sirene – die nicht einmal
eine Sirene sein kann, weil es sich hierbei nicht um Meerjungfrauen,
sondern um Harpyien (Frauen mit Vogelleibern) handelt – planscht
verloren und etwas verunsichert im tyrrhenischen Meer, und die anderen
Darsteller (Odysseus, die Freier und Pelepones) wirken einfach nur
albern. Ruft man sich die Bilder, für die Lang, der große
und anerkannte Regisseur, verantwortlich ist, ins Gedächtnis,
dann wird Prokoschs Verstimmtheit beinahe verständlich. Als
Zuschauer fühlt man sich geradezu mitbetrogen, und zwar von
Lang und seinem Kino.
Das Motiv des Betruges oder vielmehr des Sich-betrogen-fühlens
wird auch am Brennpunkt der Liebe deutlich, wo sich ja ebenfalls
die Achsen der Verachtung brechen. Paul fühlt sich betrogen
von Camille, die zwar zugibt, ihn zu verachten, ihm aber verheimlicht,
warum sie ihn nicht mehr liebt – ein Mann habe ein Recht,
zu erfahren, warum seine Frau böse ist, fordert er zunächst
erfolglos ein. (Abgesehen davon spioniert er ihr nach, weil er sie
permanent des Betrugs verdächtigt.) Neben dem Verhältnis
Lang-Prokosch zeigt sich das implizite Betrugsmotiv noch ein anderes
Mal hinsichtlich der Arbeit. Francesca, die Dolmetscherin, übersetzt
hin und wieder mal relativ frei nach eigenem Belieben. Z.B. sagt
Prokosch: „I believe in the pride of making good films“,
und Francesca übersetzt: „Il faut être orgueilleux
pour faire du cinéma“. Prokosch macht es also stolz,
einen guten Film zu produzieren, und Francesca legt ihm den Stolz
(fast könnte man sagen: den Stolz der Götter) als die
Bedingung in den Mund, um überhaupt Kino machen zu können.
Und spätestens nach der Szene im Vorführraum dürfte
auch über Langs Betrug Klarheit gewonnen sein. Nachdem die
blassen Bilder seiner Produktion vorgeführt worden sind, nachdem
man fast mit dem tobsüchtigen Prokosch mitfühlen konnte,
gegen den er seine Arbeit verteidigt mit den Worten „so steht’s
im Drehbuch“, das er gleichzeitig vor den gierigen Produzentenhänden
rettet, und nachdem er dieses beim Verlassen des Raumes selbst als
„Quatsch“ bezeichnet („…hör mal Kleines“,
so zu Francesca, „nimm mal den Quatsch“), wird deutlich,
daß er Prokosch mit der Verteidigung seiner Arbeit und seiner
Künstlerrolle nur etwas vorspielt. Sein Betrug ist paradoxer
Weise die Maske die er trägt, obgleich er selbst er selbst
bleibt (Fritz Lang als Fritz Lang). Sein Betrug an Prokosch ist
also, daß seine Odyssee nur ein Schauspiel – eben Kino
– ist. Wer aber ist jetzt der eigentliche Betrüger oder
der Odysseus, für den Lang als Lang lediglich eine symbolisierende
Funktion übernimmt. Das grundlegende Opfer, das hintergründige
Mittel des Betruges, bleibt bei einer rein textimmanenten Betrachtung
immer noch unklar. Die Referenz auf das Kino selbst verleitet dazu,
die Grenze intrinsicher Selbstthematisierung zu überschreiten
und die Produktionsumstände als extrinsische Elemente mit einzubeziehen.
Zur Bezeichnung des eigentlichen Opfers des Films müssen die
dialogische und die metalogische Dimension des Films gekreuzt oder
miteinander verschränkt werden. Diese Umwendung ist motiviert
durch die Hoffnung, daß die Suche nach dem Opfer auch zu dem
eigentlich Betrogenen führt.

Fritz Lang ist gewissermaßen der Eigenname im Film, der die
Brücke bildet, zwischen seiner fiktiven und imaginären
Oberfläche und der Wirklichkeit, in der sich vielleicht die
reale Produktion der Verachtung abspielen könnte. Da man es
hier thematisch mit den alten Griechen zu tun hat, bietet es sich
quasi an, auf logozentristischen Voraussetzung auszuruhen, die den
Eigennamen als Überbrückung der Differenz von Sprache
und Welt annehmen. Damit käme ihm die ontologische Funktion
zu, entweder seine Extension, das durch ihn bezeichnete Individuum
zu identifizieren oder, bei propositionalem Gebrauch, auf das „Wahre“
oder das „Falsche“ zu referieren. Betrachtet man nun
den Film als Text oder als kinematographischen Satz, dann wäre
„Fritz Lang“ als das subversive Element oder als Eigennamen
zu verstehen, an dem die Synchronisation der präsentierten
Wirklichkeit des Films mit der Wirklichkeit seiner Produktion anzusetzen
hätte. Die im fregeschen Sinne ontologische Funktion des Eigenamens
auf einen „Wahrheitswert“ zu referieren, könnte
über die Symbolfunktion Fritz Langs zu Godard selbst führen
– d.h. nicht zu Godard als Langs Assistent im Film,
sondern zum wirklichen Godard als Regisseur des Films. Gleichzeitig
ist dieser allerdings auch wieder ein textimmanentes Element intrinsischer
Selbstthematisierung, so das durch die Verschränkung externer
und interner Bedeutungen keine eindeutige Zurechnung auf wahr oder
falsch, fiktiv oder wirklich, immanent oder transzendent mehr möglich
erscheint. Die Grenze des Films wird im Film unterlaufen.
Und dennoch muß es einen wesentlichen Unterschied zwischen
der metalogischen Dimension des Films und der dialogischen geben,
denn ohne diesen Unterschied erzählte der Film wie viele andere
nur eine Geschichte und müsste auf die Verwerfung der Unterscheidung
von Fiktion und Wirklichkeit verzichten müssen. In diesem Sinne
erscheint es sinnvoll die Dialog/Metalog-Differenz inklusive der
Hilfsunterscheidung von intrinsischen und extrinsischen Beudeutungselementen
an die Position zu setzen, an der die Bezeichnung gewöhnlich
zwischen der Wirklichkeit der Produktion und der Unwirklichkeit
der Präsentation oszilliert.
Die Antworten auf Opferfrage und Betrügersuche könnten
so auch jenseits der Ausdrucksebene des Films gesucht werden, gleichzeitig
bleiben sie aber auf die präsentierte Immanenzebene des Films
eingeschränkt. Der einzige Zugriff auf die Selbstthematik des
Films ist seine Ausdrucksebene, auf der aber jetzt neben den expliziten
intrinsischen Formen auch nach impliziten extrinsischen Formen gesucht
werden kann. Über letztere bricht die Wirklichkeitsebene der
Produktion in die Ausdrucksebene des Films herein.
Selbstverständlich ließen sich noch technisch-kompositorische
Elemente der Selbstthematik herausgreifen. Hierunter fielen beispielsweise
die innere Bildmontage, Lichtsetzung und Montage, der Schnitt, die
verschiedenen Tonebenen: Atmosphäre und Sprache, Geräusche
und Delereux’ Musik usw. Die Auswahl der selbstthematischen
Aspekte soll aber auch im Folgenden an dem semantischen Motiv der
Verachtung orientiert werden, womit der Blick auf die Aussage des
Films konzentriert bleiben soll, auf welcher nach dem Opfer einerseits
und dem impliziten Moment des Betruges andererseits zu suchen wäre.
In diesem Sinne ist nun bei aller Zweideutigkeit zu fragen, in welchem
Verhältnis Godard zur Verachtung steht und inwiefern der Film
darüber Auskunft gibt.
Hierzu eignet es sich zur Eingangsszene zurückzukehren, in
der Godard selbst – natürlich nur in der französischen
Version – einen deutlichen Hinweis gibt. Das Kino, so zitiert
er André Bazin, setze an die Stelle unseres Blicks eine Welt,
die mit unseren Wünschen harmoniert. Le Mépris
sei die Geschichte dieser Welt. Nachdem dies gesagt ist, ist auch
die Kamera von Raoul Coutard am Ende ihrer Fahrt angekommen (als
intrinsischer Verweis vielleicht symbolisierend für Ithaka).
Sie schwenkt mit ihrem Cinemascope bestückten Objektiv direkt
auf uns, die Zuschauer. Wir blicken jetzt aus der Untersicht direkt
in das klaffende Objektiv der Kamera, und dann: ein Gegenschuss
im klassischen Stil, der beinah untypisch für Godard wäre,
wenn er nicht mit der Anschlusseinstellung eine ganz andere Szene
zeigte. Jetzt handelt es sich um die Anfangsszene des Films: man
sieht Camille und Paul in romantischer Zweisamkeit auf einem Bett
liegen. Sie sind in der Aufsicht aufgenommen, aus jener Position
also, die Coutards Kamera in der vorangegangenen Einstellung innehatte.
Hinsichtlich des Zitats von Bazin vermittelt dieser Schnitt uns
jetzt die Welt unseres Begehrens zu präsentieren. Damit geht
der Text innerhalb des Textes über den Text hinaus und referiert
auf den Zuschauer. Im Hinblick auf die zwei Kameraeinstellungen
wird aber auch der Aspekt der odysseeischen Wiederkehr auf der Ebene
der Produktion deutlich. Nachdem Coultards Kamera am Ende ihrer
(vorbestimmten) Schienenfahrt ankommt, nachdem dieser noch einen
vergewissernden Blick in die Sonne wirft, beginnt sie durch den
komplementären Perspektivenwechsel mit der Präsentation
der bedürfnisadäquaten Welt. Die Fahrt wird damit zum
Kreis, der das Ende an den Anfang setzt und gewissermaßen
mit dem Anfang endet, indem dem Zuschauer ganz unvermittelt und
ohne daß er irgendwelche Annäherungsversuche der Protagonisten
begleiten mußte, den nackten Körper von Brigitte Bardot
präsentiert wird. Alles weitere, die Verachtung usw., ist jetzt
die Geschichte dieser Bedürfniswelt.
Diese Welt scheint in Camilles nackter Pracht aufzugehen, die nach
besten Wünschen des uns mit Recht unterstellten Geschmacks
beleuchtet wird. Doch gleichzeitig wird das Kino als Bedürfnisweltschöpfer
auf die materiellen Hintergründe der Produktion und seine Grenzen
gestoßen. Die Romantisierung der Szene wird durch eine Gelb/Blaufilterkolorierung
versucht, wobei der Gelbfilter hauptsächlich zur harschen Ausleuchtung
des nackten Körpers von Brigitte Bardot angewendet wird. „Ihr
liegender Körper scheint geradezu für die Breitwand gemacht“,
so Farocki
und Silverman – doch die Breitwand scheint dagegen nicht
für ihren Körper gemacht zu sein. Das Bild vermag Camille
nicht komplett preiszugeben, ihr Körper wird zwangsläufig
vom Bildausschnitt beschnitten. „Cinemascope“, so wird
Fritz Lang später bemerken, „ ist eben gut für Schlangen
und Begräbnisse, aber nicht für Menschen“ –
und wir sehen bereits schon jetzt (in der zweiten Einstellung des
Films) was er damit meint. Eine romantische Präsentation harmonischer
Liebe zwischen Paul und Camille wird durchsetzt von metalogischen
Seitenhieben auf das Kino. Der nackte Frauenkörper im Kontrast
zum bekleideten Mann, die Unfähigkeit der Kamera den weiblichen
Körper abzubilden, die direkte Ausleuchtung während der
Kamera ihn einmal komplett abfährt, und dann auch noch Camilles
Fragen. In all diesen Formen wird das Kino als ein mangelhafter
Schöpfer unserer Bedürfnisse desavouiert.
Woher kommt dieser Zynismus, der vielleicht auch zu Langs Charakter
(im Film?) gepasst hätte? Wer ist das sokratische Subjekt hinter
der Kamera? Oder anders gefragt: wen mag Godard wohl verachten,
wenn er die Bardot zwar in ihrer vollkommenen Nacktheit präsentiert,
dennoch aber ihren ganzen Körper dem Cinemascopeformat nicht
preisgibt? Und welches Opfer ist es, das Godard zu diesem ironischen
Betrüger werden lässt? Und natürlich: wer ist eigentlich
der Betrogene?
Man erfährt, daß das Verhältnis Godards zu seinen
amerikanischen und italienischen Produzenten, ähnlich wie das
von Fritz Lang und Prokosch, ebenfalls nicht frei von Konflikten
war. So orderten Carlo Ponti und George Debauregard, beide derzeit
erfolgreich im Vertrieb italienischer Herkulesfilme (von denen Paul
eines der Drehbücher hätte schreiben können), zusätzliche
Nacktszenen mit Brigitte Bardot, und zwar nachdem Godard die Dreharbeiten
zum Film bereits als abgeschlossen betrachtete. „Mehr Erotik!“,
das war die späte Vorgabe für Godard, die Le Mépris
schließlich als „grotesque marriage of crass exploitation
and high art“ erscheinen lasse.
Godard sei nun als Regisseur und Autor bemüht gewesen, die
nachträglichen Nacktszenen so literarisch wie möglich
zu gestalten, wobei er das Potential selbstthematischer Seitenhiebe
auf seine Produzenten zur Genüge ausschöpfte. So stellt
schon die zweite Einstellung einen auffälligen Kontrast her,
zwischen der nackten Bardot und dem bekleideten Michel Piccoli,
der vielleicht deutlich macht, wie das Kino die Welt unserer Bedürfnisse
sieht.
Dieser symbolische Kontrast
zwischen dem bekleideten Betrachter und dem entkleideten Objekt
findet schon in der Malerei des neunzehnten Jahrhunderts einen
berühmten Vorläufer. So erregte bereits Cézannes
Bild „Eine moderne Olympia (1873-74)“ Aufsehen,
weil auch hier der Betrachter (bzw. die Beobachtung) mit ins
Bild genommen und sein Begehren offengelegt wird. Zudem stelle
der bekleidete Beobachter einer sich auf dem Bett räkelnden
Nackten ganz offensichtlich ein Selbstportrait Cézannes
dar, so daß sich auch hier bereits ein selbstthematisches
Motiv finde. Die bekleidete Subjektivität kollidiert
mit nackter Objektivität; das Bild galt damals als eine
„Vision wollüstigen Vergnügens“, die
die Welt unserer Bedürfnisse offen legt. |
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Das extrinsische Element des bekleideten Malers dringt auch hier
auf die Bildebene ein, wo nun ein Kontrast entsteht, der die dialogisch
präsentierte Wollust auf metalogischer Ebene in die Aussage
sexueller Verbitterung des Künstlers umschlagen lässt.
Welche Rolle spielt Paul in dieser Welt? Er besitzt zwar einen
Revolver, ist aber kein Westernheld. Er ist überzeugt, Odysseus
zu verstehen, gibt aber später Fritz Lang Recht, wie die Odyssee
verstanden werden muß. Godard selbst beschreibt ihn als einen
Wants-to-be, der abgesehen von seinen Dean-Martin-Imitationsversuchen,
mit Hut und Zigarre in der Badewanne, eher einem Charakter aus Resnais’
Last Year in Marienbad ähnele, jedoch viel lieber ein Charakter
aus Hawks Rio Bravo sein möchte. Denn hier seien Herkunft und
Vergangenheit unwichtig, stattdessen zähle einzig das gegenwärtige
Handeln des Helden. „This discription essentially translates
the Homeric hero into movie terms“, erklärt Rosenbaum,
aber es zeige dadurch auch, daß ein Revolver nicht ausreicht,
um aus Paul einen Odysseus zu machen. Auch dann nicht, wenn ein
solcher Held unseren Zuschauerbedürfnissen eher entspräche:
ein Held also, der sich, entsprechend des klassischen Schemas von
Problem und Lösung, wirklich gegen sein Schicksal wendete und
um die Liebe seiner Frau kämpfte. Doch es finden sich zwei
Charaktereigenschaften des Odysseus, die im Film den verschiedenen
Interpretationen von Lang und Paul entsprechen. Einmal der passive
und gewährende Ehemann, der, laut Paul, genug von seiner Frau
Penelope habe; und zum anderen der aktive, sich gegen die bestimmenden
Götter auflehnende Mensch, der sein Schicksal in die eigenen
Hände nimmt; der Odysseus also, der nach langer Irrfahrt in
seine Heimat Ithaka zurückkehrt und – nicht ohne List
und Plan – Penelopes Freier tötet. Vielleicht findet
sich die Gestalt des Odysseus im Film nicht in einer Person
wieder, sondern lediglich in der Symbiose von Lang und Paul, von
Regisseur und Autor. Doch wie steht es mit dem Regisseur und dem
Autor außerhalb des Films? Dient die Aufsplittung des Odysseus
im Film nicht dazu, einen künstlerischen Konflikt
dialogfähig zu machen, der auf der metalogischen Ebene des
Films mehrfach angedeutet wird? Findet sich nicht jenseits der Ausdrucksebene
der eigentliche Odysseus des Films, der Autor und Regisseur in einer
Person ist und den präsentierten Konflikt mit sich selbst und
in sich selbst auszutragen hat? Wie auch die anderen Autoren der
„Cahiers du cinéma“ gilt auch Godard als Vertreter
der Autorentheorie, die den Regisseur zum Autor und eigentlichen
Schöpfer des Films aufwertet. Damit war eine Trennung des künstlerischen
Autorenfilms und des populären Films beabsichtigt. Vor diesem
Hintergrund setzte sich der Autorenfilmer Godard mit den Arbeiten
zu seinem kommerziellsten Film Le Mépris in eine
prekäre Situation, die ihn scheinbar zu einer Gratwanderung
zwischen traditionellen Ausdrucksformen und künstlerischen
Freiheiten zwang.
In diesem Sinne nun zurück zur Bettszene. Hier lässt
sich zunächst noch eine besondere literarische Qualität
aufzeigen, die als zynisches und subversives Argument gelesen werden
könnte, das ebenfalls – wenn auch indirekt – die
Auseinandersetzungen auf der Ebene der Produktion anzeigt. Es handelt
sich um ein literarisch-poetisches Motiv, in das sich eine tieferliegende
Kalkulation verkleidet. Entgegen der traditionellen Form des dichterischen
Lobgesangs an die weiblichen Liebreize, die auf eine Art Topologie
der Weiblichkeit durch anatomische Fixierung und Normierung des
Körpers hinausliefen, übernimmt in Le Mépris
die Frau selbst diese Fixierung. Und zwar nicht um sich anzupreisen,
sondern um sich beim anderen, dem Mann, über die Wertschätzung
jedes einzelnen Körperteiles zu vergewissern. Es hat beinah
den Anschein, daß hier die weibliche CinÉrotik mit
einer guten Portion Zynismus selbst über den Warenwert bzw.
den wahren Wert ihrer Nacktheit verhandelt.
Beschriebe man diese Szene nun rein textimmanent, also ohne die
Ausdrucksebene des Films zu überschreiten, dann ließe
sich mit Farocki und Silverman sagen, daß Camille den Lobgesang
ihres Körpers selbst übernehme, um sicher zu gehen, daß
er in all seinen Facetten auf totale Anbetung und bedingungslose
Liebe stößt – „von Herzen, mit Schmerzen,
über alle Maßen“, wie Paul ihr schon zu bestätigen
weiß. Sie entreißt sich der traditionellen Position
des besungenen passiven Objekts, indem sie selbst die Poesie der
Körperlichkeit übernimmt, die von ihrer Sehnsucht nach
einer vollkommenen Liebe, die sogar der treibenden Lust (oder dem
Bedürfnis) nach Liebe entspreche, inspiriert ist. Mit dieser
Geste drückt sie eine Überschreitung aus, denn die Frau
wird jetzt zum aktiven und auf sich selbst Bezug nehmen Subjekt,
das sich beim passiv rezipierenden Du-Subjekt „Paul“
über die eigenen Reize erkundigt. Dies jedoch weniger um sie
bestätigt zu wissen, als vielmehr um Pauls Gefühle ihr
gegenüber zu erfahren. Und gleichzeitig zu dieser dialogischen
Inszenierung der Frau als dem aktiven und befragenden Subjekt, wird
sie dem Zuschauer liegend als Objekt seiner Begierde vorgeführt.
So wie Camille auf etwas anderes hinaus will, als es den Anschein
hat, so will wohl auch der Film hier etwas anderes aussagen, als
er in der romantisch inszenierten Bettszene zum Ausdruck bringt.
Dem Produzentenwunsch entsprechend präsentiert er nun plump
die Nacktheit der Bardot, die sich in der Romantik des Moments verkleidet.
Man muß jetzt über die Präsentationsebene hinausgehen,
denn das, was hier gezeigt wird, verdeckt die Realität der
planmäßigen Berechnung: einer Opferhandlung, die sich
vonseiten der Produktion in den Film einschleicht. Überdehnt
man also den Immanenzbereich des Films, so daß er auch die
Projektionsflächen Produktion und Rezeption miteinschließt,
dann wird deutlich, daß in dieser Szene nicht nur die passionierte
Liebe auf die Realität des Körperlichen zurückgeführt
wird, sondern auch der Film selbst wird auf seinen wirklichen Körper,
die Produktion, aufmerksam, die das Cinemascope-Objektiv in den
Wind einer mutmaßlichen Bedürfniswelt des Publikums hängt.
Indem das selbstreferentielle Motiv auf der Ausdrucksebene des Films
durch das „Sprechen“ Camilles in eine poetische Form
gekleidet wird, verkleidet es die Wirklichkeit in der Produktion,
wo Stück für Stück über den Körper der
Bardot verhandelt wird. Und so wie Camille die Liebe Pauls nicht
etwa hinsichtlich ihrer Persönlichkeit, sondern ausschließlich
in Bezug auf ihren Körper bestätigt wissen will, so ist
es hier gewissermaßen auch das Kino, das die Faszination des
Publikums nicht durch gezeigte Sensationen bindet, sondern diese
auf die Möglichkeitsbedingungen der Produktion bzw. den wirklichen
Körper von Produktion und Rezeption zurückführt,
um dadurch die verkleidete Komplizenschaft von Zuschauer und Produzenten
zu entblößen.
Der Einbruch des Realen in die Szene, die literarisch-poetisch
verkleidete Bloßstellung des ökonomischen Produzenteninteresses,
setzt Bild und Sprache in einen Widerspruch. Camille bricht mit
der Passivität des begehrten Objekts, indem sie die poetische
Beschreibung ihres Körpers forsch instrumentalisiert, um Pauls
Zuneigungen in Erfahrung zu bringen: Gleichzeitig drückt sich
hierin eine unterschwellige Vermarktung des Stars Bardot aus, die
gerade dadurch betont wird, daß man sie nackt auf dem Bett
liegend präsentiert. Während sie sich durch die Suche
nach einer Sprache als aktives Subjekt vorstellt, wird sie von Coultards
Kamera als das passive Objekt unseres Begehrens abgelichtet. Godard
präsentiert uns einen Star und zeigt auf unser Begehren –
aber wie steht es mit dem Genuß? Oder wo ist die erotische
Verkleidung?
Bringt Godard mit der von der Produzentenseite eingeforderten Nacktheit
der Bardot eine Erotik in den Film? Wohl kaum. Der Körper der
Bardot wird dem Zuschauer eher plump und direkt präsentiert.
So in der collagierten Zwischensequenz, die den Streit von Paul
und Camille durchschneidet: hier wird sie u.a. liegend auf einem
weißen Schafswollteppich gezeigt – eine Einstellung
die jenseits des szenischen Zusammenhangs steht und sehr plastisch,
künstlich, zusätzlich und nachträglich erscheint
–, ein anderes Mal erscheint sie auf einem blauen Untergrund
und schließlich werden Beine und Po auf einem roten Sofa serviert
(Vive la France!).

Auf dem Dach von Prokoschs Villa auf Capri wird ihre Nacktheit
dagegen nicht einmal zur Schau gestellt, sie erscheint geradezu
beiläufig, indem ein Buch Camilles Po bedeckt – was ja
auch nicht gerade unalbern wirkt, denn wer legt sich zum Sonnenbaden
ein Buch auf den Po? Die Figur der präsentierten Nacktheit,
die einfach zeigt ohne zu verbergen, die durch den Mangel an erotisierender
Verkleidungen keinerlei Begehren mehr stimuliert und den Betrachter
um voyeuristische Verschärfungen der Szenen beraubt; diese
Figur, die von jedem Zuschauer unverhüllt den Genuß erzwingt,
wiederholt sich mehrere Male im Film und erreicht in der Streitsequenz
eine besondere Intensität. Als Paul Camille fragt, warum sie
nicht mehr mit ihm schlafen wolle, zeigt sie ihm kalt und desinteressiert
die entblößte Flanke. „Also bitte, dann mach schon.
Aber schnell!“ Verkleidet durch Erinnerungsbilder, die jetzt
ebenfalls von der Präsentation Camilles Körper zerschnitten
werden, bewegt Paul sich langsam auf Camille zu. Camille macht sich
nicht die Mühe, sich wieder zu bedecken, sie bleibt nackt;
und der Zuschauer könnte fast den Eindruck gewinnen, daß
Paul kurzzeitig in die Rolle seines Agenten geschlüpft sei,
um die Nacktheit der Bardot preiszugeben. Dann aber beschimpft er
sie, daß sie sich nicht so benehmen soll, und wirft das rote
Laken wieder über ihre Flanke. Die spontane Direktheit Camilles
vermittelt fast das Gefühl, im Begehren ertappt und erkannt
worden zu sein. Was aber Paul – dem Agenten – in dieser
Szene präsentiert wird, ist eine „Erotik“, über
die er zukünftig nicht mehr verfügen kann – und
diesen Verlust will er nicht sehen.
Auch hierin lässt sich m.E. wieder eine paradoxe Schleife
herauslesen, die, von der Oberfläche ausgehend, auf die Produktionsfläche
des Films verweist. Die Bardot hat das Monopol auf die Nacktheit
– abgesehen von der Badenden. Die Nacktheit wird im Film sogar
als Metonymie des Films allgemein in Anschlag gebracht. „Film
ist etwas tolles“, hört man Paul am Set auf Capri sagen,
„kaum läuft die Kamera hängen die Mädchen ihren
nackten Hintern ins Bild.“ Die Verachtung präsentiert
uns die Nacktheit aber in einer so ehrlichen Art und Weise, daß
jeder Versuch einer Erotisierung des Körpers dem Zuschauer
selbst überlassen bleibt. Im Vergleich zu anderen Inszenierungen
fällt es nicht besonders schwer diese gestalterische „Insuffizienz“
gegenüber konventionelleren Formen festzustellen, welche die
erotische Schematisierung sozusagen als ersten Dienst am Kunden
vertreiben. Die direkte Präsentation nackter Tatsachen konfrontiert
den Zuschauer aber indirekt mit den Bedingungen seines Begehrens.
Er wird jetzt aufgrund des unverhüllt Präsentierten zu
der Erfahrung gezwungen, daß das, was man begierig ist zu
sehen, seinen Reiz in Wirklichkeit nur darin findet, daß man
es entweder nicht sieht, oder das man eben beim Sehen im Dunkeln
bleiben, d.h. sich also als interessierter Voyeur auf den diskreten
Charme des Kinos verlassen kann. Die Direktheit, in der Godard den
Körper von Brigitte Bardot vorführt, ihre auf dem Schafswollteppich
präsentierte oder servierte Nacktheit, spricht den Zuschauer
aber so unvermittelt auf sein Begehren an, daß er gewissermaßen
unter „Genusszwang“ gestellt wird.
Auch hierfür hält die Malerei ein
ähnliches Werk bereit. Die Olympia (1863) von Manet,
die zehn Jahre später von Cézanne zitiert werden
sollte, sorgte bei ihrer Ausstellung für einen Skandal.
Das Bild zeigt eine nackte Prostituierte bei harscher Ausleuchtung,
die zudem noch den Betrachter direkt anblickt, sodaß
das Gemälde jede damals übliche Idealisierung einer
Kurtisane ganz bewußt unterläuft. Auch hier wurde
das dargestellte Objekt als eigenständiges Individuum
präsentiert, das den Betrachter in seinem Sehen beobachtet
und ihn relativ unvermittelt auf sein Begehren anspricht. |
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Und so ist es nun in Le Mépris nicht allein Paul,
der zu sehen bekommt, was er in Zukunft nicht mehr zu sehen bekommen
wird, sondern auch der Zuschauer wird auf Erotisierungen aufmerksam
gemacht, die der Film nicht zu geben bereit ist. Die dialogisch
inszenierte Verachtung Camilles gegenüber Paul findet hier
vielleicht ein metalogisches Pendant, das im künstlerischen
Interesse des Autorenfilmers die Zuschauer- und Produzentenbedürfnisse
gegeneinander ausspielt.
Ganz ähnlich wie den durch Opfergaben betrogenen Göttern
oder dem Kinopublikum muß es hier wohl auch den Geldgebern
Godards ergangen sein, die zwar bekommen, was sie von ihm verlangt
haben, andererseits aber leer ausgehen, weil er ihnen gerade damit
genau das nimmt, was sie sich eigentlich wünschten. Sie wollten
mehr Nacktszenen mit der Bardot und wünschten sich einen erotischen
Film. Indem Godard die blanke Nacktheit zeigt, entkleidet er den
bardotschen Körper aber um jede Erotik: er führt ihn in
seiner Nacktheit vor, aber nicht in unserer Erotik; er verweist
den Konsumenten hiermit auf seine Eigenleistungen und zeigt ihm
damit genau das, was er im Cinemascope nicht zeigt: die wirkliche
Welt seines Begehrens. Indem er seinen geldgebenden Göttern
die Nacktheit der Bardot opferte, betrog er sie um die im Film gewünschte
Erotik; und indem er dem vom klassischen Realismus verwöhnten
Zuschauer die Nacktszenen nachträglich und unverhüllt
vorsetzt, so betrügt er diesen um das ersehnte Simulation einer
imaginären Bedürfniswelt.

Ein Bardot-Film ohne Erotik ist wohl wie ein Western ohne Tote
– in jedem Fall sind nicht nur die Produzenten, sondern immer
auch die Zuschauer die Betrogenen. Das Opfer auf der Ausdrucksebene
impliziert den Betrug ebenso auf der Produktionsebene des Films
wie auch in der Rezeption. Und doch bleibt Godard indem er betrügt,
letztendlich ehrlich. Er lässt sich nicht korrumpieren von
den Zwängen seiner Irrfahrt. Er durchsteht die Odyssee der
italo-amerikanischen Koproduktion durch die List eines oberflächlichen
Nachgebens gegenüber seinen Geldgebern, womit er aber unterschwellig
ihre an Konsumentenbedürfnissen orientierten kommerziellen
Erwägungen bloßstellt. Und auf der Inhaltsebene des Films,
der intrinsischen Dimension der Selbstthematisierung, stellt sich
nun die offenbleibende Frage, um was Fritz Lang Prokosch bereits
betrogen haben mag, wenn dieser nach mehr „Mehr“ verlangt.
Die Kunst sucht nach Beutungsträgern, so Lotman, die sich
nur in den seltensten Fällen – oder nie, so Horkheimer
und Adorno – mit geschäftlichen Interessen verbrüdern
lassen. Die Auseinandersetzungen zwischen Geschäft und Kunst
scheinen der immanente Konflikt des Kinos zu sein. Was der Film
Le Mépris zeigt ist die asketische Schamlosigkeit eines Kunstwerks,
was er aussagt ist vielleicht unter anderem Godards Verachtung gegenüber
einer vermarktungsorientierten pornographischen Prüderie eines
wechselseitig konditionierten Produzenten- und Zuschauerbegehrens.
„Le Mépris ist ein komplizierter Film“,
erklärt Godard im Presseheft zur Erstveröffentlichung
des Films, „…über das Geld und die Kunst und darüber,
was beides miteinander zu tun hat.“ Die Verachtung legt ein
Bekenntnis ab von der künstlerischen Odyssee zwischen Charybdis
und Szylla, zwischen den beschränkenden Einforderungen der
ungeheuerlichen Sponsoren (Szylla) und den verschlingenden Bedürfnisstrudeln
des Publikums (Charybdis). Die einzige Möglichkeit, diese Enge
zu passieren, scheint der Bezug des Kinos zu sich selbst zu sein.
Hierzu verschmelzen das Dargestellte und das Darstellende in dem
Zur–Schau–stellenden, das im Zuschauenden einen Komplizen
geschaffen hat. In diesem Wirrwarr reserviert Godard sich selbst
die letzten Worte, und zwar gleichzeitig vor der Kamera, als Godard
in der Rolle von Langs Assistenten, und als Regisseur hinter der
Kamera: „Ruhe! – Bitte Ruhe.“
Literatur
- Farocki, Harun und Kaja Silverman, Le Mépris, in: Über
Godard sprechen, http://www.kreimeier-online.de/Mepris.htm,
11.11.2001
- Le Mépris in der Internet Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0057345,
28.5.2006
- Hölderlin, Friedrich, Sämtliche Werke und Briefe
1-4, Berlin 1995
- Horkheimer, Max & Theodor W. Adorno, Odysseus oder Mythos
und Aufklärung, in: Dialektik der Aufklärung, Ffm 1991
- Lotman, Jurij, Probleme der Kinoästhetik. Einführung
in die Semiotik des Films, Ffm 1977
- Lucie-Smith, Edward, Bildende Kunst im 20. Jahrhundert, Köln
1999
- Metz, Christian, Probleme der Denotation im Spielfilm, in:
Franz-Josef Albersmeier, Texte zur Theorie des Films, Stuttgart
1979, 324-373
- Nietzsche, Friedrich, Die Geburt der Tragödie, in: Werke
I, 21-134
- Rosenbaum, Jonathan, Critical Distanz, http://www.chireader.com/movies/archives/0997/
09057. html, 11.11.2001
- Schleicher, Harald, Film-Reflexionen. Autothematische Filme
von Wim Wenders, Jean-Luc Godard und Federico Fellini, Tübingen
1991

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