Ralph Buchenhorst
Die Kunst konsensfähiger Erinnerung
Über Versuche der Verbildlichung des Genozids im öffentlichen
Raum

Über zehn Jahre wurde die Diskussion über ein in Berlin
zu errichtendes Denkmal für die ermordeten Juden Europas geführt,
bis dieses schließlich im Mai 2005 eingeweiht wurde. In der
Folge ging die Öffentlichkeit auf multiple Weise mit ihm um.
Die Stelen, die engen Gänge, der Ort der Information und seine
Archive, gerade die Tatsache, daß das Denkmal begehbar ist,
laden zum Experimentieren ein. Nun hatten sein Autor, der Architekt
Peter Eisenman, und die für das Projekt verantwortliche Stiftung
erwartet, daß im Begehen des Werks sich ein Gefühl der
Verunsicherung einstelle und damit die im strukturellen Aufbau des
Denkmals inhärente Instabilität erfahrbar würde.
In der Realität bot sich oft ein anderes Bild: man nutzte das
Denkmal als Spielplatz, als Hintergrund für fröhliche
Familienfotos, als Picknickstelle, und den Ort der Information ganz
pragmatisch, um ein ehemaliges Familienmitglied oder einen Bekannten
im Archiv von Yad-Vashem aufzufinden. Mittlerweile baut ein privater
Investor neben dem Gedenkkomplex einen großen Gastronomie-Pavillon.
Man kann das verhöhnen, kritisieren oder gutheißen. Oder
aber man kann darüber nachdenken, wie diese multiplen Zugangsweisen
den Kunstbegriff selbst transformieren, wenn er mit Öffentlichkeit
konfrontiert wird. Die Frage stellt sich also, wie sich Diskursvielfalt
und Forumsqualität im Werk selber konzeptualisieren lassen.
Dazu sollen
- die Argumente der Berliner Denkmalsdiskussion noch einmal auf
Widersprüche überprüft
- vor allem das Argument der Überlegenheit der authentischen
Stätte des Verbrechens analysiert werden, um
- diese Konstellation in der Geschichte der kulturellen Moderne
angemessen zu situieren.
Die Kapitel 4 bis 6 versuchen dann im Vergleich mit weiteren Denkmalsentwürfen
im Kontext der Erinnerung politischen Terrors angemessenere ästhetische
Formen des Umgangs mit der unausgesetzten Produktion von Differenz
in aktuellen Gesellschaften herauszuarbeiten.
I. Berliner Denkmalstreit revisited
Unübersichtlichkeit schien das konsensfähigste Charakteristikum
der Diskussion über ein Denkmal des Holocaust in Deutschland
zu sein. Das hat seinen Grund. Die Aufgabenstellung konnte sich
an keinerlei Vorgängerinnen orientieren. Sie war ein ikonographisches
und kulturpolitisches Novum. In der Hauptstadt eines Landes sollte
weder der eigenen Opfer einer Katastrophe gedacht noch ausgewählte
Repräsentanten glücklicherer Tage ihrer Kultur gefeiert
werden. Die Folie bildete das eigene Verbrechen. Zudem ein Verbrechen,
dessen meistgenannte Epitheta „unbegreiflich” und „unvorstellbar”
alles andere als rhetorisch gemeint sein wollten und die Geschichte
dieses Landes retroaktiv prägten. Da die Einschätzung,
daß die Schuld schwer wiegt, international geteilt wurde,
suchte man verständlicherweise nach einer Symbolik, die der
Breite und Tiefe dieser Einschätzung gerecht werden konnte.
Vor diesem Hintergrund einer künstlerischen Umsetzung des
Endes der humanistischen Idee Alteuropas wurde auch die Frage nach
dem Ende der Kunst wieder gestellt. Verfügt die zeitgenössische
Kunst überhaupt über Ausdrucksmittel, um wenigstens einer
Annäherung an das geschichtliche Ereignis zur Darstellung zu
verhelfen? Existiert eine tragfähige zeitgemäße
Denkmalästhetik? In einem Stadium der Kunstentwicklung generell,
das als einzige Konstante die Negierung einer einheitlichen Ästhetik
kennt? Die Aufgabe schien a priori unlösbar, weil das in Frage
stehende historische Ereignis immer wieder mit einem Bildverbot
belegt wurde.
Die Möglichkeit eines Scheiterns des Mahnmals war für
meine Begriffe jedoch nicht in der Entwicklung der Kunst in den
letzten 50 Jahren angelegt, sondern in der kulturpolitischen Aufgabenstellung
selber. Diese Aufgabenstellung wiederum ist Ausdruck einer Ideologie
urbanen Verhaltens und Denkens. Ein durchgängiges Charakteristikum
der Moderne scheint zu sein, von Architektur und Kunst im urbanen
Raum im Grunde immer die Repräsentation des Ganzen in jedem
einzelnen Artefakt zu verlangen. Seit den späten siebziger
Jahren zeugen die großen Museumsprojekte für moderne
Kunst von diesem Repräsentationswillen – man erwartet
von ihnen eine repräsentative Auswahl und Ausstellung mehrerer
Generationen von Kunstprodukten. [Diese Entwicklung hält
ungehindert an; siehe dazu als Überblick: Museen für ein
neues Jahrtausend. Ideen Projekte Bauten, Katalog zur gleichnamigen
Ausstellung, hrsg. V.M. Lampugnani u.a. Sachs, München, London,
New York 1999] In ähnlicher Manier von einem Mahnmal eine
universal gültige Symbolisierung eines in der Geschichte der
Menschheit in jeder Hinsicht einschneidenden Ereignisses zu erwarten,
stellt wohl eine klare Überforderung des Mediums Kunst dar.
Zumal es hier nicht nur um das Ereignis selbst geht, sondern vielmehr
um die Art und Weise, wie Täter, Opfer und Anteilnehmende sich
seit einem halben Jahrhundert in ihrer Geschichtsschreibung auf
es beziehen. Das Auswahlverfahren spiegelte wider, daß man
um eine weltweite Beobachterschaft wußte. Die Auslober wollten
sich aus der Affäre ziehen, indem sie ihren Anspruch so imperativisch
und gleichzeitig so undifferenziert wie möglich formulierten.
Nachdem die Moderne feststellen mußte, daß der Anspruch
universaler Repräsentation von einer erschöpften Religion
nicht umstandslos auf die Kunst übertragen werden kann, war
es seltsam anzusehen, wie er in vielen Diskussionsbeiträgen
um die Mahnmal-Entwürfe fröhliche Urständ feierte.
Womöglich steckte das Bedürfnis dahinter, in der gesuchten
Verbindung von Symbol und Genozid noch ein letztes Mal die Frage
nach dem Absoluten zu stellen.
Nach einer ersten Prüfung der Diskussionsbeiträge waren
drei Strategien auszumachen. Eine setzte auf den traditionellen
Geschmack einer an Kongruenzbindung gewöhnten Öffentlichkeit.
Zwischen Form und Inhalt müssen sich demnach anschauliche Übereinstimmungen
herstellen lassen. Die Kunst der Moderne hat aber dem Plakativ-Figürlichen
längst eine Absage erteilt, nachdem sich die Entwicklung der
ästhetischen Ausdrucksformen am Prinzip permanenter Innovation
orientierte. Heute ist jedes ästhetische Element, selbst die
Form an sich, unheilbar mehrdeutig. Die zweite Strategie machte
aus dieser Not eine Tugend. Da eine naiv-eindeutige Versinnbildlichung
der Shoah unerträglich banal wäre, setzte man auf eine
abstrakte Konstruktivität, die das Symbolische zugunsten einer
dezentrierten, die individuelle Erfahrung mit historischen Kontexten
herausfordernde Formensprache aufgibt. Schließlich gab es
eine aus dem Blickwinkel der beiden anderen defaitistische Position,
die es von vorneherein gewußt haben wollte, daß die
Kunst an dieser Aufgabe scheitern muß. Die verschiedenen Wettbewerbsbeiträge
hätten gezeigt, daß eine verantwortungsvolle Lösung
nicht erzielt werden könne.
In der Diskussion um die Konzeption eines Shoah-Denkmals in Berlin
war einhellig eine Zentralfrage, inwieweit heutige Kunst und Architektur
dazu beitragen können, einen öffentlichen Raum für
die Erinnerung an ein geschichtliches Ereignis sui generis zu schaffen.
In der Beurteilung der Ausschreibung des Projektes und den eingesandten
Entwürfen wies man dann zumeist auf das Problem der Inadäquatheit
hinsichtlich des zu Gestaltenden hin. Man sah Monstrositäten
überall. Auch nach einem jahrelangen Diskussions-Marathon blieb
ein scheinbar unausrottbares Unbehagen. Einer der empfehlenden Sachverständigen,
Werner Hofmann, erklärte in einem abschliessenden Manifest,
es bleibe zweifelhaft, ob „künstlerische Mitteilungsformen
überhaupt angemessen imstande sind, die Massenvernichtung in
eine anschaubare Form zu bringen … Nicht nur alle Übereinkünfte
des Humanismus, auch alle formalen (und inhaltlichen) Grundlagen
der Künste wurden damit fragwürdig. Die Beschädigung
des Menschen übertrug sich auf den Kunstbegriff, der davon
nachhaltig verletzt wurde.” [Hofmann, W., Stellungnahme
zum „Denkmal für die ermordeten Juden Europas”,
in: Heimrod, U. et al. (Hg.), Der Denkmalstreit – das Denkmal?,
Berlin: Philo 1999, S.935] Man kam immer wieder auf das Problem
der Darstellbarkeit eines per definitionem Undarstellbaren zurück.
Da kein Entwurf an der Darstellung (oder der bloßen Negation
jeder Darstellung) vorbeikommt, waren alle Versuche in dieser Hinsicht
von vorneherein diskreditiert. Ähnlich verhielt es sich mit
der Beziehung zwischen Denkmal und urbanem Umfeld. Sie trug aporetische
Züge. Zeigte ein Entwurf die Intention, das Werk in sein Umfeld
einzubinden, forderte er die Kritik heraus, er diskreditiere und
homogenisiere ein singuläres, jede Homogenität negierendes
historisches Ereignis. Gab sich ein Entwurf monolithisch und solitär,
wurde ihm Arroganz und Hybris vorgeworfen, das Ästhetische
nicht in den größeren Kontext des Sozialen einzubinden.
Der Eindruck kam auf, in letzter Konsequenz gehe es nicht mehr um
die Darstellung der Opfer, sondern um die Darstellung
selbst als Opfer – einer postulierten Unmöglichkeit.
II. Das ikonographische Dilemma
Das Abbild- oder Simulationstheorem bildete also für viele
Kritiker des Mahnmalverfahrens die entscheidende Folie. Das Bildverbot
machte sich dabei immer wieder geltend: Unmöglich sei die Verbildlichung
der massenhaften Ermordung, ebenfalls unmöglich die Symbolisierung
des Leids der Ermordeten, und erst recht die einer wie auch immer
gearteten Sühnung oder Identifikation mit den Opfern. Mit welcher
Inbrunst jede vorsichtige symbolische Annäherung an die Erinnerung
des Opferdaseins verhindert werden soll, zeigen kategorische Stellungnahmen
wie folgende: „Das Leid der Opfer ist und bleibt … das
Leid der Opfer, daran einfühlend und auf Dauer teilhaben zu
wollen ist unmöglich.” [Dolff-Bonekämper, G.,
„Der geliehene Schmerz. Das Holocaust-Denkmal und die politische
Emotionalität”, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.02.1997,
wiederabgedruckt in: Jeismann, M., Mahnmal Mitte. Eine Kontroverse,
Ostfildern: DuMont 2002, S.186] Mitgefühl, im Alltag Ausdruck
veritabler sozialer Kompetenz – beim Gedenken an den Holocaust
soll es nicht zugelassen sein. Man beginnt, Serras Stellungnahme
zu seinem Ausstieg aus dem Mahnmal-Projekt zu verstehen: „Aber
wenn Sie deren (der intellektuellen Linken in Deutschland) Argumente
analysieren, wie die von Günter Grass, dann sagen sie nichts
anderes, als daß es kein Symbol gibt, das die Schuld ausdrücken
kann, und die Schuld müßte gezeigt werden. Daher, glaube
ich, möchte die Linke das Denkmal letztlich nicht, weil sie
nicht an die Schuld erinnert werden will.” [Serra, R.,
„Warum ist das Holocaust-Mahnmal unmöglich, Mister Serra?
Interview mit Richard Serra, Der Tagesspiegel vom 25.11.1998, wiederabgedruckt
in: Der Denkmalstreit – das Denkmal?, a.a.O., S.1169]
Auf der anderen Seite war allen Beteiligten klar, daß man
die Zuflucht zu einem völlig abstrakten skulpturellen Raum
nur schwer erklären könnte. Der Bezug zum Genozid musste
sich in irgendeiner Weise konkret herstellen lassen, sonst hätte
man sich unweigerlich dem Vorwurf der Beliebigkeit ausgesetzt. Wie
verhielt sich Eisenman zu dieser Forderung? Der Autor des Stelenfelds
ließ zwar Assoziationen zu, die auf den jüdischen Friedhof
in Prag verweisen, und brachte selbst den Bezug zur Moschee in Cordoba
ins Spiel, grundsätzlich jedoch wollte er sich auf keinen platten
Symbolismus einlassen. Entsprechend begegnete er dem Vorwurf, an
dem Entwurf weise nichts auf jüdische Kultur hin, mit dem Argument,
das jüdische Symbol katexochen sei ja gerade, keine Symbole,
keine Bilder zu haben.
Was jedem Entwurf vorgeworfen werden kann, ist natürlich, daß
er einer Legitimationsformel entbehrt, die in diesem Fall noch immer
den größten Entlastungseffekt für Initiatoren erbracht
hat: Authentizität. Heinz Dieter Kittsteiner hatte deshalb
zu Recht den Unterschied zwischen Überrest und Denkmal in die
Diskussion eingebracht. Der berüchtigten Bahnrampe im KZ Auschwitz
kann natürlich niemand den Vorwurf machen, sie spiele sich
zum Symbol für etwas so Unbegreifliches auf, daß jede
formale Kondensierung Anmaßung ist. Ihre Berechtigung erhält
sie schlicht dadurch, daß an ihr wirkliches Blut klebt. Bei
einer unübersehbar gewordenen Argumentlage vertraute man deshalb
lieber auf die Dignität des „Hier ist es geschehen …”
Wer die wirkliche Konfrontation mit den Spuren der unfassbaren Gewalt
sucht, sollte sie dort am Gleiskörper und in den Baracken ablesen.
Denn für dieses Blut scheint es keine allgemeingültige
Transsubstantiationslehre zu geben. Jedes interpretierende Dazwischentreten
wird von jenem Purismus als Entweihung, Verniedlichung oder künstliche
Finalisierung des Gedenkens entlarvt. Die Aura des Dabeigewesenseins,
die auch Objekte umgibt, kann kein Mahnmal erzeugen. Gilt das aber
als einziger Berechtigungsgrund für ein Gemahnen, sind alle
Entwürfe immer schon gescheitert. Ihr Makel besteht eben darin,
entworfen worden zu sein und gebaut werden zu müssen. Deshalb
empfahl Kittsteiner, sich an die Orte selbst zu begeben und sich
nicht mit Surrogaten zufriedenzugeben, „…die sich anschicken,
am falschen Ort die falschen Gefühle abzurufen.” Die
Entwürfe dienten bloß der Selbstdarstellung der Kunst.
Die Aufforderung, die Orte des Geschehens aufzusuchen, ist ehrenwert.
Für diskussionswürdig halte ich aber den Vorschlag, aus
unserem historischen Bildgedächtnis heraus die dort bereitliegenden
Symbole kontemplativ („aufnehmend-passiv”) zu vergegenwärtigen.
Denn jedes Vergegenwärtigen ist immer schon aktive Interpretation,
die im Akt der Selbstreflexion als solche bewußt und benennbar
werden muß. Das Erinnern kann man nicht rein haben wollen,
als bloß andächtiges Eingehen in die vorgebliche Echtheit
unprätentiöser Bilder. Die erinnernde Deutung jedes Einzelnen
schon stellt eine ästhetische Leistung dar und ist deshalb
derjenigen eines Mahnmal-Entwurfs vergleichbar. Die hier diskutierten
als Materialisierung solchen Vergegenwärtigens erscheinen so
weder als verordnetes Gedenken noch als dessen Verdinglichung. Womöglich
verhindert gerade der Umstand, daß ihnen die Aura des Authentischen
fehlt, eine Verdinglichung von Geschichte. Der Rezipient eines „delokalisierenden”
Mahnmals kann sich nicht auf die schiere Authentizität
des Ortes verlassen. Ihm bleibt es überlassen, durch die
allegorische Evokation die Authentizität des Erinnerns
foro interno zu leisten, und zwar durch ein aktives Abgleichen
mit der auslösenden Konstruktion, in der er sich bewegt. Mag
sein, daß den schlechteren Entwürfen für das Berliner
Denkmal ihre Selbstverliebtheit anzusehen war. Aber auch die besseren
noch müssen sich immer auch um sich selbst kümmern,
d.h. um ihre Stellung im Diskurs zeitgenössischer Ästhetik.
Sie müssen zeigen, daß sie in diesem Diskurs zu Hause
sind und sich dort lokalisieren können. Zudem ist es notwendig,
den gerade auch durch die Diskussion aufgezeigten (urbanen, politischen,
kulturellen) Kontexten gerecht zu werden. Trotzdem geriet die Äußerung
Eisenmans, das Berliner Denkmal solle Verunsicherung und das Gefühl
der Instabilität im Besucher hervorrufen, zu einem didaktischen
Appell an diesen, der dann von der Realität enttäuscht
wurde.
III. Im Innern des ästhetischen Diskurses
Von der Forderung nach einer absoluten Darstellung unberührt
ist natürlich die Frage der Angemessenheit der ästhetischen
Mittel eines evokativen Konzeptes. In diesem Zusammenhang tauchte
ein weiteres oft genanntes Argument auf. Der Abstraktheit der besseren
Entwürfe wurde nicht zugetraut, die von einem Holocaust sinnfälligerweise
erwarteten emotiven und reflexiven Dispositionen evozieren zu können.
Stellvertretend dafür steht der Offene Brief, den im Februar
1998 19 Intellektuelle, darunter George Tabori, György Konrád
und Günter Grass, verfaßten. Man sehe nicht, so heißt
es an zentraler Stelle, „…wie eine abstrakte Installation
von bedrückend riesigem Ausmaß einen Ort der stillen
Trauer und Erinnerung, der Mahnung oder sinnhaften Aufklärung
schaffen könnte.” [zit. in: Cullen, M.S., Das Holocaust-Mahnmal.
Dokumentation einer Debatte, Zürich: Pendo 1998, S.290]
Walter Jens, zuerst selbst Jurymitglied, dann „in letzter
Minute” zu den Mahnmal-Gegnern überlaufend, schlug in
die gleiche Kerbe. Die Entwürfe eröffneten keine neue
künstlerische Dimension. Deshalb sei Rückbesinnung auf
das „Demütig-Bescheidene”, auf die einzelnen Zeugnisse
einer verschollenen Tradition geboten.
Innerhalb dieses Szenarios erschien der „große”
Entwurf wie eine Planierraupe auf archäologischem Terrain.
Der Kunst der Moderne wurde in diesem Zusammenhang vorgeworfen,
schon immer ein gebrochenes, verantwortungsloses Verhältnis
zur Geschichte gehabt zu haben. Das halte ich für eine Fehleinschätzung.
Das Signum der ästhetischen Moderne war es zwar, sich von allen
konkreten historischen Bezügen zu distanzieren und sich der
Tradition insgesamt gegenüberzustellen. Es gab jedoch keinen
anderen gesellschaftlichen Bereich, in dem sich aus dem unmittelbaren
Eingehen auf Ausdrucksformen anderer nichteuropäischer Kulturen
größere synergetische Effekte ergeben hätten.
Diese Entwicklung läßt sich als Transkulturation
der Kunst bezeichnet und in den Verbindungen der europäischen
Ästhetik mit der fernöstlichen Kultur (Gaugin, F.L. Wright),
den Kulturlandschaften des Orients (Macke, Klee), der afrikanischen
Plastik und Polyrhythmik (Kubismus, minimal music, G. Ligeti) und
Jazz-Musik (E. Krenek, I. Stravinsky) aufzeigen; eine neuere Untersuchung
von Christa Lichtenstern zeigt, daß diese De-Eurozentrierung
gerade auch in der deutschen Skulptur des 20. Jahrhunderts aktiv
vollzogen wurde und Künstler wie Kirchner und Schmidt-Rottluff
nicht nur die Figuren- sondern auch die Lebenswelt afrikanischer
Stammeskunst übernommen haben Der europäischen Kunst
muß also das Phänomen interkultureller Kommunikation
und der Schmerz ihrer Unterbrechung ganz konkret vorstellbar sein.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier nur
eine Rhetorik wiedergekäut wurde, mit der schon früher
den gewagteren Ausdrucksformen der Moderne begegnet wurde: der zweiten
Wiener Schule wurde Abstraktion und Kälte genauso vorgeworfen
wie großen Teilen der Bauhaus-Ästhetik, der Architektur
Adolf Loos´, der späten Lyrik Mallarmés und der
Malerei Mondrians. Was als kalt, abstoßend oder ironisch distanziert
kritisiert wurde, war aber in den meisten Fällen nur das bewußte
Zurücktreten von einer abgelebten, zum Klischee erstarrten
Symbolik. Verfechtern der stillen Einkehr und unaufdringlicher Winke
aber wurde es angesichts des Stelenfelds mulmig:
„An einem Denkmal, das sich düster über den Betrachter
erhebt, besteht kein Bedarf. Den Vorübergehenden sollte es
nicht durch Verunsicherung und Locken in ein Labyrinth depressiv
stimmen wollen. Sollten diese Pläne verwirklicht werden und
ich wäre Berliner, dann würde ich diesen Platz meiden.
Die Menschen werden nicht hingehen, weil sie ihn (nicht ohne Grund)
für gefährlich halten werden: Warum sollten sie einen
bedrohlichen und unangenehmen Ort aufsuchen?” [in: Konrád,
G., „Abschied von der Chimäre. Wider das Holocaust-Denkmal”,
in: Das Holocaust-Mahnmal. Dokumentation einer Debatte, a.a.O.,
S.193]
Plötzlich war Schonung des urbanen Bewohners erstes Ziel.
Was aber ist Auschwitz anderes als ein solcher Ort? Soll man dankbar
sein für die Distanz zwischen ihm und Berlin? Konrád
lieferte geradewegs eine Begründung für den abstrakten
großen Entwurf: wenn es schon nicht an die authentischen Orte,
so kommt das historisch mündige Subjekt hier wenigstens an
ein Negativ der wirklichen Aufruhr, die sich dort abgespielt
haben muß. Ist die abstrakte Konstruktion in sich stimmig,
d.h läßt sich ihre physische Ausdehnung als Konsequenz
der Logik des Bezugs der Einzelelemente verstehen, dann wird der
Rezipient auch, animiert von dieser Stimmigkeit, foro interno den
Bezug zwischen objektiver (erzählter) und subjektiver (individuell
erlebter) Geschichte stimmig herstellen können. So viel Vertrauen
darf man in die Bewältigungskraft des Großstadtbewohners
haben, der im überdeterminierten urbanen Raum etliches Weitere,
nicht weniger Gefährliche gewärtigen muß. Ich sehe
keine andere als die „negative”, abstrakte Weise, wie
das Einzigartige ins Alltägliche des urbanen Geschäfts
eingebracht werden kann.
Wahrscheinlich ist es eher eine andere, kulturgeschichtliche Entwicklung,
die ein klar definierbares Problem jeder zeitgenössischen Mahnmalkunst
darstellt. Allgemein anerkannt ist, daß der Prozeß gesellschaftlicher
Modernisierung den Übergang von einer kulturräsonierenden
zur einer kulturkonsumierenden Öffentlichkeit vollzogen hat,
wie Jürgen Habermas schon in den 1960er Jahren konstatierte.
Öffentliche Rezeption findet heute vorwiegend in den elektronischen
Massenmedien statt. Das ist der eine Aspekt. Er hat dazu geführt,
daß keine kritische Bezugnahme unbeachtet bleibt und die erzeugte
Pluralität der Meinungen anscheinend keinen Konsens über
eine ästhetische Deutung von Geschichte zuläßt.
Dazu kommt eine Entwicklung, die spätestens seit den 1970er
Jahren als Ästhetisierung des Alltags diagnostiziert wird.
Der Austausch zwischen hoher und Konsumkultur geht heute wie selbstverständlich
vonstatten. Neben dem Verkehr sind es Werbung, der immense finanzielle
Aufwand bei der Produktgestaltung und eine immer mehr sich durchsetzende
„Erlebnisarchitektur”, die den urbanen Raum definieren.
Das Konzept, die Funktion einer Sache präge deren Ästhetik,
wird abgelöst durch die Vorstellung, Ästhetik selber sei
die Funktion einer Sache. Attraktivität wird zur obersten Instanz.
Diverse Kritiker der Postmoderne formulieren daraus folgernd die
Konsequenz, Kunst sei ubiquitär geworden, sie habe kein Außerhalb
mehr. Was von den gängigen Gestaltungskonzepten maßvoll
abweicht, wird schnell als kooptierbar erkannt oder gibt sich meist
als von vorneherein kooptierwillig zu erkennen. Das zeigt sich vor
allem im urbanen Umfeld, in der eine beliebige, scheinkritische
Bestückung öffentlicher Plätze mit Skulpturen um
sich gegriffen hat. Die IKEAisierung der Stadträume ist unübersehbar.
Deshalb gerade wirken die schlechteren Mahnmal-Entwürfe auch
so unangemessen, weil ihre erkennbar kalkulierte Fremdheit dem konventionell
ästhetisierten Alltag so reibungslos integrierbar ist. Vor
der Folie des schlechthin Außeralltäglichen, der Shoah,
erscheint das in seiner Alltäglichkeit des modischen Kitsches
Entlarvte als unerträglich. Die konsequenteren Entwürfe
versuchten deshalb, dieses Spiel nicht mitzuspielen. Sie entzogen
sich der Alltagsästhetik, indem sie gar nicht gestalteten:
das Grundstück veräußern, es brach liegen lassen,
das Mahnmal der Stadt entziehen wollten. Sie gestalteten nicht,
sie entstalteten – offensichtlich deshalb, weil sie nicht
an einer ostentativen, von vorneherein durchsichtigen Codierung
teilnehmen wollten. Denn jeder öffentliche Auftrag muß
natürlich seine Intentionen aufdecken, und Autor und Rezipient
wissen demnach, was von ihm gefordert wird. Doch Vorschläge
wie die von Eisenman versuchten, es nicht bei der blanken Negation
zu belassen. Sie vertrauten darauf, daß der individuelle Entwurf
die Balance zwischen Negation und Ausdruck findet, eine Balance,
die nur hier und jetzt gilt und kein Dogma werden kann. Kalte Abstraktion
ist, glaube ich, nur ein spröder und wenig reflektierter Ausdruck
für eine solche prekäre Balance. Mit ihr lebt ja auch
die Hoffnung fort, daß die zukünftigen Reaktionen auf
das gebaute Mahnmal so vielfältig und unvorhersehbar sein werden
wie die vergangene Diskussion.
Kittsteiner hatte in einer der fundiertesten Untersuchungen zum
Thema die These ins Zentrum gestellt, an der Mahnmal-Diskussion
lasse sich ablesen, daß die postnarrative Kunst den Einbruch
der Geschichte nicht ertrage. [Kittsteiner, H.D., Die Geschichte
nach dem Ende der Kunst, Merkur Nr.589, April 1998, wiederabgedruckt
in: Der Denkmalstreit – das Denkmal?, a.a.O., S.527; und,
fortführend: ders., Staatskunst und Kunstbetrieb, in: Das Ende
des XX. Jahrhunderts. Standpunkte zur Kunst in Deutschland, Hrsg.
J. Jäger u. P.-K. Schuster, Köln 2000, S.120-140, bes.S.134-138]
Nach dem von Hegel festgestellten Ende der Kunst schien nur noch
ihr Wechselbalg fortzuleben, das Dekorative, die dienende Kunst,
die an der mit dem Berliner Mahnmal gestellten Aufgabe notwendig
scheitern muß. Zur Verdeutlichung führte Kittsteiner
den Vorschlag eines Auschwitz-Überlebenden an, das Warschauer
Denkmal für den Ghetto-Aufstand als Kopie in Berlin aufzustellen
– undurchführbar, weil Deutschland sich nicht mit Opferländern
in eine Reihe stellen dürfe. Was Kittsteiner aber mehr interessierte,
war der Umstand, daß der Autor Nathan Rapoport in seinem Entwurf
die Ästhetik der Moderne desavouierte und im Angesicht der
Realität des Aufstands einen heroischen Realismus ins Werk
setzte. In diesem Zusammenhang brachte Kittsteiner Hegel ins Spiel,
wahrscheinlich um zu suggerieren, daß nach dem von ihm propagierten
Ende der Kunst nur eine vormoderne noch Aussicht auf Erfolg habe.
Hegel hatte seinen Abgesang auf die Kunst begründet mit der
Tatsache, daß ihre Form aufgehört habe, das höchste
Bedürfnis des Geistes zu sein – auch hinsichtlich der
vollkommensten Werke: „… es hilft nichts, unser Knie
beugen wir doch nicht mehr.” Ironischerweise war es gerade
das Warschauer Denkmal, das Willy Brandts denkwürdigen Kniefall
erlebte. Das sind die Überraschungen der Kunst. Vielleicht
haben sie aber nichts zu tun mit der programmatischen Ablehnung
einer surrealistischen „Beliebigkeit”. Picassos Guernica
ist kein realistisches Werk, und einige linksorientierte spanische
Politiker bezeichneten es als antisozial, lächerlich und dem
gesunden Sinn des Proletariats völlig inadäquat. Trotzdem
es ästhetisch auf der Höhe seiner Zeit war, hat das offizielle
Auftragswerk scheinbar den Einbruch der Geschichte in die Kunst
absorbieren können. Außerdem hat sich bei einem prominenten
neueren Beispiel gezeigt, wo die figurative, Leid konkret darstellende
Denkmalskunst problematisch wird. Die Stadt Wien enthüllte
1988 ein „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus” von Alfred
Hrdlicka auf dem Platz vor der Albertina. Die Denkmalgruppe besteht
aus einem „Tor der Gewalt” mit der Darstellung von Kriegsopfern
durch Hunger und Massenmord, einem kopfsteinwaschenden Juden (in
Erinnerung an die Schikanierung österreichischer Juden 1938),
einem Block „Orpheus betritt den Hades” als Mahnmal
für Widerstandskämpfer und als Abschluß einen aufragenden
Stein mit eingemeißelten Auszügen aus der österreichischen
Regierungserklärung vom April 1945.

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Das ambitionierte, expressiv-gegenständliche Werk hat bis
heute eine unglückliche Rezeptionsgeschichte. Der kniende Jude
wurde von der jüdischen Gemeinde als verhöhnend und naiv
bezeichnet, Simon Wiesenthal hielt das Ganze für ein „Denkmal
der Erniedrigung”. Touristen mißbrauchten in Unkenntnis
die Straßenwäscher-Skulptur als Ruhebank oder Jausentisch,
sodaß sie verstacheldrahtet werden mußte. Schließlich
wurde die Anordnung der Einzelelemente, die auf den Stein mit den
Regierungserklärungsauszügen ausgerichtet scheint, als
Fortschreibung jenes rot-weiß-roten Opfer- und Heldenmythos,
der seit 1945 die offizielle Erinnerungskultur des Landes bestimmte,
angesehen. Man hat nun aber gesehen, daß auch dem Berliner
Denkmal solche Verballhornungen nicht erspart geblieben sind. Vielleicht
liegt das in beiden Fällen daran, daß bestimmte Rezeptionsweisen
vorgegeben und andere als nicht angemessen definiert wurden. Beide
Werke hatten es versäumt, die Idee eines differenzerzeugenden
Forums über den Bezug zu destruktiver Geschichte konsequent
ins Werk zu übersetzen.
IV. Ein Vergleich
Die Schwierigkeiten des Berliner Projekts lassen sich vielleicht
besser verstehen, wenn man sie mit einem ähnlichen Vorhaben
in Wien vergleicht. Es handelt sich um das am im Oktober 2000 eingeweihte
Denkmal von Rachel Whiteread auf dem Judenplatz in der Wiener Innenstadt.
Das Shoah-Mahnmal wurde zum Gedenken an die 65.000 in nationalsozialistischen
Konzentrationslagern ermordeten österreichischen Juden errichtet.

Seine Dimensionen sind mit denen in Berlin natürlich nicht
zu vergleichen: Es handelt sich um eine Stahlbetonkonstruktion mit
einer Grundfläche von 10 x 7 m und einer Höhe von 3,8
m. Die Seitenwände des Kubus sind als Bibliotheksregale mit
nach außen gewendeten Bücherreihen modelliert. In die
überkragende Bodenplatte des Kubus sind die Namen der Lager
eingeschrieben, in denen österreichische Juden zu Tode kamen.
Da bei den Bauarbeiten zum Mahnmal die Fundamente der mittelalterlichen
Synagoge der jüdischen Gemeinde Wiens zum Vorschein kamen,
befindet sich heute unterirdisch unter dem Kubus ein Museumstrakt.
Er beherbergt drei Schauräume zum Judentum in Wien im Mittelalter
und die Ausgrabungen der damaligen Synagoge.
Die Vorgeschichte der Mahmal-Errichtung in Wien ist vielleicht
weniger komplex und langwierig, in ihren Grundzügen jedenfalls
stimmt sie mit der in Berlin überein. Simon Wiesenthal hatte
1994 den Vorschlag gemacht, in Wien ein Denkmal für die im
II. Weltkrieg ermordeten Juden zu errichten, da es ein solches in
Österreich noch überhaupt nicht gebe. Es wurde eine internationale
Jury gebildet, die unter dem Vorsitz von Hans Hollein neun ausgesuchten
internationalen Künstlern Einladungen erteilte. Die britische
Bildhauerin Rachel Whiteread erhielt den Zuschlag. Mitte 1996 kam
es zu einer Debatte über die Realisierung, die die Probleme
des Standorts, die Ausmaße des Mahnmals und die Geltung der
mittlerweile lokalisierten Überreste der mittelalterlichen
Synagoge ins Spiel brachte. Sie führte dazu, dem eigentlichen
Mahnmal unterirdische Schauräume und ein Dokumentationszentrum
über die Geschichte der österreichischen Juden im Mittelalter
anzugliedern. Proteste von Anrainern und Vorschläge, die Synagogenfunde
anstelle des Mahnmals auszustellen, führten zur zwischenzeitlichen
Aussetzung des Baubeginns. Im Juni 1998 ist die Revision der Gesamtplanung
abgeschlossen und im Januar 1999 begannen die Bauarbeiten. Bautechnische
Probleme am Schauräumetrakt verzögerten die Enthüllung
des Mahnmals bis zum Oktober 2000.
Nach dieser Enthüllung zeigte sich unzweifelhaft, daß
die Realisierung des Wiener Mahnmals in vielen Punkten schlichtweg
mißlungen ist. Zum einen ist der metaphorische Gehalt des
Whiteread-Entwurfs fragwürdig. Seine hinsichtlich des Themas
sehr indirekten, abstrakten Züge womöglich der Weigerung,
Tod und Leiden der Opfer darzustellen, zuzuschlagen, mag noch angehen.
Doch schon die Geste des nach außen gewendeten Buchs ist zweideutig.
Die Konstruktion einer verschlossenen Bibliothek, die dem Betrachter
nur ihre Außenseite zukehrt, verfolgt eigentlich die Intention
des Hermetischen, eine Dialektik von Andenken und Verschliessung.
Gerade der Buchschnitt, der dem Betrachter zugewandt ist, suggeriert
aber die Zugänglichkeit des Wissens, das ein Buchrücken
nicht preiszugeben scheint. Alles, was an der Kabbala das Rätselhafte
der jüdischen Schriftkultur ausmacht, wird hier anscheinend
umgekehrt und in ein nach außen getragenes Offenbares verwandelt.
Ein weiterer Punkt betrifft die Abmessungen und charakteristische
Stilmerkmale des Kubus. Sie verweisen auf die den Judenplatz umgebenden
Bürgerhäuser des 19. Jahrhunderts. Die Deckenrosette und
die kassettierte Flügeltür zeigen das genauso wie die
Größe der Bibliothek, die der eines typischen Raums einer
Judenplatzwohnung entspricht. Man fragt sich, in welcher Weise sich
diese Symbolik tiefbürgerlicher Wohnkultur auf die Tragik der
Shoah, auf Funktion und Ausdruck jüdischen Glaubens beziehen
lassen oder wie man daraus einen Gestus der Infragestellung und
Verstörung dogmatisch-christlicher Selbstgefälligkeit
herauslesen soll.
Schließlich wurden bei der Umsetzung des Entwurfs Fehler
gemacht. Es bleibt wohl das Geheimnis der Künstlerin, warum
sie die im Modell gut sichtbare Unregelmäßigkeit in der
Reihung der Bücher bei der Ausführung einer vollständig
schablonierten, in allen Stücken identischen Kopierung der
Basisform, eines in Holz geschnitzten Hardcover-Folianten, geopfert
hat. So sehr haben nun die dargestellten Bücher ihre Individualität
und Lebendigkeit verloren, daß die gleichlangen und breiten
Buchreihenelemente auch bei näherem Hinsehen noch der Fassadenornamentik
des Erdgeschosses und 1. Stocks der umliegenden Bürgerhäuser
gleichen. Außerdem steht der Modellentwurf auf einer Milchglasplatte,
die dem Kubus eine aussagefähige Isoliertheit und Entrücktheit
vermitteln. In der Realisierung besteht aber die Bodenplatte aus
demselben Gußbeton wie die Hängeelemente, was zusätzlich
noch die Imaginierung des papierenen Charakters der Bücher
erschwert.
Trotzdem: auch im Fall des Wiener Mahnmals zeigt sich für
meine Begriffe, daß man der Kunst nicht mehr die Funktion
der Repräsentation, hier des österreichischen
Anteils am Genozid, abverlangen sollte, sondern die des Ferments.
Werke wie die Whitereads, mögen sie auch ästhetisch unzulänglich
sein, lösen eine geschichtliche und zeitdiagnostische Suche
aus. Im Wiener Fall haben sie zur Ausgrabung der mittelalterlichen
Synagoge, einer Dokumentation der Wiener jüdischen Gemeinde
im Mittelalter, einer Distanzierung von einer Schmähschrift
auf einem Relief am Platz [Das sogenannte „Jordanrelief”
von 1497 bezieht sich auf die Ereignisse 1421, als sich die jüdische
Gemeinde einer Zwangstaufe durch kollektiven Freitod entzogen. Es
trägt die Inschrift: „Durch die Fluten des Jordan wurden
die Leiber von Schmutz und Übel gereinigt. Alles weicht, was
verborgen ist und sündhaft. So erhob sich 1421 die Flamme des
Hasses, wütete durch die ganze Stadt und sühnte die furchtbaren
Verbrechen der Hebräerhunde. Wie damals die Welt durch die
Sintflut gereinigt wurde, so sind durch das Wüten des Feuers
alle Strafen verbüßt.”] und zur Umgestaltung
eines zentralen Innenstadtplatzes geführt. In kontroversen
Debatten findet die Bevölkerung so einen multiplen Zugang zu
einem geschichtlichen Ereignis, zu einem spezifischen urbanen Kontext.
Durch ihren auslösenden und anfachenden Charakter sorgt Kunst
dafür, daß Gesellschaft Geschichte aufsucht. Noch konsequenter
wäre es allerdings auch hier gewesen, diese Suche nach historischer
Wahrheit als Prozeß eigens im Werk in Gang zu setzen.
V. Konsequenzen: Historisierung des Schreibens und Bedeutens
Phillipe Lacoue-Labarthe hat den Hölderlinschen Begriff der
Zäsur benutzt, um das Ereignis Auschwitz damit zu definieren.
Auschwitz sei reines, leeres Ereignis, Enthüllung des Nichts.
Giorgio Agamben unterstützt diese These mit seiner Behauptung
von der Unbezeugbarkeit von Auschwitz; es sei Unterbrechung jeglicher
Ordnung, jeglichen Gesetzes. Entscheidend im Zusammenhang unserer
Argumentation ist aber, daß sowohl Lacoue-Labarthe als auch
Agamben betonen, Auschwitz sei historische Zäsur unserer
Zeit. In der zeitgenössischen Denkmalskunst gibt es eine Reihe
von Arbeiten, die sich mit dem Problem des historischen
Verschwindens der Schrift, mit der Historisierung des Schreibens
und Bedeutens auseinandersetzen und damit den oben erwähnten
Prozeß der Produktion von immer wieder neuen Differenzen in
der Interpretation politischer Geschichte ins Werk hineinzuholen.
In der Geschichte des Diskurses um die Darstellbarkeit der historischen
Negation jeglicher Darstellbarkeit, als die Auschwitz gilt, prallen
ja immer wieder diese beiden, sich gegenseitig scheinbar isolierenden
und ausschließenden Deutungen aufeinander: Bild/Schrift als
Wahrheit und Bild/Schrift als entwertendes Scheinsubstitut. Gerade
das Ereignis Shoah, in seiner Destruktion aller Repräsentationsmuster
der Aufklärung, polarisiert damit die beiden Grundelemente
der abendländischen Kultur: Rationalität und Mythos, im
Sinne der Idee des Wissens und der des Glaubens. Die Gegenstellung
aufzulösen gelingt, so unsere These nach der Untersuchung einiger
Phänomene zeitgenössischer Denkmalkunst, nur, wenn es
explizit das geschichtliche Verschwinden von Schrift und
Bild selbst ist, das Ereignischarakter erhält, ohne daß
das Subjekt die Kontrolle übernimmt über die Inhalte dieser
Schrift und dieses Bilds. Das, so unsere Behauptung, ist der Fall
bei zwei zeitgenössischen Künstlern, die wir abschließend
vorstellen wollen.
VI. Zwei weitere Positionen:
Sozialisierung des Schreibens, Schaffung von bespielbaren Oberflächen
Im Fall Jochen Gerz möchte ich zwei seiner Arbeiten einander
gegenüberstellen. Das Harburger Mahnmal gegen Faschismus (1986-1993,
zusammen mit Esther Shalev-Gerz) wurde als 12 Meter hohe, bleibeschichtete
Säule mir leerer Oberfläche konzipiert, neben der eine
Texttafel die Betrachter einlädt, mit einem Stahlstift in die
Bleihaut zu unterschreiben und sie gleichzeitig darauf hinweist,
nichts könne sich an ihrer Stelle gegen das Unrecht erheben
(Abb.4). Wenn jeweils der untere, erreichbare Teil der Säule
von Passanten beschrieben war, (die de facto nicht nur unterschrieben,
sondern auch kommentierten, beschmierten und die Skulptur mit Bohrern
und Schußwaffen manipulierten), folgte eine Teilabsenkung
der Säule, um weiter oben liegenden Platz zur Beschriftung
erreichbar zu machen. Insgesamt wurde die Säule siebenmal abgesenkt.
Heute ist sie unsichtbar in den städtischen Platz eingesenkt.

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Das Verschwinden der Schrift und der Säule sind hier Konsequenz
der permanenten, immer wieder erneuerbaren Sozialisierung des Schreibens
(und natürlich des Konzepts der Künstler). Das Schreiben
ist nicht nur definiert durch den Künstler, sondern auch durch
den Betrachter. Der Betrachter hätte noch mehr Einfluß,
wenn Gerz nicht nur zur Unterschrift aufriefe, sondern auch zu einem
Kommentar. Genau dies geschieht in der Bremer Befragung, einer Arbeit
anläßlich der Verleihung des Rolandpreises an den Künstler.
Der Künstler befragte die Einwohner der Hansestadt, welche
Kunst sie wollten, und veranstaltete mit den Engagiertesten öffentliche
Seminare, in denen man über die Möglichkeit von Kunst
im öffentlichen Raum diskutierte, ohne daß am Ende dieses
Diskurses ein Werk im herkömmlichen Sinn realisiert wurde.
In beiden Fällen gelangt der ästhetische Prozeß
sowohl über den Subjekt- als auch über den Objektbegriff
der Moderne hinaus. Der Künstler kontrolliert nicht mehr alle
Parameter des Werks, er ist weder sein Autor noch sein Editor, er
bestimmt nur noch die Raum- und Zeitdaten des Wo und des Wann, nicht
mehr des Was und Wie. Er schafft beschreibbare Oberflächen.
Damit wird auch der gängige Objektbegriff hinfällig, der
Inhalte in eine zeitlose Form gießen soll. Da kein Objekt
da ist, gibt es auch keine Betrachter. Der Schreibende fällt
aus seiner aufnehmenden Rolle heraus und wird Teil des heterogenen,
temporalen und historisch in sich reflektierten Konkretisierungsprozesses.
Das Verschwinden der Schrift und des Bildes im Sinne einer Konkretisierung
des Ausdrucks des Künstlergenies geben den Blick frei auf den
temporalisierten Markierungscharakter der Kunst, die somit erstmals
in der Lage ist, die konkrete Zerstörung des Darstellungsprinzips
im staatlich organisierten absoluten Terror in ihrer historischen
Dimension zu reflektieren.
Ähnlich verhält es sich mit einem Projekt von Horst Hoheisel,
dessen Realisierung noch aussteht. Hoheisel wird im Laufe des Jahres
2006 in Buenos Aires Betroffene der argentinischen Militärdiktatur
von 1976-1983 zusammenrufen, um mit ihnen gemeinsam eine „Chemie
der Erinnerung“ auszuarbeiten, bei der die Teilnehmer Erinnerungsarbeiten
zu einem work-in-progress gruppieren können. Die Sammlung soll
dann im urbanen Raum temporär bewegt werden. Hoheisel meint,
er wolle „nur der Katalysator dieses Prozesses sein, der dem
Erinnerungsprozeß die ästhetische Form gibt, während
den Inhalt der Sammlung die von der Geschichte direkt betroffenen
Menschen und Gruppen in Buenos Aires bestimmen“. (in einer
Mitteilung Hoheisels vom 17.3.2005 an den Autor) Was an Bildern
und an Schrift in das Kunstwerk eingeht, bestimmt nicht der Künstler,
sondern das historische Zeitmoment (das allerdings der Künstler
zum Thema der Aktion gewählt hat) sowie Gedächtnis und
Ausdrucksvermögen der Teilnehmer. Erinnerung wird kollektiv
und manifestiert sich als ästhetisch definierte Beweglichkeit
im urbanen Raum. Dieses Konzept wird möglich durch die Überwindung
der Idee individueller Autorenverantwortung für das Resultat
des Formen- und Inhaltsaufwands eines Werks. In dem Grade, in dem
der Autor sich Bild und Schrift als Träger des Repräsentationsparadigmas
entledigt, eröffnet sich den Betrachtern die Möglichkeit,
dem einseitigen Rezeptionsparadigma zu entgehen und kollektive Erinnerung
ästhetisch ins Werk einzuschreiben. Dabei kann auch Kritik
an Darstellungsformen der anderen Teilnehmer ins Werk selbst eingehen.
Das Werk stellt seine Selbstkritik eigens dar.
Buenos Aires, Mai.2006
Der Autor ist Gastprofessor für Ästhetik an der Universidad
de Buenos Aires, Argentinien.
© Europa Revue 2006 |