Stefanie Stallschuss
Der Mangel als Treibstoff
Die Diskussion um eine „European Kunsthalle“
in Köln, nebst einigen allgemeinen Überlegungen zu neuen
und alten Abhängigkeiten im gegenwärtigen Ausstellungsbetrieb
„Ich schreibe als Weltbürger“ erklärte die
Ich-AG Friedrich von Schiller im Jahr 1784, und wendete damit ins
Positive, was im Grunde genommen eine persönliche Tragödie
darstellte: nach dem Erfolg seiner als Agitprop verdächtigten
„Räuber“ und dem damit einhergehenden politischen
Druck musste er aus Württemberg fliehen und sich als freier
Schriftsteller durchschlagen. Es folgten ruhelose Wanderjahre unter
prekären finanziellen Umständen durch die deutsche Staatenlandschaft.
Aus der Not des Exils eine Tugend zu machen: darauf verstanden sich
auch – waren die Zeiten, Charaktere, Anlässe selbstverständlich
jeweils andere – so unterschiedliche Persönlichkeiten
wie der Gesellschaftskritiker Diogenes von Sinope, der umtriebige
Architekt und Gestalter Hans Vredeman de Vries oder die Zeit ihres
Lebens auf Unabhängigkeit bestehende Schriftstellerin Annette
Kolb. Das Etikett des Europäers oder Kosmopoliten ist selten
auf eine freiwillige Entscheidung zurückzuführen, im Gegenteil
entspringt es politischer Verfolgung, wirtschaftlichen Zwangslagen,
fehlender Zukunftsperspektiven. Findet man die früheren Türen
zeitweilig oder endgültig verschlossen, dann entschädigt
der „europäische“ Entwurf für zurückliegende
Enttäuschungen.
So weit zur historischen Genese einer europäischen Identität.
Die genannten Beispiele beziehen zwar noch auf das Individuum und
sein persönliches Einzelschicksal, es ist aber durchaus möglich
eine Analogie zu größeren sozialen Einheiten herzustellen.
Denn vor dem oben beschriebenen Hintergrund erscheint das Projekt
einer „Europäischen Kunsthalle“ etwas weniger befremdlich,
aber immer noch exzentrisch genug. Hätte man je davon gehört,
dass ein europäisches Schauspielhaus oder eine europäische
Philharmonie als Institution ins Leben gerufen worden wäre?
Wohl kaum. Und doch, bei näherer Betrachtung erscheinen die
Ereignisse in der mit Kunsthäusern nicht geizenden Rheinmetropole
Köln weniger als Anomalie denn als Zeichen der Zeit. 1967 wurde
im Zentrum der Stadt die Josef-Haubrich-Kunsthalle eingeweiht, mit
der klar gegliederten Glasfront und strukturierten Betonfassade
ein typischer, funktionaler Bau der heute so unbeliebten Nachkriegsmoderne.
Fortan fanden hier thematische Großausstellungen mit alter
und neuer Kunst ein Forum, die in den übrigen Museen aus Platzgründen
nicht gezeigt werden konnten. Seit 2002 nun ist das alte Haus abgerissen,
an dessen Stelle ein neues und repräsentativeres Kulturzentrum
treten sollte. Doch der Neubau ist aus finanziellen Gründen
und innerstädtischen Zwistigkeiten auf die nahe Zukunft verschoben,
möglicherweise von der Kulturpolitik auch schon unter der Hand
ad acta gelegt. In Zeiten, in denen sich die Haushaltssperre zum
jährlich wiederkehrenden Naturschauspiel gemausert hat, kann
eine solche Entschleunigung der Stadtentwicklung nicht weiter verwundern,
ja mittlerweile scheint man sich an den Anblick der sichtlichen
Baulücke gewöhnt zu haben.

Einer privaten Initiative verdankt es sich, dass die Erinnerung
an den ehemaligen Kunstort nicht ganz verschwunden ist, die Diskussion
um den Bedarf eines Ortes für größere Wechselausstellungen
und um die Verantwortung der Stadt, die städtebauliche Wunde
im Zentrum zu schließen, immer wieder aufs Neue entflammt.
Der letzte Vorstoß des von Kölner Kunst- und Kulturschaffenden
getragenen Vereins namens „Loch e.V.“ – der Name
verweist auf die sichtbare Lücke im Stadtbild – bestand
darin, einen Gründungsdirektor für eine zukünftige
„European Kunsthalle“ zu benennen. Ein tollkühnes
Postulat, verfügt man doch weder über ein Haus noch finanzielle
Mittel, und mit jedem weiteren Jahr, das ins Land geht, verschwindet
auch der ehemals gute Leumund der Kunsthalle. Dieser Mangel aber
lässt sich in einen strategischen Vorteil verwandeln, weil
er die Chance bietet, zunächst noch außerhalb realer
Sachzwänge über Inhalte nachzudenken und ein alternatives,
der Gegenwart verpflichtetes Konzept zu entwickeln. Wer ein wenig
Trotz aus dem Zusatz „Europa“ heraus hört, vielleicht
auch eine Spur Ungeduld, weil sich die Kölner mit ihrer Kunsthalle
so schwer tun, der mag nicht ganz falsch liegen. Mit dem performativen
Sprachakt, dem künftigen Ausstellungshaus eine europäische
Ausrichtung zu geben, prescht das Kölner Projekt mit einem
forschen Dreisprung hinein ins politische Zentrum und macht sich
zum Vorreiter einer fälligen kulturpolitischen Debatte.
Dabei ist die Frage nach der Dimension des Europäischen nur
eine unter vielen drängenden, der sich das Gründungsteam
um Nikolaus Schafhausen und nicht zuletzt auch die Kölner Öffentlichkeit
zu stellen haben, wenn ein neues Ausstellungshaus mit Zukunftsperspektive
entstehen soll. Allerorten spricht man über die Euphorie und
die Aufmerksamkeit, mit der die bildende Kunst gegenwärtig
inszeniert, bestaunt und gehandelt wird (Rauterberg 2006). Während
die global „player“ die zeitgenössische Kunst auf
Erfolgskurs führen, sehen sich die Museen und Ausstellungshäuser
auf der regionalen Ebene jedoch erheblichen strukturellen Problemen
gegenüber, die sich seit den neunziger Jahren in den Grundzügen
nur unwesentlich verändert haben, möglicherweise aber
noch drängender geworden sind. (Kube Ventura 1997 und 2002).
Mit einer ehrgeizigen Veranstaltungsreihe, die an jedem der einundreißig
Abende des Monats März zu Vorträgen und Diskussionsrunden
einlud, wurden aktuelle Tendenzen, Entwicklungen und Zwangslagen
des Kunst- und Kulturbetriebs aufgegriffen und mit unterschiedlichsten,
internationalen Vertretern aus Theorie und Praxis debattiert. Ein
willkommener Nebeneffekt des diskursiven Kraftaktes: die relativ
stabilen Besucherzahlen belegten den Enthusiasmus der interessierten
Öffentlichkeit, wenn sich auch die persönliche Beteiligung
der etablierten Kulturvertreter eher in Grenzen hielt.
Den programmatischen Auftakt der Veranstaltung bildete ein Vortrag
zum Phänomen der schrumpfenden Städte. Durch den wirtschaftlichen
Strukturwandel sind zahllose Städte und ganze Regionen in Ost-
und Westeuropa mit den Problemen des Bevölkerungsschwundes,
hoher Arbeitslosigkeit und Überalterung ihrer Einwohner konfrontiert.
Aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich dieser Trend mit der zunehmenden
Globalisierung noch verstärken und in ganz Europa weiter ausbreiten.
Die ansässigen Kulturinstitutionen geraten mit dieser Entwicklung
unter erheblichen Druck; Fusionen von Theatern und Orchestern oder
auch Schließungen von Einrichtungen sind die Folge. An diesem
Beispiel aktueller gesellschaftlicher Umbrüche wird das große
Manko der traditionellen Institutionen mit ihren festen Häusern
und einem verbindlichen Mitarbeiterstab sichtbar: es bleibt ihnen
kaum Spielraum flexibel auf veränderte Rahmenbedingungen und
Anforderungen zu reagieren.
Aber selbst in prosperierenden Gegenden sind die öffentlichen
Ausstellungshäuser zunehmend gezwungen, ihre inhaltliche Arbeit
nach ökonomischen Kriterien auszurichten. So herrschte bei
den Veranstaltungen ein gespenstisch anmutendes Einvernehmen, wenn
es darum ging, die fortschreitende Delegierung der Kunst an den
Markt und private Sponsoren festzustellen. Nennenswerte Alternativen
oder Gegenbewegungen zu dieser Entwicklung scheint es nicht zu geben
und liegen wohl auch nicht im Bereich des Vorstellbaren, da die
öffentliche Hand sich mehr und mehr aus der finanziellen Verantwortung
für Bildung und Kultur zurückzieht. Wenn es noch zu Investitionen
im Bereich Kunst und Kultur von öffentlicher Seite kommt, dann
mit der Maßgabe den Konsum- und Erlebnisstandort im Sinne
eines „branding“ aufzuwerten – man spricht in
diesem Fall auch vom Bilbao-Effekt. Barbara Steiner von der Galerie
für Zeitgenössische Kunst in Leipzig fragte in diesem
Zusammenhang nach der ambivalenten Rolle von Kunst und Kultur, die
als Imageproduzent in die Bresche springen darf. Während in
einer Podiumsdiskussion mit Leitern der privaten Förderprogramme
das Sponsoring als gegenseitiges Geben und Nehmen zwischen Unternehmen
und Kunstinstitutionen beschrieben wurde, zeigte der Beitrag von
Anthony Davies aus London, wohin das professionell aufgezogene Tête-à-tête
mit den Partnern aus der Wirtschaft führt. So sind die großen
Museen in England dazu übergegangen eigene Clubs als Netzwerke
für Kreative und Wirtschaftsexperten ins Leben zu rufen, deren
Sinn und Zweck in der Hauptsache darin besteht, Geschäftsideen
zu bewerben und zur Realisierung zu führen. Obwohl die Museen
noch mit dem Anspruch auftreten, Sphären der allgemeinen Öffentlichkeit
zu sein, kommt ihnen dieses ererbte bürgerliche Leitbild in
der Praxis schleichend abhanden. Umtriebe dieser Art und intransparente
Verflechtungen mit privaten Interessen schüren ein Misstrauen
gegenüber den großen Institutionen, in denen –
ob nun gewollt oder notgedrungen – die Kunst zum Event aufgemotzt,
die Ausstellung zum Label degradiert wird und die kritische Auseinandersetzung
allenfalls als stilvoller Appetizer überlebt.
So erklärt sich, warum das Gründungsteam der „European
Kunsthalle“ einen Kunstraum ohne festen Ort zu favorisieren
scheint. Doch wie könnten flexiblere Modelle für ein offiziöses
Kunstsystem praktisch aussehen, und: lassen sich so tatsächlich
kreative Freiräume wiedergewinnen? Als Vorbild dienen zunächst
die Künstlerinnen und Künstler, die sich selbst als strategische
Akteure verstehen und bestehende Kontexte aufgreifen und manipulieren.
Das Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset etwa berichtete
über die Serie der „powerless structures“, die
im Grenzbereich von Design und Performance den Ausstellungsraum
als weiße, künstliche Zelle ironisiert und ihn seiner
auratisierenden Autorität enthebt. Auch der Architekt David
Adjaye, von der britischen Kunstkritik zum derzeitigen Shootingstar
ausgerufen, plädiert dafür vorhandene Bausubstanz und
die Gebrauchsspuren der Stadt in seine Gebäude hineinzunehmen.
Insbesondere wenn es sich um städtische Funktionsbauten handelt,
wie zum Beispiel der „Idea Store“ in Tower Hamlets,
dem als Stadtteilbibliothek und Gemeindezentrum in einem Londoner
Problemviertel mit subversiver Geste die Aktivitäten der benachbarten
Einkaufspassage buchstäblich einverleibt werden. Ein nachahmenswertes
Beispiel?
Erste Aufschlüsse hierzu lieferte eine Studie junger Architekten
und Designer, die integraler Bestandteil der Gründungsphase
der „European Kunsthalle“ ist. In Zusammenarbeit mit
der technischen Hochschule Aachen wurden die Strategien verschiedener
europäische Institutionen wie ArtAngel in London, das europäische
Kunstfestival Manifesta, das Witte de With in Rotterdam und Iaspis
in Stockholm auf den Prüfstand gestellt. In einer Hinsicht
sollte man sich nichts vormachen: der Abschied vom geschützten
Kunstraum und die Umstellung auf ein Produktionsbüro, das als
ein Knotenpunkt dezentraler Netzwerke agiert, wird zu anderen Abhängigkeiten
führen. Mit jedem neuen Kurator wird sich die Institution neu
erfinden müssen, kohärente programmatische Ausrichtungen
werden unwahrscheinlicher, und ein jedes Projekt wird eigenständig
seine Finanzmittel zu aquirieren haben, also mit seinen jeweiligen
Inhalten dem goodwill der Geldgeber noch stärker ausgeliefert
sein. Man würde es damit – bei aller Kritik an der Kommerzialisierung
des Kunstsystems – paradoxerweise den Organisationsformen,
wie sie sich seit einiger Zeit in Wirtschaftsunternehmen abzeichnen,
nachtun.
Auf eine interessante Idee aus der erwähnten Studie sei zum
Schluss noch hingewiesen. Unter der Bezeichnung „parasitäre“
Kooperation wurde ein Modell für eine dezidiert europäische
Ausrichtung der künftigen Einrichtung vorgestellt. Es schlägt
vor, eine enge Zusammenarbeit mit anderen europäischen Institutionen
anzustreben, um die im regionalen Kontext entstandenen Ausstellungen
regelmäßig auf Grande Tour zu schicken. Das würde
es erlauben, die jeweiligen Perspektiven der Nachbarländer
auf das seit langem internationalisierte Kunstgeschehen mit schöner
Regelmäßigkeit auf den heimischen Bildschirm zu holen
und auch dem allgemeinen Publikum zugänglich zu machen. Vielleicht
würde sich dann endlich auch im deutschen Feuilleton eine nicht-provinzielle,
europäische Kunstkritik herausbilden? Die Konsequenz wäre
eine Art Kunst-Monade mit Fenster zur Welt – wenn das kein
lockendes Versprechen ist!
Weitere Informationen zu den Gründungsanstrengungen der „European
Kunsthalle“ und dem Fortgang des Projekt unter http://www.eukunsthalle.com
Literatur
- Kube Ventura, Holger: Spielmarken Lust, Ausweg Glück –
neue Strategien, im oder gegen das Kunstsystem?, in: LAB. Jahrbuch
1996/97 für Künste und Apparate, hg. v. der Kunsthochschule
für Medien Köln, Walther König: Köln 1997,
S. 106-113
- Kube Ventura, Holger: Politische Kunst. Begriffe in den 1990er
Jahren im deutschsprachigen Raum, Wien: Ed. Selene 2002
- Hanno Rauterberg: Heiß auf Matisse, in: Die Zeit Nr. 17,
20.04.2006
|